Fünf Teilnehmer im Check So stehen die Chancen der Deutschen bei der Darts-WM

Analyse | Düsseldorf · Bei der Darts-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr stand Gabriel Clemens im Halbfinale – eine Sensation. In diesem Jahr sind erstmals fünf deutsche Teilnehmer in London dabei. Wir haben uns das Quintett genauer angesehen.

Darts-WM 2024​: Das sind die deutschen Teilnehmer​
16 Bilder

Das sind die deutschen Teilnehmer der Darts-WM 2024

16 Bilder
Foto: AP/Zac Goodwin

Erstmals sind in diesem Jahr fünf deutsche Spieler bei der Darts-Weltmeisterschaft in London mit dabei. Gabriel Clemens und Martin Schindler sind über die Weltrangliste direkt für die zweite Runde qualifiziert, Ricardo Pietreczko, Dragutin Horvat und Florian Hempel starten in der ersten Runde.

Gabriel Clemens

Es ist ein knappes Jahr her, dass Gabriel Clemens die Herzen vieler deutscher Sportfans erobert hat. Als erster Deutscher hat der Mann aus dem Saarland ein Halbfinale beim größten Turnier überhaupt erreicht, erst dann wurde er vom späteren Weltmeister Michael Smith gestoppt. Unvergessen ist sein Viertelfinale gegen den Waliser und ehemaligen Weltmeister Gerwyn Price, der gegen den furios aufspielenden Clemens für ein Novum sorgte und nach einer Satzpause mit großen Kopfhörern auf die Bühne zurückkehrte und auch damit spielte.

Gebracht hat es ihm letztlich nichts, der Deutsche siegte überragend mit 5:1 – deutsche Dartsgeschichte. Gabriel Clemens hat es damit geschafft, dass der Sport auch jenseits der Nische, in der er sonst oftmals steckt, Aufmerksamkeit bekam. Darts war plötzlich allgegenwärtig. Was folgte, war ein kleiner Hype um seine Person. Gabriel Clemens war Gast im Aktuellen Sportstudio (ZDF), eine Ehre, die Dartspielern sonst nicht zuteilwird. Es sollte ein Versprechen an die Zukunft sein, die Hoffnung, dass es endlich ein Deutscher in die Weltspitze vorstoßen wird.

Doch wie ist die Situation ein knappes Jahr später? Betrachtet man die Ergebnisse, so hat Gabriel Clemens kein schlechtes Jahr gespielt. Bis vor zwei Wochen hätte man aber die ketzerische Frage aufstellen können, ob der Erfolg von Clemens ein One-Hit-Wonder war. Dann aber spielte sich der Saarländer bei der Generalprobe vor der WM, den Players Championship Finals, bis ins Halbfinale, erst dort scheiterte er an Michael van Gerwen. Da er in diesem Sommer auch mit Martin Schindler im Halbfinale des World Cup of Darts stand, kann Clemens anhand dieser Resultate auf ein gutes Jahr blicken, was sich aber oft nicht so angefühlt haben dürfte. Und das, obwohl es oft nur Nuancen waren, die bei knappen Niederlagen den Ausschlag gaben.

Von den fünf deutschen Startern hat der Saarländer das wohl undankbarste Los erwischt. Er trifft an Position 22 gesetzt am Abend des 21. Dezembers auf den Sieger der Partie zwischen Gian van Veen und Man Lok Leung. Der junge Niederländer van Veen ist einer der aufstrebendsten Nachwuchsspieler und stand jüngst im Finale der Junioren-WM. Nach nur einem Jahr auf der Tour ist er bereits fest in den Top-64 etabliert.

Martin Schindler

Ebenfalls in der zweiten Runde greift Martin Schindler an Position 26 in das Geschehen ein. Seit dem erneuten Gewinn der Tourkarte 2021 hat die Karriere ordentlich Fahrt aufgenommen und es ging seitdem im Grunde nur noch steil nach oben. Gefestigt in den Top 32 der Welt hat sich Martin Schindler sicher für die WM qualifiziert. Im vergangenen Jahr schaffte der Strausberger, der inzwischen im Frankfurter Raum in Hessen lebt, den ersten Sieg auf der WM-Bühne. Da nun das Resultat von vor zwei Jahren aus der Wertung genommen wird – die Order of Merit ist schließlich eine Zweijahresrangliste – hat Schindler wenig Preisgeld zu verteidigen und wird in der Rangliste nur klettern können.

