„Die Situation ist kritisch“ DBB-Vizepräsident Bösing warnt vor Schiedsrichtermangel im Basketball

Interview | Hagen · Nach dem WM-Titel der deutschen Basketballer könnte die Sportart einen Boom erfahren. Doch an der Basis herrscht nicht nur Freude. Denn es gibt immer weniger Schiedsrichter. Der nationale Verband schlägt Alarm und nimmt Landesverbände und Vereine in die Pflicht.

 Symbolfoto.

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Foto: dpa/Lukas Schulze

Die Sensation ist geschafft. Die deutsche Basketball-Nationalmannschaft hat sich in Manila zum Weltmeister gekürt.

Die Verantwortlichen frohlocken, hoffen bereits auf den großen Basketball-Boom. Doch an der Basis herrscht trotz aller Begeisterung und Freude über WM-Gold gleichzeitig auch Ernüchterung. Denn im Amateur- und Jugendbereich, dem Pool der WM-Stars von Morgen, gibt es kaum noch genug Schiedsrichter – und die Probleme werden immer größer. Lothar Bösing, der DBB-Vizepräsident Bildung und Schiedsrichterwesen, beleuchtet die Situation, spricht über erste Gegenmaßnahmen und warnt vor Konsequenzen.

Wie steht es um das deutsche Basketball-Schiedsrichterwesen? Können Sie konkrete Zahlen nennen?

Lothar Bösing Aktuell gibt es in Deutschland knapp unter 10.000 registrierte Basketball-Schiedsrichter.

Das klingt ja erst einmal einer ordentlichen Zahl, mit der sich eigentlich arbeiten lassen sollte. Da sind andere Sportarten im Verhältnis schlechter aufgestellt.

Bösing Das stimmt, dem Fußball oder dem Handball geht es teils noch deutlich schlechter als uns Basketballern. Aber: Von diesen genannten 10.000 Schiedsrichtern sind nicht alle aktiv. Letztlich ist die Zahl der Schiedsrichter, die an jedem Wochenende in den Hallen stehen, zu niedrig. Denn eigentlich wollen wir verhindern, dass jeder Schiedsrichter an jedem Wochenende im Einsatz sein muss - teils sogar mehrfach - um den Spielbetrieb nicht zu gefährden. Doch dazu kommt es aktuell immer häufiger. Grundsätzlich muss man sagen: Die aktuelle Situation ist kritisch, vor allem mit Blick auf den Nachwuchs.

Inwiefern?

Bösing Im Bereich des DBB werden in jedem Jahr rund 3000 Nachwuchsschiedsrichter ausgebildet. Das Problem ist aber die ziemlich hohe Drop-Out-Quote - also die Zahl der Rookies, die nach drei Jahren schon wieder die Pfeife an den Nagel hängen. Diese Quote liegt aktuell bei über 70 Prozent. Das ist zu viel, denn auf lange Sicht werden die Landesverbände, die ja letztlich den Spielbetrieb in den unteren Klassen organisieren, noch mehr Probleme bekommen, als sie aktuell schon haben.

In welchem Landesverband ist die Situation denn aktuell schon bedrohlich?

Bösing Im Westdeutschen Basketball-Verband, dessen Verbandsgebiet ganz NRW umfasst, ist es besonders schlimm. Hier fehlen jedes Jahr rund 300 Schiedsrichter, um den Spielbetrieb ohne Probleme stemmen zu können. Nun ist die Dichte an Vereinen in NRW auch ziemlich hoch. In Baden-Württemberg oder Hamburg ist die Lage noch vergleichsweise entspannt. Aber dort gibt es auch nicht so viele Ligen mit entsprechend großem Spielbetrieb.

Sind die Gründe für den grundsätzlichen Mangel oder auch die hohe Quote derer, die recht schnell nach der Ausbildung wieder aufhören, bekannt?

Bösing Die Gründe sind vielfältig. Die Signale, die wir erhalten haben, deuten darauf hin, dass für viele die Bezahlung eigentlich gar nicht der zentrale Punkt ist. Die Corona-Pandemie wird ihren Teil zu den Problemen beigetragen haben, es geht aber auch um Themen wie Wertschätzung und Anerkennungskultur – also Dinge, die man nicht von heute auf morgen repariert bekommt, sondern die wachsen müssen. Um die genauen Hintergründe für den Schwund genauer beleuchten zu können, haben wir daher nun eine Task Force gebildet, die sich auf Ursachenforschung begeben hat.

Wie geht diese Task Force vor?

Bösing Im ersten Schritt wurde ein Fragebogen an alle registrierten Schiedsrichter verschickt. Danach wird der Fragebogen dann an die Kollegen gehen, die vor drei oder vier Jahren mit der Tätigkeit an der Pfeife aufgehört haben, um deren Gründe für ihren Rückzug herauszufinden und eventuell den ein oder anderen zurückzugewinnen. Und auf dieser Datenbasis werden wir dann Vorschläge entwickeln, welche Maßnahmen die Landesverbände in Angriff nehmen können, um das Problem in den Griff zu kriegen.

Wann ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen?

Bösing Von der ersten Umfrage sind bislang bereits viele Rückmeldungen eingelaufen. Das war schon einmal eine gut verwertbare Datengrundlage. Darauf basierend wurden Empfehlungen an die Landesverbände gegeben, wie die Probleme aus unserer Sicht zu bewältigen sein könnten. Weitere Schritte hängen dann von den genauen Ergebnissen der Umfragen ab.

Und was wird bereits dafür getan, um den Schwund zu bremsen beziehungsweise den Mangel zu verwalten?

Bösing Wir haben den Landesverbänden empfohlen, sich stärker um die glücklicherweise noch aktiven Kollegen zu kümmern, sie mehr wertzuschätzen. Sie müssen Anerkennung erfahren, sei es durch Freikarten für Bundesliga-Spiele oder andere Dinge. Es müssen aber auch die Vereine stärker in die Pflicht genommen werden, mehr Schiedsrichter-Nachwuchs zu generieren. Die Vereine wiederum dürfen dann aber auch nicht alleine gelassen werden, sondern brauchen die Unterstützung der Landesverbände.

Was wären mögliche Konsequenzen, wenn sich die Zahl der SR in den kommenden Jahren nicht erhöht und/oder stagniert?

Bösing Der Worst Case wären sicherlich Spielausfälle, weil keine Schiedsrichter mehr zur Verfügung stehen oder auch die Reduzierung von Ligengrößen, um den Spielbetrieb zu verringern. Aber da wären dann die Landesverbände gefordert, ihren Vereinen klare Vorgaben zu machen. Etwa, dass pro gemeldeter Mannschaft auch ein Schiedsrichter gemeldet werden muss, sonst erhält das Team keine Spielberechtigung. Es ist aber klar, dass sowohl ich als auch der DBB alles daransetzen werden, um diese Szenarien zu verhindern.