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European Championships 2022: Timo Boll startet mit spektakulärer Aufholjagd in Tischtennis-EM

Tischtennis-Idol : Boll startet mit spektakulärer Aufholjagd in die EM

Timo Boll sah schon wie der klare Verlierer in der ersten EM-Runde aus. Doch der 41-jährige Rekordeuropameister bewies beim 4:3 einmal mehr, warum er trotz zahlreicher Verletzungen immer noch zur Weltspitze gehört.

Er ist der Rekordeuropameister. Er ist der Titelverteidiger. Er ist der Oldie im deutschen Tischtennisteam bei den European Championships in München. Timo Boll ist eine Ikone im Tischtennis. Auch am Mittwochabend kamen Hunderte Fans in die Rudi-Sedlmayer-Halle, um dem 41-Jährigen bei seinem ersten Match bei dieser EM zuzuschauen. Bis kurz vor dem Start des Turniers war unklar, ob der achtmalige Europameister würde antreten können. Dem Spieler von Borussia Düsseldorf machten die Folgen einer Rippenverletzung zu schaffen. Pünktlich zum Turnier war Boll aber wieder spielfähig, auch wenn er sich noch nicht topfit fühlte. „Formtechnisch bin ich noch nicht da, wo ich sein will, hoffe aber, dass ich mich im Laufe des Turniers noch irgendwie steigern kann“, hatte Boll vor seinem ersten Spiel gesagt.

Gegen den Polen Samuel Kulczycki war Boll der Trainingsrückstand anzumerken. Der erste Satz ging 9:11 an den Polen. Boll wirkte vor allem bei den Schlägen in die Ecken chancenlos. Das zog sich auch durch das weitere Spiel. Mit seiner guten Technik konnte der Europameister die fehlende Beweglichkeit dennoch oft wettmachen. Der zweite Satz ging so auch mit 11:6 an Boll, der aber auch im dritten Satz nicht richtig zu seiner Stärke fand (9:11).

Das Publikum spürte, dass es für den Altmeister an diesem Tag eng werden würde. Jeden Punkt honorierte es mit Applaus, feuerte den Tischtennisstar zudem lautstark an. Doch es half nichts. Auch der nächste Satz ging verloren (5:11). Boll war zu oft zu spät. „Ich bin heute viel in die Ecken gesprungen, aber immer in die falschen“, befand der Borussia-Spieler.

„Auf geht’s, Timo!“ und „Kämpfen, Timo, kämpfen“, war nach dem 1:3 nach Sätzen immer wieder in der Halle zu hören. Alle hofften auf eine Aufholjagd des Deutschen. Die gelang ihm im fünften Satz. 3:7 lag er schon zurück, da ließ er das aufblitzen, was sein Spiel eigentlich ausmacht. Technik, Präzision, sein Aufschlagspiel - und Nervenstärke.

Der Vorteil der Erfahrung von fast 25 Jahren in der Weltspitze? „Einem nutzt die größte Erfahrung nicht, wenn einem die Antizipation fehlt und diese Routine bekommt man nur durch den Wettkampf. Da reichen sechs, sieben Einheiten nicht. Von daher war das jetzt das beste Training, das ich haben konnte, hier viele Sätze zu spielen“, sagte Boll. Er hoffe, dass er noch eine Schippe drauflegen könne, die nächsten Tage.

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Die Wende kam, als Boll es bei Rückschlägen mit der Rückhand probierte - 9:7 ging er zwischenzeitlich in Führung. Beim 11:9-Satzgewinn applaudierten die Zuschauer euphorisch.

Das Spiel kippte zugunsten von Boll. Jetzt war er wieder voll bei sich und seinem Erfolgsrezept: Nie aufgeben. „Dass so ein junger Spieler das auch erstmal über das Spiel bringen muss, war mir klar. Da werden die Arme dann auch lang und schwer“, meinte Boll. 11:1 ließ er dem jungen Gegner keine Chance, als dieser nachließ - 3:3 nach Sätzen. Im entscheidenden Durchgang war beiden Spielern die Hitze in der Halle und die Anstrengung deutlich anzusehen. Die Intensität ließ dennoch nicht nach. Boll jubelte bei Punktgewinnen lautstark und ballte die Faust. Am Ende war er der strahlende Sieger und bekam Standing Ovations.

