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Die deutsche Handball-Bilanz

Die deutsche Handball-Bilanz

Schwachpunkte der Mannschaft von Bundestrainer Brand sind die für den Erfolg wichtigen Positionen im Rückraum. Michael Kraus und Pascal Hens gehören zu den ganz großen Enttäuschungen. Dem Team fehlt ein Kopf.

KRISTIANSTAD Fast schien es, als mache sich das Wetter über das deutsche Handballteam lustig. Erstmals seit Beginn der Weltmeisterschaft am 13. Januar war der Himmel über Kristianstad blau, schien die Sonne. Dabei hätte nach der Begegnung mit Spanien (24:26) und vor allem nach dem spielerischen und kämpferischen Offenbarungseid gegen Frankreich (23:30) das Grau viel besser zur Situation rund um das Team von Heiner Brand gepasst. Noch am Abend nach der Niederlage gegen die Franzosen hatten sich die "Versager" im Quality Hotel Grand – ohne den Bundestrainer – getroffen, um darüber zu reden, wie sie wieder als Team auftreten und auf dem Spielfeld doch noch Qualität abliefern können.

Woran krankt das deutsche Spiel? Pascal Hens, Michael Kraus und Holger Glandorf, noch übrig gebliebene Helden der WM 2007, haben ihr Niveau nicht halten, geschweige denn steigern können. Lars Kaufmann, Adrian Pfahl, Sven-Sören Christophersen, Steffen Weinhold und Michael Müller (derzeit verletzt) haben sich international noch nicht etabliert.

Das Problem Führungsspieler Trainer Brand hat auf Michael Kraus gesetzt. Der Hamburger sollte nach dem Rücktritt von Markus Baur (2007) der neue "Kopf" werden. Nach der Europameisterschaft 2008 verpasste ihm Brand eine Auszeit ("Er muss sich auf das Wesentliche konzentrieren, den Handball"), machte ihn danach zum Kapitän und nahm ihm nach der EM 2010 die Binde wieder weg. Pascal Hens, Nachfolger als Spielführer, gehört wie Kraus in Schweden zu den ganz großen Enttäuschungen. In ihrem Verein HSV Hamburg oft nur zweite Wahl, können beide, kann aber auch kein anderer die Mannschaft führen wie einst Baur, Christian Schwarzer und Daniel Stephan. Dies ist das ganz große Manko der Mannschaft. Im Rückraum fehlen die Typen, die ein Spiel allein entscheiden können. Führungsspieler kann man halt nicht ernennen.

Hat das Team eine Zukunft? Brand will keine Personaldiskussion entfachen, wohl auch, weil die Liga keine Alternativen bietet und schon im März die beiden Spiele gegen Island in der Qualifikation zur Europameisterschaft anstehen.

Was wird aus Brand? Der Vertrag des Trainers läuft bis zum 31. Januar 2013, dem Ende der WM. Diskutiert wird nicht über den Gummersbacher, der den Job seit 1997 macht und das "Gesicht des Handballs" ist. Wie tief in ihm der Frust sitzt, muss sich zeigen. Noch glaubt keiner, dass Brand, der in Schweden immer wieder auf seine vermeintlichen Führungsspieler setzt und mit Torhüterwechseln sehr sparsam ist, Konsequenzen zieht.

Ist die kurze Vorbereitungszeit ein Grund? Bis zum 29. Dezember beschäftigte keine andere nationale Liga ihre Spieler. Nur sechs echte Trainingstage vor dem Turnier sind wenig. Doch die Einstellung und das Verhalten im Spiel sind keine Frage der Vorbereitung, sondern des Charakters und des Willens.

Welche Rolle spielen die Klubs? Die Bundesliga ist auf europäischer Ebene gut vertreten. Doch während etwa die spanischen Topvereine Ciudad Real und FC Barcelona immerhin 13 der 16 WM-Spieler stellen, sind von den vier in der Champions League vertretenen Bundesligaklubs (Kiel, Hamburg, Flensburg-Handewitt, Rhein Neckar Löwen) nur zwei deutsche Rückraumspieler bei der WM: Kraus und Hens. Die Diskussion um mehr Einsatzzeiten für deutsche Spieler, die Gegnern oft auch körperlich unterlegen sind, ist ein Dauerthema.

Warum ist die WM so wichtig? Es geht um Schadensbegrenzung, die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012. Nur der Weltmeister ist direkt dabei. Die Teams von Platz zwei bis sieben, wahrscheinlich alle aus Europa, erreichen eines der drei Qualifikationsturniere mit je vier Mannschaften. Dabei werden sechs Tickets für London vergeben. Fehlt die deutsche Auswahl bei den großen Turnieren, gehen für den Handball Fernsehzeiten und Fördermittel des Bundes verloren, werden Sponsoren über die Verlängerung von Verträgen nachdenken.

Gibt es weitere Chancen? Bei der EM 2012 qualifiziert sich noch ein weiteres Team. Das kann der Europameister sein – muss es aber nicht, wenn er sich jetzt schon in Schweden durchsetzt. Vielleicht reicht bereits der achte Platz. Deutschland muss in der Qualifikationsgruppe mit Island und Österreich mindestens Platz zwei belegen. Und das ist nicht selbstverständlich.

(RP)