Leverkusen: Die rheinische Doping-Historie

Leverkusen : Die rheinische Doping-Historie

Aus einer wissenschaftlichen Studie führen viele Spuren ins Rheinland. Noch gibt es einen Streit darum, ob Namen von Athleten genannt werden. Der Sprinter Manfred Ommer räumte als einer von wenigen Doping ein.

Erstaunlich gelassen begegnet Joachim Strauss der Studie, die das Doping-Unwesen in der Bonner Republik aufarbeitet. Der Abteilungsleiter der Leichtathleten bei Bayer 04 Leverkusen sagt: "Als Funktionär heute mache ich mir keinen Kopf darüber, was vor 40 Jahren passiert sein könnte. Ich sehe keinen Grund dazu, jetzt eine Position zu beziehen." Er erkennt seine Pflicht vornehmlich darin, in der Gegenwart im Sinne eines sauberen Sports zu wirken.

Der frühere Mittelstreckenläufer – in den 1970er Jahren zweimal Deutscher Meister mit der Leverkusener 4 x 800-Meter-Staffel – würde erst reagieren, wenn "Butter bei die Fische" komme. Das heißt: wenn Namen von Athleten aus seinem Verein genannt werden. Doch genau darüber, ob Namen genannt werden, gibt es einen Streit.

Sporthistoriker aus Münster und Berlin legten jetzt ihren Auftraggebern – dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) – diesen aufsehenerregenden Bericht vor. Sie prangern darin staatlich subventionierte Dopingforschung an. Es geht insbesondere um die Zeit rund um die Olympischen Spiele 1972 in München und 1976 in Montreal. Mediziner steuerten angeblich das System, die Politik segnete es ab. Der Westen wollte mit dem Osten mithalten.

Die Wissenschaftler wollen die Langfassung gern mit den Namen von Tätern und Opfern veröffentlichen, denn nur so hätte das Produkt ihrer zweijährigen Arbeit einen historischen Wert, argumentieren sie. Und nur so erreichen sie höchste Aufmerksamkei. Die auftraggebenden Verbände, die selbst zum Teil schwer belastet werden, sehen hingegen noch "Klärungsbedarf" und verweisen auf den Datenschutz.

Der Leverkusener Leichtathletik-Chef Strauss erkennt im Wesentlichen nur Vermutungen und sehr weit gefasste Vorwürfe. Zur Behauptung, dass bis zu 90 Prozent der Werfer mit Anabolika gedopt gewesen seien, sagt der Jurist: "Ich weiß nicht, wie die Historiker zu solchen Zahlen kommen." Doch aus den anonymisierten Texten der Wissenschaftler fliegen die Gedanken fast zwangsläufig an den Rhein. Denn Bayer Leverkusen war lange Zeit die Hochburg der bundesrepublikanischen Leichtathletik.

Auch Heidi Schüller startete für Leverkusen. Die Weitspringerin gab als Sprecherin des Olympischen Eids von München im Namen aller Athleten das Versprechen, "im ritterlichen Geist zum Ruhme des Sports und zur Ehre unserer Mannschaften" anzutreten. Eine ausdrückliche Antidopingformel kam erst 2000 in Sydney hinzu. Über ihre Erlebnisse 1972 gab Schüller Jahrzehnte später in der "Süddeutschen" Auskunft: "Im Trainingswinter vor Olympia habe ich erlebt, dass es in deutschen Leistungszentren einzelne Sportler gab, die im Kraftraum saßen, ihre Taschen aufmachten und Anabolika in großen Plastikdosen rausholten, die sie über schwedische Sportstudenten angeblich aus DDR-Beständen bekommen hatten. Und die sie händchenweise nahmen. Nach dem Motto: Ich nehme drei mehr als du." Sie sagte nach eigener Aussage nein zu Dopingmitteln, weil sie als Medizinstudentin um die Nebenwirkungen wusste.

Der Berliner "Tagesspiegel" illustrierte seine Berichterstattung zu der neuen Studie mit einem der Sinnbilder für den Kampf zwischen Ost und West: Er zeigte das Foto, auf dem DDR-Sprinterin Renate Stecher im Staffellauf gegen Heide Rosendahl verliert. Und das, obwohl die Leverkusenerin seit vielen Jahren als entschiedene Dopinggegnerin auf Podien und in Gremien unterwegs ist. Nach Informationen dieser Zeitung wird Heide Rosendahl in der Berlin-Münsteraner-Studie mit keiner Silbe belastet.

Als einer der wenigen namentlich genannten West-Leichtathleten findet sich ein anderer Leverkusener in der Studie. Auf die Frage, warum er Anabolika genommen habe, sagte der Sprinter Manfred Ommer in Zeitungen und Fernsehen wiederholt: "Weil es damals alle machten."

Im Westen gab es zwar keinen Doping-Staatsplan wie in der DDR, doch die Mittel und Motive ähnelten sich. Der ehemalige Stabhochspringer Günther Lohre sagte kürzlich: "Man hatte das Gefühl, Doping wird politisch gefördert. Die Ansicht war ja, dass man unseren Athleten nicht vorenthalten darf, was der Osten seinen Sportlern gibt."

Aus der Studie führen viele Spuren ins Rheinland. Athleten berichten, dass sie noch in den 80er Jahren gute Ratschläge zur Vermeidung einer positiven Probe vom vor 16 Jahren verstorbenen Kölner Anti-Doping-Papst Manfred Donike erhalten hätten. Der als Ehrenbürger im niederrheinischen Brüggen lebenden Sportmediziner Wildor Hollmann wird in einem Atemzug mit dem seit Jahren schlecht beleumundeten Professoren-Kollegen Joseph Keul aus Euskirchen genannt. Hollmann wehrt sich entschieden gegen alle Vorwürfe. Er spricht von einer "teilweise grotesk anmutenden Unterstellung" und beteuert, dass in seinem Institut an der Deutschen Sporthochschule in Köln "niemals Dopingforschung betrieben" worden sei.

Auch den größten Sohn des oberbergischen Hückeswagen greifen die Wissenschaftler an: Willi Daume, den Sportfunktionär, der die Spiele nach München brachte. Die Studie unterstellt Daume "zumindest billigende Mitwisserschaft" an den Dopingpraktiken. Ende Oktober will sich das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes mit der Position des 1996 verstorbenen Daume befassen.

(RP)