Seinen ersten EM-Titel gewann Boll vor 20 Jahren. Den bis dato letzten im vergangenen Jahr. Mehr europäische Titel als die einstige Nummer eins der Welt holte kein anderer Tischtennisspieler vor ihm. Mit 41-Jahren merkt man dem Odenwalder zwar an, dass er nicht mehr so flink an der Platte ist, dass das Spiel nicht mehr so leicht geht. Mit seinem Spielgefühl und all seiner Erfahrung konnte er aber bisher immer noch auf Topniveau mithalten. Am Mittwochabend war er davon nach seiner Verletzung zeitweise weit entfernt - um dann doch noch sensationell zurückzuschlagen. Mindestens bis Olympia 2024 will er weitermachen.

Zuvor war bereits Dimitrij Ovtcharov in die nächste Runde eingezogen. Ovtcharov ballte beim 8:6 die Faust, motivierte sich. Es war für den Deutschen das erste Turnier-Spiel nach seiner Knöchel-Operation und langer Pause. Nach einem engen Beginn gewann er den ersten Satz gegen den Dänen Martin Buch Andersen, kam beim Zweiten aber zunächst nicht gut ins Spiel. Der 33-Jährige machte einige leichte Fehler und lag schnell 1:4 hinten. Dann zeigte er aber seine Erfahrung und zog locker davon. Der dritte Satz machte ihm ebenfalls wenig Probleme, der vierte Satz ging dann an den Dänen. Trotzdem war der Bronzemedaillen-Gewinner von Tokio 2021 am Ende relativ locker mit einem 4:1 in der nächsten Runde.

„Ich musste erst mal wieder reinkommen nach der langen Pause. Die Stabilität ist noch nicht da. Mal schauen, wie es bei der EM geht. Ich mache mir nicht so viel Druck und sage nicht ,Nur der Titel zählt für mich‘“, sagte Ovtcharov nach seinem Sieg im ersten EM-Spiel. Und schob hinterher: „Ich muss ja niemandem mehr etwas beweisen.“

Patrick Franziska hatte schon etwas eher den Sieg perfekt gemacht. Er gewann im Schnelldurchlauf 4:0 (11:8, 11:5, 11:4, 11:9) gegen den Tschechen Pavel Sirucek.

Auch Franziska tat sich im ersten Satz schwer. Vergangene Woche ist er zum ersten Mal Vater geworden. Seine EM-Teilnahme stand wegen der Geburt des Sohnes auf der Kippe. Am vergangenen Mittwoch war er für die Geburt wieder aus München abgereist. Erst in der Nacht zum Spieltag kam er wieder zurück. „Richtig viel Schlaf hatte ich nicht. Aber es ist ja eh alles schön, wenn man mit dem Kleinen schmusen kann“, sagte ein sichtlich glücklicher Vater. Vor dem EM-Match hatte er allerdings befürchtet, vor allem an der Tischtennisplatte nicht so fit zu sein. Immerhin hatte er mehr als eine Woche komplett mit dem Training ausgesetzt. „Es gab einfach andere Aufgaben die letzten Tage“, sagte der 30-Jährige.

Nach dem frühen Aus der Mixed-Doppel am vergangenen Wochenende war auch für die Frauen- und Männer-Doppel früher Feierabend als vom Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) erhofft. Im Achtelfinale traf das junge Doppel Annett Kaufmann und Franziska Schreiner ausgerechnet auf ihre routinierten Nationalteam-Kolleginnen Sabine Winter und Nina Mittelham. Damit war klar, dass höchstens ein deutsches Frauen-Doppel im Viertelfinale spielen würde. Mit einem 3:0 (11:5,11:8,12:10) setzen sich Winter/Mittelham durch. Doch im Viertelfinale konnten sie ihr souveränes Spiel nicht fortführen. Gegen Maria Xiao/Adina Diaconu (Spanien/Rumänien) verpassten sie mit einem enttäuschenden 3:1 (11:9,11:13,11:8,11:7) das Halbfinale und damit eine EM-Medaille.

Noch enttäuschender lief es für das Männer-Doppel. Der Düsseldorfer Dang Qiu und Benedikt Duda verloren 2:3 gegen die Österreicher Robert Gardos/Daniel Habesohn. Gegen die früheren Europameister hatten Qiu/Duda in der Verlängerung des Entscheidungssatzes sogar Matchball, konnten den aber nicht nutzen und schieden aus.

Damit ruhen die Hoffungen auf eine Medaille nun auf den Einzeln. Das Ergebnis von der EM in Warschau im vergangenen Jahr ist nicht mehr zu erreichen. Damals gab es viermal Gold und dreimal Silber für den DTTB – ein Rekord.

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