Schindler schaffte es in diesem Jahr zumindest in zwei Major-Viertelfinals, doch sowohl bei den UK Open als auch beim World Grand Prix war dann Schluss. Vor allem durch die guten Leistungen auf der Pro Tour etwa hielt er sich in dieser Rangliste konstant in den Top 16, wodurch er für die European-Tour-Turniere gesetzt war. Das hatte auch Auswirkungen auf die anderen Deutschen, auf Gabriel Clemens, Florian Hempel und im Laufe der Saison auch auf Ricardo Pietreczko, die dadurch teilweise für die Turniere in Deutschland den Qualifier nicht spielen mussten.

Schindler könnte es in seinem Auftaktspiel am Abend des 22. Dezembers mit Publikumsliebling Fallon Sherrock zu tun bekommen, die in der ersten Runde gegen den Niederländer Jermaine Wattimena spielt. Sollte die Engländerin sich da durchsetzen, wird Schindler auch gegen die Fans spielen müssen, die Sherrock stets lautstark unterstützen.

Ricardo Pietreczko

Ricardo Pietreczko feiert in diesem Jahr sein WM-Debüt. Und zwar eines mit Ansage. Denn Pietreczko hat sich als Nummer 1 der Pro Tour Order of Merit qualifiziert, hat also das meiste Preisgeld aller Spieler, die nicht unter den Top 32 der Weltrangliste stehen, eingespielt. 30.000 Pfund davon heimste er beim abschließenden European-Tour-Turnier in Hildesheim ein, als er als erst zweiter Deutscher überhaupt ein PDC-Turnier gewinnen konnte. Auf dem Weg zum Titel spielte er Averages jenseits der 100 und schlug im Halbfinale Michael van Gerwen und im Finale Peter Wright. Im Endspiel verpasste er gar keinen Dart auf ein Doppel. Dieser Sieg war der bisherige Höhepunkt einer Erfolgsstory, die vor gut einem Jahr ihren Anfang nahm.

Bei der Qualifying School zu Beginn des Jahres 2022 sicherte sich der gebürtige Berliner einigermaßen überraschend die Tour Card. In den ersten Monaten gelangen „Pikachu“ nur wenige Siege, er brauchte einige Zeit, um sich an das Niveau auf der Tour zu gewöhnen. Mit der Zeit aber wurde er immer kompetitiver und schaffte es als 64. und somit Letzter zu den Players Championship Finals, wo er zum Auftakt für eine faustdicke Überraschung sorgte, als er den topgesetzten Damon Heta aus dem Turnier warf. Die gute Form nahm Pietreczko mit ins Jahr 2023, regelmäßige Siege auf der Tour ließen ihn im Ranking klettern und so war schon recht früh im Jahr klar, dass es für den Deutschen gut aussehen würde in Sachen WM-Quali.

Neben den vielen positiven Momenten sorgte Pietreczko aber auch für Situationen und Aktionen, die aus seiner Sicht ganz und gar nicht gut liefen – nämlich dann, wenn das Publikum in der Halle merklich gegen ihn war und ihn bei jeder Aufnahme ausbuhen und durch laute Rufe versuchte, ihn aus der Konzentration zu bringen. Und es scheint, als könne er damit nicht gut umgehen. Sowohl beim European-Tour-Turnier in Ungarn, wo er knapp die Teilnahme am World Grand Prix verspielte, als auch beim Grand Slam of Darts gegen die junge Engländerin Beau Greaves legte er sich bei den Pfiffen mit dem Publikum an, gestikulierte in die Menge und stachelte die Zuschauer so natürlich erst recht an. Dadurch schaffte er es nicht, sein Spiel ans Board zu bekommen.

Solche Szenen kennt der Nürnberger, der laut eigener Aussage „einfach nur Darts spielen will“ auch andersherum. Bei den Turnieren in Deutschland war es mehrfach vorgekommen, dass das deutsche Publikum seine Kontrahenten auf ähnliche Weise begleitete – und Pietreczko stets bedeutete, dass dies doch nicht sein müsse. Es bleibt abzuwarten, wie das Publikum in London auf ihn reagiert – und wie er damit umgeht. Es wird bei seinem Auftaktmatch am Abend des 19. Dezembers erneut ein Duell mit einer Frau geben, diesmal trifft er auf die Japanerin Mikuru Suzuki.

