Eishockey-WM 2019: Viertelfinale - die Gründe für das Deutschland-Aus

Aus für Deutsche bei Eishockey-WM : „Gegen die Top-Teams gehört auch ein Quäntchen Glück dazu“

Deutschland ist im Viertelfinale der Eishockey-WM ausgeschieden. 1:5 stand es am Ende gegen Tschechien. Die Deutschen sehen sich dennoch auf einem guten Weg.

Mit einer gehörigen Portion Ärger im Bauch stapften sie durch den Kabinentrakt der Ondrej Nepela-Arena zu Bratislava, die Spieler der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Bei einer Weltmeisterschaft ist ziemlich viel Zeit zwischen Schlusssirene und dem Abgang vom Eis. Ehrungen der besten Spieler mit Nobel-Uhren, das Abspielen der Nationalhymne des Siegers. Genug Zeit eigentlich zum Runterkommen nach der 1:5 (0:0, 1:1, 0:4)-Niederlage gegen Tschechien im Viertelfinale der Eishockey-Weltmeisterschaft. Ein Ergebnis, das so eindeutig klingt und es doch überhaupt nicht war, weil das Spiel bis weit ins Schlussdrittel hinein völlig offen war.

Beruhigt hatte sich deshalb auch lange nach Spielende niemand. „In der zweiten Drittelpause, als es noch 1:1 stand, habe ich gedacht, dass wir das Ding noch ziehen“, sagte Verteidiger Korbinian Holzer, der für die Anaheim Ducks in der NHL spielt. Ähnliche Sätze sprachen fast alle Nationalspieler in die Mikros. „Früher, wenn wir uns hin und wieder ins Viertelfinale gekraxelt haben und da dann mit einem blauen Auge gegen eines der Top-Teams das Turnier verlassen haben, dann war das okay so“, fand Kapitän Moritz Müller. „Aber hier haben wir gemerkt, wie dicht man dran ist, das macht den Moment noch bitterer.“

Wie weit das deutsche Eishockey wirklich zur Weltspitze aufgeschlossen hat, diese Frage stellte sich schon nach den Olympischen Spielen 2018, als das Nationalteam sensationell Silber holte. Da jedoch waren keine Spieler aus der NHL dabei. Nun, bei der WM in der Slowakei, reisten alle großen Nationen mit ihrer vollen Kapelle an – und das deutsche Team konnte trotzdem mithalten, fuhr in insgesamt acht Spielen fünf Siege ein und qualifizierte sich frühzeitig für die Olympischen Spiele 2022.

„Wir waren nicht so weit weg von den Spitzenteams“, fand Bundestrainer Toni Söderholm. „Ich denke, wir haben uns auch spielerisch in den zwei Wochen hier in der Slowakei entwickelt.“ Gegen die Tschechen spielten die Deutschen, wie schon in vielen Partien zuvor, die ersten zehn Minuten schwach – und danach arbeitete sie sich auf Augenhöhe heran. „Die können alle richtig skaten, es war lange ausgeglichen“, sagte Stürmer Michael Frolik, der bei den Calgary Flames im Jahr 5,5 Millionen Euro verdient, anerkennend.

Mit ein paar Tagen Abstand wird man beim Deutschen-Eishockey Bund die Lehren aus dieser Weltmeisterschaft ziehen. Eine davon ist, dass der Abstand zu den Top-Mannschaften tatsächlich nicht mehr so groß ist wie früher. „Wir haben mittlerweile die Einstellung, dass wir gegen die Großen mitspielen können und den Anspruch, sie auch zu schlagen“, sagte Verteidiger Holzer. „Gegen die Top-Teams gehört dann aber auch ein Quäntchen Glück dazu.“

Und genau das fehlte dem deutschen Team in diesem Viertelfinale. Die Tschechen waren insgesamt die etwas bessere Mannschaft, die Fehler in der deutschen Hintermannschaft vor allem in der Schlussphase der Partie eiskalt ausnutzte. Doch auch für die DEB-Auswahl boten sich zuvor große Möglichkeiten: Zum Bespiel für Leon Draisaitl, dem einzigen echten Superstar im deutschen Team, der im ersten Drittel beim Stande von 0:0 per Alleingang die Führung auf dem Schläger hatte.

