Wie alle ein bisschen Weltmeister sind: "Endlich ein Titel für meine Generation"

Wie alle ein bisschen Weltmeister sind : "Endlich ein Titel für meine Generation"

Christian Buhl hat immer diejenigen beneidet, die einen WM-Titel als Fan miterlebt haben – bis Sonntagnacht. Der Erfolg der Nationalelf ist auch die Krönung seiner Leidenschaft. Eines Tages wird er seinen Kindern davon erzählen.

Christian Buhl hat immer diejenigen beneidet, die einen WM-Titel als Fan miterlebt haben — bis Sonntagnacht. Der Erfolg der Nationalelf ist auch die Krönung seiner Leidenschaft. Eines Tages wird er seinen Kindern davon erzählen.

Name: Christian Buhl Alter: 29

Familienstand: ledig

Beruf: Journalist

Wohnort: Leverkusen

Besondere Lebensereignisse: Fußball-Weltmeister — seit Sonntagnacht.

Ich habe keine goldene Trophäe im Schrank stehen, ich kassiere keine Unsummen für den Titelgewinn und mein Name wird in keinem Fußball-Jahrbuch auftauchen. Was mir als Fan bleibt, ist die Erinnerung an die Nacht des 13. Juli 2014, in der Mario Götze mit seinem Tor Deutschland und damit meiner Generation den WM-Pokal schenkte. Einen Titel, um den ich andere Generationen bis dahin beneiden musste.

Es ist etwa 24 Jahre her, mein Vater war damals mit Anfang 30 schon bei Bayer angestellt. Mit krächzender Stimme und müden, verschlafenen Augen trat er den Dienst im Labor an. Andreas Brehme hatte am Abend zuvor per Elfmeter zum 1:0 gegen Argentinien getroffen. Deutschland war Weltmeister, und das wurde bis spät in die Nacht gefeiert. Ich war damals sechs Jahre alt, Erinnerungen habe ich nur noch an mein Trikot von Jürgen Kohler. Den Rest reime ich mir aus Erzählungen meines Vaters zusammen. Er hat meine Leidenschaft für den Fußball entfacht, das Feuer zum Sohn weitergegeben.

Seitdem sind wir beide Dauergast bei den Heimspielen von Bayer Leverkusen. Fußball verbindet uns, es ist Thema Nummer eins. Als Fan von Bayer 04 war es mir bisher nicht vergönnt, einen Titel zu feiern. An der Seite meines Vaters konnte ich deshalb nur erahnen, was für ein großartiges Gefühl es sein muss. Die EM 1996 war toll, aber emotional hat mich das nicht gepackt. Ich wollte aus meiner Leidenschaft für den Fußball einfach eine Weltmeisterschaft miterleben.

Kurz vor meinem 30. Geburtstag habe ich es geschafft, und es fühlt sich gut an. Ich habe sozusagen meine Karriere als Fan krönen können — wie die goldene Generation um Schweinsteiger, Lahm und Podolski, die auch bis Anfang 30 auf den wohl größten Moment ihrer Karriere warten musste.

Die letzten 120 Minuten dieser Titel-Dürre waren eine Strapaze. Ich habe unzählige Fußball-Spiele gesehen, aber keines hat mich so sehr mitgenommen, mich so gepackt wie dieses. Nicht nur die Spieler auf dem Platz scheinen sich komplett verausgabt zu haben, nach dem Abpfiff bin ich vollkommen erschöpft ins Sofa gesunken. Da war erstmal nur Leere. Dann habe ich mein Handy genommen und meinem Vater eine SMS geschrieben: "Als Bayer-Fan bin ich ja einiges an Spannung gewöhnt, aber das hat alles übertroffen", so meine Worte.

Zwei Stunden später war ich immer noch wach. Ich habe den Fernseher noch einmal angeschaltet und mir Interviews mit den Spielern angeschaut. Sie schienen auch noch nicht so recht begriffen zu haben, was da zuvor passiert war. Toni Kroos wiederholte immer wieder, wie "unfassbar" das sei. Manuel Neuer sagte: "Ganz Deutschland ist Weltmeister."

Ich werde jetzt nicht aufhören, Fußball zu schauen, weil ich mein großes Ziel erreicht habe. Es ist aber schon eine gewisse Genugtuung, die mich erfüllt. Wer sich nicht intensiv mit Fußball beschäftigt, wird das wohl nicht in dem Maße nachvollziehen können. Ich aber freue mich, dass ich meinen Kindern in ein paar Jahren erzählen kann, wie es war, als Mario Götze zum 1:0 traf und Papa sich mit Freunden in den Armen lag. Dass die eine oder Freudenträne vergossen wurde, verschweige ich dann aber doch lieber.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Fans bereiten Nationalelf begeisternden Empfang auf der Fanmeile

(RP)
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