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Düsseldorf: Der große Festival-Zirkus

Düsseldorf : Der große Festival-Zirkus

Im neuen Jahr konkurrieren wieder unzählige Open-Air-Festivals um Zuschauer. Insider kritisieren das Programm oft als zu konfektioniert, weil nur das Geschäft zählt.

Zu den hartnäckigen Legenden des Showgeschäfts zählt die Behauptung, sich in der Hierarchie hochschlafen zu können. Im deutschen Musikfestival-Zirkus dagegen ist eine andere Variante längst an der Tagesordnung: Bands müssen sich von Veranstaltung zu Veranstaltung hochspielen, um irgendwann höhere Gagen verlangen zu können. Um im Kontext relevanter Festivals wahrgenommen zu werden, nehmen sie das in Kauf - Festivalpositionierungen sind die Charts der Livemusik und extrem wichtig in einer Zeit sinkender Plattenumsätze. Das sagt Markus Röser*, der seit vielen Jahren in der Branche arbeitet. Mit einem inspirierenden Musikereignis hätten die meisten dieser Großkonzerte nicht mehr viel zu tun, sagt Röser. "Wir reden hier längst von einer Festivalindustrie."

Die läuft auch im kommenden Jahr wieder wie geschmiert. Die Zahl der Open-Air-Events ist seit Jahren gleichbleibend hoch, wenn nicht sogar leicht ansteigend. So kommen mit den Festivals Grüne Hölle (am Nürburgring) und Lollapalooza 2015 (in Berlin) gleich zwei neue Großveranstaltungen hinzu. Und so konkurrieren das Traditions-Event Rock am Ring, das nach Mendig in die Vulkaneifel umzieht, und die Grüne Hölle um Besucher. Die Termine liegen gerade mal eine Woche auseinander, das Programm ist vergleichbar. Bisher vermeldete Veranstalter Marek Lieberberg für Rock am Ring rund 65 000 verkaufte Tickets, Peter Schwenkow von der Deutschen Entertainment AG auf der anderen Seite will bislang für die Grüne Hölle eine fünfstellige Zahl an Karten umgesetzt haben. Die Fans diskutieren nun in Foren darüber, welches Festival überlebt.

Drei bis fünf Jahre kalkuliert Röser, bis ein neues Festival Geld verdient. "Zunächst einmal müssen horrende Summen investiert werden", erklärt der Veranstalter. Die Gagen etwa für die Top-Acts liegen demnach im siebenstelligen Bereich, der Unterbau fängt bei vierstelligen Summen an. Gebaut werde ein Festival von oben nach unten. Für die großen Happenings zählen aber nur die sogenannten Headliner, also die Stars - sie müssen die Fans zum Ticketkauf bewegen.

Röser kritisiert, dass viele Festivals daher zu konfektioniert wirken, das heißt, die Künstler auf den bekannten Bühnen sind immer wieder dieselben. Mega-Events bieten ein Wechselspiel aus "Ärzten", "Toten Hosen" und "Metallica". Es fehle bei etlichen Veranstaltern an der nötigen Leidenschaft für die Musik; stattdessen dominiere der Geschäftsgedanke. Wer die großen Acts haben will, muss dazu früh reagieren, denn die Festivals bestehen in ihren Verträgen mit den Künstlern üblicherweise auf Gebietsschutz. Das heißt, die Bands dürfen im Umkreis von 200 bis 300 Kilometern keine weiteren Shows spielen.

Geprägt wird das musikalische Angebot sehr stark von Agenten, die zumeist in England sitzen und von dort ihre Künstler vermarkten. Oder von weltumspannenden Entertainment-Unternehmen, die teils Hunderte Musiker unter Vertrag haben.

Letzteres gilt für das Lollapalooza-Festival, das als US-Export im September erstmals in Deutschland auf dem ehemaligen Flughafen Berlin-Tempelhof stattfinden soll. Gerade bei solchen namhaften Exporten geht es laut Röser nur ums Geldverdienen. Das funktioniert eben vor allem bei den großen Festivals. Kleinere Veranstalter müssen hart kalkulieren, einige kämpfen Jahr für Jahr ums Überleben. So seien laut Röser die Gema-Gebühren in den vergangenen drei Jahren um rund 300 Prozent gestiegen. Auch die nach der Loveparade-Katastrophe verschärften Sicherheitsbedingungen hätten die Kosten hochgetrieben.

Dass der Festival-Zirkus nach wie vor brummt, liegt laut Röser an der Beliebtheit der Live-Veranstaltungen. Eher familiäre Festivals wie das Orange Blossom oder Haldern Pop sind seit Jahren innerhalb weniger Stunden ausverkauft. An der Festival-Dichte wird sich daher laut Röser nichts ändern. "Es existiert eine unfassbare Lust darauf, am Leben teilzunehmen." Mit dieser Lust lässt sich viel Geld verdienen.

*Name geändert

(RP)