Pietreczko muss nun zeigen, dass er seine Nerven besser im Griff hat. Er geht als klarer Favorit in das Spiel, in der zweiten Runde wartet Callan Rydz. Sollte er auch dort gewinnen, würde es vermutlich zum Duell mit Luke Humphries kommen. Doch so weit wird der Deutsche noch nicht denken, sondern sich voll und ganz auf das Spiel gegen Suzuki konzentrieren.

Florian Hempel

Auf den letzten Drücker hat sich auch Florian Hempel für die Weltmeisterschaft qualifiziert. Nach einem eher mäßigen Jahr, in dem ihm der Verlust der Tourkarte droht, schaffte er beim Last-Chance-Qualifier den Sprung ins Viertelfinale, der zur WM-Teilnahme reichte. Hempel setzte sich dabei im entscheidenden Spiel gegen Alan Soutar durch, der noch im Vorjahr im WM-Achtelfinale stand und dort gegen Gabriel Clemens ausschied. Gegen den Schotten spielte Hempel einen Schnitt von über 100 Punkten, auch in den Spielen zuvor legte er ein gutes Niveau an den Tag. Der Ally Pally ist für den Wahl-Kölner ein bekanntes Pflaster, schon in den vergangenen beiden Jahren war Hempel für die WM qualifiziert. Bei seinem Debüt vor zwei Jahren hatte er zunächst im deutschen Duell gegen Martin Schindler gewonnen und anschließend den an Nummer fünf gesetzten Dimitri van den Bergh bezwungen.

In diesem Jahr könnte es ein Wiedersehen mit dem Belgier geben. Dafür müsste Hempel allerdings erst einmal den Iren Dylan Slevin in der ersten Runde besiegen. Keine unlösbare Aufgabe für Hempel, der, um seine Tourkarte sicher in der Tasche zu haben, wohl auch noch eine Runde weiter kommen müsste. Doch wie man van den Bergh auf der größten Bühne der Welt bezwingt, hat er schließlich schon einmal vorgemacht. Das Spiel gegen Slevin steigt am Abend des 17. Dezembers. Im Falle eines Sieges ginge es am Freitag, 22. Dezember, weiter.

Dragutin Horvat

Dragutin Horvat komplettiert das deutsche Quintett in London. „Herkules“ hat sich bei der Super League in Bitburg durchgesetzt und wird zum zweiten Mal nach 2017 bei der Weltmeisterschaft mit dabei sein. Horvat ist ein Urgestein der deutschen Dart-Szene. Bei der elften Auflage der Super League war der Kasseler auch zum elften Mal mit dabei. Dass er zudem einer der erfolgreichsten Teilnehmer aller Zeiten ist, verdeutlicht auch die Tatsache, dass er bei elf Teilnahmen zum fünften Mal das Finale erreicht hat. Bis zur diesjährigen Ausgabe stand bei vier Finals allerdings „nur“ ein Sieg zu Buche.

Nun ließ er den zweiten Folgen. Horvat präsentierte sich über die Woche hinweg als konstantester Spieler, im Endspiel schlug er Tourkartenbesitzer Pascal Rupprecht überzeugend. Seinen Humor bewies der Kasseler im Interview nach dem Finale, als er, auf London angesprochen, sagte, er müsse nun erst mal alles mit dem Arbeitgeber klären, womöglich dürfe er gar nicht zur WM. Wie er kürzlich beim Podcast „Game On“ erklärte, habe er den ganzen Dezember frei, um sich auf Darts zu konzentrieren. Und sollte er am 3. Januar noch das Finale spielen müssen, dann brauche er sich da auch keine Gedanken machen, habe ihm der Chef versichert, sagte Horvat dort mit einem Augenzwinkern.

Horvat bekommt es mit dem Belgier Mike de Decker zu tun, der zu Beginn des Jahres stark aufspielte, in den vergangenen Wochen aber nicht mehr so sehr überzeugte. Das Spiel findet am Abend des 19. Dezembers statt. Der Sieger trifft auf den Letten Madars Razma, der an Nummer 32 gesetzt ist.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort