Björn Otto: Stabhochspringer fliegt Touristen

Olympia-Zweiter Björn Otto: Stabhochspringer fliegt Touristen

Bei den Olympischen Spielen in London 2012 gewann Björn Otto Silber. Mit 6,01 Metern hält der 39-Jährige den deutschen Rekord. Nach seinem Karriereende wird er Pilot einer Boeing 737.

Frage: Wovor hat ein Mann Angst, der sich in seinem Sportlerleben mit einem kohlenstofffaserverstärkten Kunststoffstab sechs Meter hoch über eine Latte katapultiert hat? Antwort: vor Langeweile. Klingt komisch. Ist aber so. Zumindest im Fall von Björn Otto. Alltag, Routine, ein Bürojob, neun bis fünf - ein Graus für den 39-Jährigen. "Ich wusste schon immer: Ich bin kein Schreibtischmensch", sagt Otto. Er sitzt an diesem Abend auf der Tribüne der Leverkusener Leichtathletikhalle. Momentan hat er frei. Vor drei Monaten hat er seine Karriere als Stabhochspringer beendet. Die neue Laufbahn startet erst im Januar. Sie ist das Gegenteil eines Schreibtischjobs: Otto beginnt als Pilot beim Ferienflieger SunExpress Deutschland.

"Ich fange Anfang Januar mit dem Type-Rating auf der Boeing 737-800NG an. Diese Einweisung dauert rund zweieinhalb Monate. Das Ziel ist, dass ich im Sommerflugplan voll einsatzbereit bin", sagt der Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von London 2012. Type-Rating bezeichnet die Einweisung auf einen spezifischen Flugzeugtyp. "Sie müssen sich vorstellen, Sie haben einen Auto-Führerschein gemacht, brauchen aber für den BMW Ihres Vaters, für jedes Modell, das eine gewisse Größe überschreitet, eine spezielle Einweisung", erklärt Otto.

Den Führerschein hat er schon länger. Den Pilotenschein seit nicht mal zwei Jahren. Fliegen ist seine Leidenschaft. Seit jeher. Ob über die Latte oder über den Dächern. "Ich bin relativ schnell nach meinem Pilotenschein mit meinen Eltern geflogen. Die sind damals auch sofort eingestiegen. Ich habe mir auch nie Gedanken gemacht, dass ich gerade meine Eltern herumfliege. Ich habe nur meinem Vater gesagt, du drückst hier auf keinen Knopf. Guck raus und genieß es", erzählt Otto.

Ab Januar wird er viele Knöpfe drücken. Hebel ziehen. Monitore überwachen. Karten im Blick haben. Und Messanzeigen. Der Großteil der Einweisung auf die Boeing 737 läuft im Simulator. Erst in einem fixen, dann in einem beweglichen. "Ich habe in Essen-Mühlheim meine Pilotenausbildung gemacht, und diese Flugschule macht auch das Type-Rating für SunExpress. Dazu ist die Basis in Köln. Ich brauche also nicht mal umzuziehen. Das ist ein Sechser in Lotto", sagt Otto.

Am Ende der Einweisung steht Landetraining mit einer echten Maschine. Ohne Passagiere. Und dann, nach bestandener Prüfung, mit Passagieren. Dann fliegt der Mann, der aus dem Dormagener Stadtteil Straberg stammt und lange für den TSV Bayer sprang, maximal 189 Urlauber in die Türkei. Oder auf die Kanarischen Inseln. Mit 850 km/h. Die 737 ist ein Mittelstreckenflugzeug. Ob es ein Ritual unter Verkehrspiloten gibt nach dem allersten Flug? Ich glaube nicht, sagt Otto. Aber nach dem ersten Alleinflug im Segelflugzeug gebe es das Ritual, dass sich der Pilot mit den Händen auf dem Rumpf abstützen muss, erzählt Otto. Dann hauen ihm alle auf den Po. Das schule den "Popometer", denn mit dem Po merke man sehr schnell, ob das Flugzeug steige oder sinke. Nach Ottos erstem Alleinflug sind nur fünf Leute da. Zum Glück, sagt er. Und lacht.

Bei der Fluggesellschaft hat Otto seinen ersten Arbeitsvertrag unterschrieben. Vorher ist er immer selbstständig gewesen. Als Sportler. Als Zehnjähriger hat er mit dem Stabhochsprung angefangen. Er gilt als einer der Besten, aber oft sind andere noch besser. Hinzu kommen immer wieder Verletzungen, die Otto ausbremsen. Doch dann kommt 2012. Und 2012 wird sein Jahr. Silber bei der Hallen-WM in Istanbul. Silber bei der Freiluft-EM in Helsinki. Silber bei Olympia in London. Als Krönung springt er in Aachen 6,01 Meter - deutscher Rekord. 2013 läuft auch nicht schlecht mit Hallen-EM-Silber in Göteborg und WM-Bronze in Moskau. Aber dann reißt sich Otto Anfang 2014 in Düsseldorf die Achillessehne an. Bereits zum dritten Mal in seiner Laufbahn. Er versucht noch einmal alles. Doch für Rio 2016 reicht es nicht mehr. "Ich bin mit mir voll im Reinen. So, wie es war, war es gut. Meine Ferse hätte noch zwei Jahre länger halten können, dann wäre es noch besser gewesen, aber ich habe alles, was ich mir als Kind erträumt hatte, erreicht. Ich habe leider nur nie die Hymne gehört", sagt er mit Blick auf die fehlende Goldmedaille.

Auf seinen deutschen Rekord wird er häufig angesprochen. Und natürlich stellt sich die Frage, wie lange die 6,01 Meter wohl Bestand haben. "Ich hoffe lange, aber früher oder später wird einer drüber springen", sagt Otto. Wer könnte das sein? "Raphael Holzdeppe ist sicherlich einer, der in der Lage ist, eine solche Höhe zu springen. Aber sechs Meter rein theoretisch springen zu können und es dann praktisch auch zu tun, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Und du brauchst meiner Meinung nach zwei, drei Konkurrenten, die dich zu so einer Leistung triezen", sagt Otto.

Otto interessieren Rekordhöhen aber nur noch am Rande. Er denkt in Reiseflughöhen. "Mein Leben hätte durchaus langweiliger verlaufen können", sagt er. Das gilt rückblickend. Und erst recht ab Januar.

(klü)
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