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Doch da, als weitere Erkenntnis, zeigt sich eine Schwachstelle der DEB-Auswahl: Die Last, Spiele entscheiden zu müssen, ist auf zu wenige Schultern verteilt. In der Slowakei waren es die Torhüter Philipp Grubauer sowie der überraschend starke Mathias Niederberger, im Angriff NHL-Spieler Dominik Kahun – und eben Superstar Draisaitl. Letzterer war gegen Finnland im letzten Gruppenspiel noch überragend, doch gegen die Tschechen spielte er unglücklich, vergab gute Möglichkeiten und stand bei vier der fünf Gegentreffer auf dem Eis. Auch Grubauer, im Tor der Colorado Avalanche in der vergangenen Saison eine Bank, sah bei den Gegentoren nicht immer glücklich aus. Fallen jedoch die Stars weg, gibt es noch zu wenige Spieler, die für sie in die Bresche springen können.

Zu diesen wenigen gehört indes besonders die junge Generation. Markus Eisenschmid (24), der im letzten Drittel mit einer schweren Verletzung vom Eis musste, spielte ein großartiges Turnier. Genau wie der erst 18-jährige Moritz Seider in der Abwehr oder Frederik Tiffels (24) im Sturm. Und nicht zu vergessen: Auch die NHL-Stars Draisaitl und Kahun sind ebenfalls erst 23 Jahre alt.

Um auf Dauer wirklich zu den Top-Nationen im Eishockey aufschließen zu können, wird es künftig noch viel mehr junge, WM-taugliche Spieler brauchen. Andere Nationen können sich aus einem schier unendlichen Pool an außerordentlich begabten Spielern bedienen. Sagen für Deutschland jedoch nur zwei, drei Akteure aus der NHL ab, wie in diesem Jahr Tom Kühnhackl oder Tobias Rieder, wird es in der Breite eng. Denn, auch das hat die WM gezeigt, für einige Akteure in den hinteren Reihen ist eine Weltmeisterschaft dann doch eine etwas zu große Bühne. Gerade in der Abwehr ist die Dichte an international tauglichen Spielern zu dünn.

Da ist die heimische Deutsche Eishockey Liga gefragt, jungen Talenten mehr Eiszeit zu geben, was mit der neuen Regel, nach der mindestens zwei deutsche Spieler unter 23 Jahren auf dem Spielberichtsbogenstehen müssen, umgesetzt werden soll. Die Zeit wird zeigen, ob der Nachwuchs dadurch wirklich mehr Eiszeit bekommt – oder als Alibi-Füllmaterial für den Spielberichtsbogen auf der Bank sitzt.

In einer letzten, wichtigen Erkenntnis waren sich in Bratislava alle, sowohl Spieler als auch Funktionäre, einig: Toni Söderholm ist als Bundestrainer und Nachfolger von Ikone Marco Sturm die richtige Wahl. „Wir waren schon vorher auf dem richtigen Weg“, sagt Korbinian Holzer. „Der Toni hat diesen noch weitergeführt und verfeinert.“ Er lässt das deutsche Team selbstbewusst und offensiv spielen. „Das, was wir uns vorher erhofft haben, wurde mehr als bestätigt“, sagt Sportdirektor Stefan Schaidnagel. „Toni hat unser Anforderungsprofil mehr als erfüllt. Auch das Team hat mehr als positiv auf den Trainer reagiert.“

Der gelobte Coach selbst war erst einmal „Stolz, mit diesen Jungs, den besten Spielern des Landes, arbeiten zu dürfen“. Der Finne sieht die Zukunft des deutschen Eishockeys trotz des Ausscheidens bei der Weltmeisterschaft sehr positiv: „Jetzt ist die Enttäuschung da. Aber auch wenn es sich nicht so anfühlt, ist auch das ein Lernprozess. Wir haben in die richtige Spur gefunden und den Grundstein gelegt.“

Es ist jetzt die Aufgabe des deutschen Eishockey, auf diesem Grundstein für die Zukunft zu bauen.

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(asch)
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