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European Championships 2022: Parasport - Integration in Kanu und Rudern

„Klasse, wie Inklusion umgesetzt wird“ : Der Parasport ist in München mittendrin – aber noch eine Minderheit

Bei den European Championships in München finden auch Wettkämpfe im Para-Rudern und -Kanu statt. Die Sportler mit Behinderung freuen sich über die Aufmerksamkeit. Doch es gibt auch noch einiges zu tun in Sachen Inklusion im Leistungssport.

Bei den European Championships geht es um sportliche Bestleistungen, EM-Titel und vor allem um mehr Aufmerksamkeit für Randsportarten, die es sonst gegen den großen Zuschauermagneten Fußball schwer haben. Die Zuschauerzahlen zeigen: Das Konzept funktioniert. Plötzlich stehen die Bahnradfahrerinnen, Tischtennisspieler und Kletterer im Mittelpunkt. Millionen schauen ihnen zu.

Noch viel ungewohnter ist diese Aufmerksamkeit für die Parasportlerinnen und -sportler, die an den European Championships teilnehmen. Normalerweise interessiert sich für ihre Wettkämpfe nur dann eine breitere Öffentlichkeit, wenn einige Wochen nach Olympischen Spielen auch die Paralympics stattfinden. Zu denen schafft es zum Einen aber nur ein Bruchteil der Parasportler, zum anderen finden sie eben als eigenes Event statt, sind nicht in die Olympischen Spiele integriert, profitieren also auch nur bedingt von der immensen Aufmerksamkeit für diese.

In den allermeisten Sportarten finden auch Welt- und Europameisterschaften separat statt. Die Para-Radsportler fahren zum Beispiel gerade um die WM-Titel, während die Radsportelite bei den European Championships antritt.

Und doch macht das Multisportevent in München einen wichtigen Schritt Richtung mehr Inklusion im Leistungssport. Diesmal finden gleich zwei Para-Sportarten im Rahmen der neun Europameisterschaften statt: im Rudern und im Kanu. In beiden Sportarten finden die Titelkämpfe schon seit einigen Jahren zusammen statt. Aber das Multisportevent macht die Sportler mit körperlichen Behinderungen nun für noch mal mehr Zuschauer sichtbar. Ihre Rennen sind eingebettet zwischen Wettkämpfen der nicht-behinderten Sportler, und nicht etwa vor oder nach ihnen oder an ganz anderen Tagen.

So ruderte Manuela Diening zwischen dem Halbfinale von Oliver Zeidler und dem Finale des Deutschland-Achters vor vollen Tribünen an der Olympia-Regattastrecke in Oberschleißheim zu Silber. Angefeuert und bejubelt von 4000 Menschen. „Mega cool“, fand sie das. „Heim-EM, dann noch auf dem Podest und sogar noch die Silbermedaille, das ist schon ein cooles Gefühl. Das habe ich nicht gewagt, mir zu erträumen“, sagte die 30-Jährige, die für den Ruderverein Münster startet. Seit 2017 sitzt sie im Rollstuhl. Vor den vielen Fans bei den European Championships zu fahren, habe ihr noch mal Extra-Motivation gegeben. Die Unternehmensberaterin hat viele Jahre in München gelebt, auch ehemalige Arbeitskollegen und Freunde kamen: „Das ist ein ganz anderes Feeling, als wenn man irgendwo im Ausland alleine unterwegs ist.“

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Allein unterwegs mit ihren Trainern und Teamkollegen sind viele Para-Athleten bei vielen ihrer Wettkämpfe. Das könnten die Sportverbände ändern, wenn sie die Wettkämpfe von behinderten und nicht-behinderten Sportlern regelmäßig zusammenführen würden.

„Ich sehe es eigentlich als Selbstverständlichkeit an, dass Para-Rudern oder allgemein der Parasport hier dabei ist. Man trennt ja auch nicht Frauen- und Männer-Europameisterschaften in unserem Sport. Warum sollte man dann die Para-Europameisterschaften trennen?“, sagte Diening.

Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS), sieht das ähnlich: „Beim Rudern hat die Integration der Para-Events sehr gut geklappt. Die Athleten sprechen von einer tollen Atmosphäre und lautstarken Unterstützung an der Wettkampfstätte. Nun hoffen wir auf ähnlich perfekte Kanu-Wettkämpfe“, sagte Beucher unserer Redaktion. Für den Para-Sport sei das eine große Bühne. „Immer da wo es möglich ist, sollte man die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung möglich machen und fördern. So wünschen wir uns das für zukünftige Veranstaltungen dieser Art“, sagte der DBS-Präsident weiter.

Die Duisburger Para-Kanutin Katharina Bauernschmidt wird ab Freitag vor dem großen Publikum um EM-Medaillen fahren. Sie ist seit einer Bandscheiben-Operation vor elf Jahren querschnittgelähmt, stieg 2017 in den Kanu-Sport ein. „Ich glaube schon, dass das Event hier uns mehr Aufmerksamkeit bringt“, sagte die 32-Jährige unserer Redaktion. „Wir sind hier nicht nur an der Regatta-Strecke sondern auch im Olympiapark und in der Stadt mit den normalen Fußgängern unterwegs, sind Teil der Veranstaltung. Da fühlt man sich nicht so als Außenseiter wie sonst manchmal.“ Bei den Paralympics, wo man fast nur unter Para-Sportlern gewesen sei, sei das anders gewesen. „Es ist richtig klasse, wie das Wort Inklusion hier in München umgesetzt wird“, sagt Bauernschmidt.

Diese Erfahrung würde sich sich für noch mehr Sportlerinnen und Sportler wünschen: „Ich würde mich freuen, wenn zum Beispiel auch in der Leichtathletik die Parasportler beim nächsten Mal involviert würden, oder überhaupt in anderen Sportarten mehr gemeinsame Wettkämpfe stattfinden.“

Und es geht neben der Inklusion auch um die Anerkennung der sportlichen Höchstleistungen. Die Rennzeiten mögen andere sein als bei Sportlern ohne körperliche Beeinträchtigung. Dennoch leisten die Para-Athletinnen und -athleten Beeindruckendes, trainieren genauso hart und liefern Bestleistungen ab. „Wir als Team kämpfen ziemlich viel für Gleichberechtigung“, sagte Para-Kanutin Felicia Laberer auf der Webseite der European Championships. „Wir wollen nicht nur über unsere Behinderung definiert werden, denn wir erbringen genauso unsere Leistungen, trainieren genauso hart wie die anderen.“

Gemeinsame Wettkämpfe wie nun bei den European Championships sind ein weiterer Schritt auf diesem Weg zu mehr Sichtbarkeit, der aber für den Para-Sport noch länger ist als für die meisten Randsportarten ohnehin schon. Denn was die European Championships auch zeigen: In der Masse der mehr als 4700 Teilnehmer sind die Parasportler nur eine kleine Minderheit. Fünf Rennen gab es im Rudern, zwölf sollen es beim Kanu sein. Ein Grund: Es gibt weniger Teilnehmer, die auf diesem Level teilnehmen können – auch in Deutschland, wo mehr als eine halbe Millionen Sportlerinnen und Sportler im Behindertensportverband organisiert sind. Es gibt also auf mehreren Ebenen noch Nachholbedarf.

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