Tyron Zeuge geht K.o. und schickt das deutsche Profiboxen auf die Bretter

Kein deutscher Weltmeister mehr : Zeuge geht K.o. und schickt das deutsche Profiboxen auf die Bretter

Nach der Niederlage von Tyron Zeuge hat Deutschland erstmals seit 14 Jahren keinen Weltmeister im Profiboxen mehr. Am Samstag zeigte sich, dass der Niedergang hausgemacht ist.

Es war bereits nach Mitternacht, da starrte Wilfried Sauerland von seinem Platz in der ersten Reihe immer noch in den längst leeren Ring. Der Grandseigneur des deutschen Profiboxens hatte kurz zuvor einen Tiefschlag kassiert. Der 78-Jährige musste mitansehen, wie Tyron Zeuge als bis dahin einzig verbliebener Weltmeister aus Deutschland seinen Titel verlor. Erstmals seit 14 Jahren gibt es hierzulande nun keinen Champion mehr, die gesamte Sportart wurde auf die Bretter geschickt.

Passend dazu war der Technische K.o. des 26 Jahre alten Berliners am Samstag in Offenburg gegen den Engländer Rocky Fielding mit all seinen negativen Begleiterscheinungen ein einziges Trauerspiel. Der seit Wochen schwelende Streit zwischen Zeuge und seinem Trainer Jürgen Brähmer auf der einen und dem Sauerland-Boxstall auf der anderen Seite wurde nach dem WM-Fight des Verbandes WBA im Supermittelgewicht offen ausgetragen.

"Wir wissen alle, an wem es lag - sicher nicht an Tyron", sagte Brähmer, und startete noch im Ring seine Tirade in Richtung Sauerland. "Wir wurden zu dem Termin gezwungen, nur um Verträge einzuhalten", wetterte der Coach, der in der fünften Runde das Handtuch geworfen hatte, um seinen Schützling vor einem schweren K.o. durch den britischen Meister zu bewahren: "Wir hatten gerade einmal sechs Wochen Vorbereitung. Mit dem Saftladen hier wird das deutsche Boxen sicher nicht erfolgreich."

Diesen Vorwurf wollte Sauerland nicht auf sich sitzen lassen. "Es ist bekannt, dass es Spannungen zwischen uns gibt. Aber die gibt es erst, seit Brähmer der Coach von Tyron ist", äußerte der Promoter, der Brähmer zudem beschuldigte, eine Wasserflasche in Richtung seiner Frau geworfen zu haben: "Ich weiß nicht, was es an dem Termin zu beanstanden gibt. Aber die Sache zwischen uns klären ohnehin die Anwälte, die bekanntlich eingeschaltet sind."

Die Juristen sind seit Wochen aktiv, da Zeuge im Mai seinen bis 2019 laufenden Vertrag mit Sauerland gekündigt hat. Zuvor war Brähmer abgewandert. Der frühere Weltmeister im Halbschwergewicht klagte über ausstehende Zahlungen und mangelnde Unterstützung. Sauerland ist laut Brähmer kein verlässlicher Partner mehr. Dass die Baden-Arena am Samstag höchstens zu einem Drittel gefüllt war, war Wasser auf die Mühlen des Trainers.

Und auch wenn Wilfried Sauerland gemeinsam mit seinen Söhnen Kalle und Nisse die Vorwürfe vehement zurückwies, wurden in der Branche zuletzt Gerüchte über das drohende Aus des einst größten europäischen Boxstalls laut. Dass der Senior, der mit Henry Maske seine größten Erfolge feierte, im fortgeschrittenen Alter auf die Kommandobrücke zurückgekehrt ist, werten viele Beobachter als einen letzten Rettungsversuch.

Ob das deutsche Profiboxen mittelfristig zu retten ist, scheint derzeit offener denn je. Sauerland redete die Zeuge-Pleite natürlich in seinem Sinne klein. "Klar, das ist ein Rückschlag", äußerte der gebürtige Wuppertaler: "Aber wir hatten früher schon Zeiten, in denen es keine großen Talent gab. Wir brauchen ein oder zwei Jahre, um wieder etwas aufzubauen."

Und obwohl Zeuge vor der Niederlage gegen Fielding in 23 Kämpfen ungeschlagen war, wird der Ex-Champion nach Ansicht des früheren Weltmeisters Graciano Rocchigiani kein Bestandteil dieses Neuaufbaus sein. "Er hatte doch noch nie starke Gegner", sagte der Sport1-Experte: "Meiner Meinung nach ist er boxerisch zu schwach."

(rent/sid)
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