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Andreas Thiel steht nicht mehr im Handball-Tor: Der "Hexer" gibt den "Kasten" frei

Andreas Thiel steht nicht mehr im Handball-Tor : Der "Hexer" gibt den "Kasten" frei

Dormagen (dpa). Der "Hexer" hört auf. Endgültig. Der Kopf von Andreas Thiel hat diese "befreiende Entscheidung" getroffen. Das Herz hätte anders entschieden. Im "jugendlichen Alter von 40 Jahren" entlässt sich der Rechtsanwalt nach 21 Jahren Handball-Bundesliga selbst in den sportlichen Unruhestand.

Eine der erfolgreichsten und bekanntesten Handballer Deutschlands beendet seine Karriere. Seine unnachahmliche Grimasse als Markenzeichen, verzerrt durch die Anspannung bei der Arbeit als Torwart, hat Thiel zu einem der unverwechselbaren Artisten zwischen den Pfosten auf internationaler Bühne gestempelt.

"Ich würde es jederzeit wieder tun. Aber irgendwann kippt es. Die Einstellung ist noch da. Aber es macht Sinn, dass ich endgültig den Rückzug antrete und den Ball weglege." Die Ehrlichkeit in den Worten des ehemaligen Rechtswarts des Deutschen Handball-Bundes (DHB) hängt auch von der Intention seines Arbeitgebers Bayer Dormagen ab, nach 501 Bundesligaspielen - für den deutschen Rekordmeister Vfl Gummersbach und Bayer Dormagen - zum Saisonende am 21. Mai den Kontrakt mit dem Torwart Nummer 1 im Bayer-Team zu beenden.

"Realistisch gesehen hätte ich auch keinen neuen Vertrag mehr bekommen. Es bleibt dabei, dass ich nur für den Notfall als dritter Mann beschäftigt werden soll, im Prinzip aber als Torwarttrainer weiter zur Verfügung stehe", sagt der Familienvater, der eigentlich nie so recht "Nein" sagen konnte. Auch nicht bei der Annahme des Spitznamens "Hexer", den Thiel als Anerkennung als Könner zwischen den Pfosten in 256 Länderspielen unter Stenzel, Simon Schobel, Petre Ivanescu, Horst Bredemeier und Arno Ehret akzeptierte.

"Der Platz in der vordersten Reihe wird mir sicher fehlen. Aber ich trete nur hinter die Bank zurück und werde von dort im feinen Zwirn die Bundesliga verfolgen." Thiel bemüht sich zu scherzen, obwohl die Wehmut zu überwiegen scheint: "Inzwischen fahren wir ja schon klimatisiert im Bus und nicht mehr mit dem Angstschweiß im Hemd." Aber der Kaffee zum Frühstück, die Zigarette und das "kleine Herrengedeck mit einer Flasche Bier nach der Arbeit" hätten auch den Reiz, den der Vorruhestand ausmachen würde.

Der Jurist bewohnt im Süden Kölns ein Reihenhaus, hat nach und nach die Tingelei über die Handballdörfer gegen das "gutbürgerliche Familienleben" mit zwei Töchtern eingetauscht. Die Geburt seines dritten Kindes kündigt sich für Juli an. "Ich habe gute Typen getroffen und gegen gute Typen gespielt", freut sich Thiel über die vielen Kontakte, die um die ganze Welt reichen.

Sein erstes Länderspiel bestritt der "Leptosome" - wie sich Thiel als nicht gerade muskelbepackter, dünnbeiniger Hochleistungssportler bezeichnete - im Oktober 1980 unter seinem Entdecker Vlado Stenzel gegen die Schweiz. Das war gerade ein Jahr nach seinem Wechsel zu "meinem Traumverein Gummersbach", dem er bis 1991 die Treue hielt, ehe Thiel den erfolgreichsten Handball-Verein der Welt im Groll verließ. "Ein Wort gab damals das andere, weil ich mich entschieden hatte, nach Dormagen zu gehen. Einen besseren Zeitpunkt aber konnte ich gar nicht mit meinem letzten von fünf deutschen Meistertiteln wählen", sagt Thiel heute.

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Der Gewinn der olympischen Silbermedaille 1984 in Los Angeles war neben der Europameisterschaft der Landesmeister 1983 mit Gummersbach gegen Moskau einer der größten Erfolge Thiels. Der Abstieg 1989 mit der DHB-Auswahl in die drittklassige C-Gruppe die größte Schmach. "Damals habe ich wohl zu früh gesagt, dass ich aufhöre", sagt Thiel.

Er revidierte seine Meinung mit dem Comeback zu den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Platz zehn aber dort empfand der Mannschaftskapitän als schlechten Lohn für den Schweiß, den er gelassen hatte. Er raffte sich zu einer weiteren olympischen Energieleistung 1996 in Atlanta auf, bevor er nach dem enttäuschenden siebten Platz der Nationalmannschaft endgültig "Servus" sagte. Ab 21. Mai soll das auch für die Bundesliga gelten - frei nach dem Beckenbauer-Motto: "Schaun' mer mal".

(RPO Archiv)