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Niklas Kaul ist Europameister im Zehnkampf: Gold bei Leichtathletik-EM, European Championships

Emotionaler Abele-Abschied : Fulminanter Kaul ist Zehnkampf-König von München

Niklas Kaul hat in München für einen absoluten Höhepunkt gesorgt. Am Dienstag wurde er im Zehnkampf Europameister. Ein fulminanter Speerwurf brachte ihn auf die Siegerstraße.

76,05 Meter! Als diese Weite auf der Anzeigetafel erschien, gab es kein Halten mehr für Niklas Kaul. Der Zehnkämpfer breitete seine Arme aus und rannte los. Das Publikum im Münchener Olympia-Stadion intonierte den Klassiker „Oh wie ist das schön“. Der dritte Versuch im Speerwurf brachte den Weltmeister von Doha 2019 auf einen Medaillenrang – und selbst die Konkurrenz feierte mit Kaul diesen Championship-Rekord. Noch nie hatte ein Zehnkämpfer den Speer so weit bei einer Europameisterschaft geworfen. In diesem Moment dürfte Kaul klar geworden sein: Das könnte für Gold reichen. Und das tat es am Ende. Über die 1500 Meter lief Kaul herausragend, spielte seine stärke über diese Distanz aus, die ihn schon in Doha zum WM-Titel gebracht hatte. Blieb drei Sekunden unter seiner persönlichen Bestzeit und kann sich stolz Europameister nennen. Mit 8545 Punkten siegte er vor Simon Ehammer aus der Schweiz (8468) und dem Esten Janek Oiglane (8346).

„München wird ab jetzt einen ganz speziellen Platz in meinem Herzen haben“, sagte Kaul, der sich mit der Deutschland-Fahne um die Schultern nach diesem Kraftakt feiern ließ: „Bei den 1500 m sind mir fast die Ohren weggeflogen. Das emotional viel, viel mehr Wert als der WM-Titel.“

Schon am Montagabend war Kaul nach seinem Lauf über 400 Meter vollkommen euphorisch. „Es macht mir ein bisschen Angst gerade“, sagte er, nachdem er in in 47,87 Sekunden eine neue persönliche Bestzeit aufstellte – wie schon zum Einstieg in seinen Zehnkampf über 100 Meter. 4185 Punkte holte er am ersten Tag und damit einen mehr als bei der WM 2019 in Doha, als er Gold gewann. „Es ist schön, ab jetzt der Jäger zu sein“, sagte der 24 Jahre alte Mainzer da.

Doch offensichtlich schien ihm das zumindest auch ein wenig zu hemmen. Die Aufholjagd am Dienstag, seinem bekanntermaßen stärkeren zweiten Wettkampftag im Zehnkampf, wollte nicht so richtig vonstatten gehen. Startete er noch anständig über die 110 Meter Hürden, gelangen ihm im Diskuswurf schon nur noch 41,80 Meter. Siebeneinhalb Meter blieb er damit unter seiner Bestleistung von Doha. Und auch im Stabhochsprung blieb Kaul bei 4,90 Metern hängen.

Besser machte es der Schweizer Simon Ehammer, der mit 4661 Punkten schon zur Halbzeit klar in Führung lag. Der 22-Jährige aus dem Appenzellerland, der als riesiges Leichtathletik-Talent gilt, lieferte bereits einen herausragenden ersten Tag ab. Selbst der große Rückschlag mit gerade einmal 34,92 Meter brachte ihn nicht aus dem Konzept. Der Bronze-Medaillen-Gewinner im Weitsprung von der WM in Eugene stellte kurz darauf mit 5,20 Metern eine neue persönliche Bestleistung im Stabhochsprung auf und baute seinen Vorsprung nach acht Disziplinen noch weiter aus.

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Ex-Zehnkämpfer Frank Busemann brachte das auf den Punkt, was viele Zuschauer dachten. Für Gold „muss viel zusammen passen“, sagte der heutige ARD-Experte. Und das tat es dann auch. Im Speerwerfen, Kauls Lieblingsdisziplin, ließ dieser die Konkurrenz alt aussehen. Ehammer nahm er satte 22,5 Meter ab und schob sich ganz dicht in der Gesamtwertung an den Schweizer heran – und überholte ihn zum Abschluss schließlich. Dabei profitierte Kaul allerdings auch vom verletzungsbedingten Aus des Weltmeisters Kevin Mayer bereits nach den 100 Metern am Montag. Eine Oberschenkelverletzung stoppte ihn auf der Jagd nach dem Double in diesem Sommer.

Immer im Fahrwasser von Kaul und Ehammer schwamm derweil auch Kai Kazmirek, der den gesamten Wettbewerb über die Medaillen nie aus der Sichtweite verlor. Nach acht Disziplinen lag er aussichtsreich auf dem fünften Rang. Bis er im Speerwurf nie richtig in seinen Wettkampf fand und nur auf 61,23 Meter kam. Am Ende wurde er Achter.

Für den emotionalen Höhepunkt dieses Zehnkampfs sorgte neben Kaul auch ein anderer Deutscher: Arthur Abele. Er beendet nun seine Karriere – erlebte in München aber noch einmal alle Facetten seines Sports. Zunächst wurde er nach einem angeblichen Fehlstart im Hürden-Sprint disqualifiziert. Der deutsche Leichtathletik-Verband legte sofort Protest ein und Abele machte zunächst weiter im Diskuswerfen. Während des laufenden Wettkampfs kam für ihn die Meldung: Disqualifikation aufgehoben. Der 36-Jährige dürfte unter dem frenetischen Applaus der Fans mit einem Hürdensprint-Solo noch einmal die volle Aufmerksamkeit genießen, reckte die Arme wie ein Sieger in die Höhe und wurde wie ein Held gefeiert. „Ich bin fix und fertig. Ich bin nervlich total im Arsch“, sagte er noch auf der Bahn ins Stadionmikro, bevor er kurz darauf zum Stabhochsprung weiter musste. Seinen Wettkampf brachte er am Abend souverän über die Bühne.

Sein Ziel in seinem letzten Karriere-Wettkampf hat er damit erreicht. Er wollte nur nicht Letzter werden – am Ende war es Platz 15. Die Party am Abend dürfte entsprechend munter ausfallen. Auch dafür sind die Zehnkämpfer schließlich bekannt. Das deutete die kleine Infield-Feier nach dem Speerversuch von Kaul bereits an.