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Niklas Kaul und Gina Lückenkemper: Die Stars der Zukunft der Leichtathletik bei European Championships

Triumphe zur rechten Zeit : Wie Kaul und Lückenkemper die Leichtathletik anführen sollen

Hinter den EM-Titeln für Gina Lückenkemper und Niklas Kaul stecken spezielle Geschichten. Und die Hoffnung einer ganzen Sportart auf eine bessere Zukunft.

Es sah ein bisschen unbeholfen aus, wie Gina Lückenkemper am Mittwochnachmittag aus dem Auto vor dem Mannschaftshotel im Münchener Norden ausstieg. Auch die ersten Schritte waren eher unrund. Der Sturz nach dem sensationellen Gold-Lauf in 10,99 Sekunden über die 100 Meter hat seine Spuren hinterlassen. Eine Fleischwunde am linken Knie, Schwellungen und Schürfwunden am rechten Knie, nur zwei Stunden Schlaf, weil sie keine vernünftige Liegeposition fand.

Auch die Party nach dem Sensationscoup fiel etwas anders aus, als sie es sich erhofft hatte. „Ich wollte das etwas anders zelebrieren, wenn ich schon einmal Europameisterin werde“, sagte die 25-Jährige. Statt im Mannschaftshotel anzustoßen, feierte die frischgebackene Europameisterin noch am Dienstagabend eine weitere Premiere: erstmals eine Fahrt im Krankenwagen, erstmals in einer Notaufnahme. Dort wurde ihre Wunde zunächst genäht, dann musste sie noch eine Dopingprobe abgeben. Kurz nach eins war sie erst im Hotel zurück, saß dann kurz mit ihrem Trainer Lance Baumann zusammen.

Etwas anders sah der Abend bei Niklas Kaul aus, der sich kurz vor Lückenkemper zu Europas Zehnkampfkönig krönte. Zwar musste er seine Ehrenrunde kurzzeitig abbrechen, als ihn die Erschöpfung nach dem 1500-Meter-Lauf doch noch übermannte, aber anders als seine Teamkollegin konnte er sie wenigstens durchführen. Und anders als Lückenkemper bekam er auch noch ein Belohnungsbier. Später gab es noch Champagner in einer Location am Olympiasee, sagte er. „Aber keine ganze Flasche allein. Das geht nach einem Zehnkampf nicht“, scherzte er. Gegen vier Uhr war er wieder im Hotel und beschwerte sich mit einem Augenzwinkern über einen Physiotherapeuten, der mit einer vermeintlichen Abkürzung durch den Olympiapark den Abend unnötig verlängerte.

Lückenkemper und Kaul hatten somit beide auf ihre jeweils eigene Weise genug Zeit, diesen großen Leichtathletik-Abend im Olympiastadion Revue passieren zu lassen. „Es ging Schlag auf Schlag“, sagte Kaul. Und wie: erst holten Kristina Pudenz und Claudine Vita Silber und Bronze im Diskuswurf, bevor er selbst nach einem fulminanten Speerwerfen und einem herausragenden 1500-Meter-Lauf zu EM-Gold rannte. „Dann setzt Gina auch noch einen drauf“, sagte er kopfschüttelnd.

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„Wir Trainer können uns nicht an solch einen Tag wie diesen erinnern“, frohlockte Chefbundestrainerin Annett Stein.

Mit Kauls EM-Titel hatte man im Vorfeld im Lager der deutschen Leichtathletik vielleicht noch gerechnet, doch Lückenkempers Triumph kam eher überraschend – für sie auch. „Ich hatte nach dem Halbfinale noch darüber nachgedacht, auf das Finale zu verzichten“, sagte sie. Die Rückseite der Oberschenkelmuskulatur machte ihr die vergangenen Tage zu schaffen, in der Vorschlussrunde ging sie stark getaped an den Start. Erst ein Gespräch mit ihrem Trainer Baumann, das laut ihrer Aussage eher einem Anpfiff gleichkam, veränderte am Dienstagabend alles. „Den habe ich gebraucht“, sagte sie. „Er sagte zu mir: ‚Lauf doch einfach vernünftig‘.“ Denn ausgerechnet vor der EM hatte sich ein Technikfehler bei ihr eingeschlichen. „Wir haben vor dem Finale noch eine 20-minütige Technikeinheit gemacht und auf einmal hatte ich keine Schmerzen mehr“, so Lückenkemper. So einfach ist also das Gold-Geheimnis der Teamkapitänin der deutschen Leichtathleten während der European Championships. Auf der Strecke war es dann zusätzlich ihr unbedingter Wille: „Ich wollte das Ding!“

Wie sehr, hatte man deutlich gesehen. Sie streckte sich an der Ziellinie so stark, dass sie vornüber fiel und sich mit den Spikes an den Schuhen selbst das Knie aufriss. Eine Verletzung, die sie nun vor der 4x100-Meter-Staffel zittern lässt. „Zum aktuellen Zeitpunkt kann ich im Vorlauf nicht antreten“, sagte sie. Für das Finale am Sonntagabend würden sie und ihr Team aber alles geben. Schließlich ist nach WM-Bronze vor ein paar Wochen in Eugene (USA) der EM-Titel ein durchaus realistisches Ziel. Und sie verspricht: „Bei mir ist noch viel möglich. Ich bin gerade erst dabei, meinen Motor wieder aufzubauen.“

Kaul hingegen wird nun den Motor etwas schonen, nachdem er in den vergangenen Monaten gleich drei Zehnkämpfe bestritt. Irgendwann richtet sich der Blick dann auf die Olympischen Spiele 2024 in Paris. „Der Olympiasieg ist der einzige, der mir noch fehlt“, sagte er, nachdem er 2019 bereits überraschend Weltmeister wurde, seitdem aber schwierige Jahre hinter sich hatte.

Mit seinen beiden internationalen Titeln ist er nun Teil der großen deutschen Zehnkampf-Geschichte. Jürgen Hingsen, Frank Busemann, Siegfried Wenz – und Kaul. Fassen kann er es noch nicht. „Sich in eine Reihe mit den großen Namen einzureihen, das ist surreal“, sagte er.

Ähnlich wie diese großen Namen sollen nun Lückenkemper und Kaul die Leichtathletik in die Zukunft führen. Nach der großen Kritik nach der verpatzten WM in Eugene ist die aktuelle Bilanz zwar Balsam auf die deutsche Leichtathletik-Seele – mehr aber noch nicht. Das wissen auch die beiden.