Biografie "The Great Nowitzki" über Basketball Legende Dirk Nowitzki

Biografie „The Great Nowitzki“ : Ein Denkmal für Dirk den Großen

Sieben Jahre lang hat Autor Thomas Pletzinger Europas besten Basketballer intensiv begleitet. In „The Great Nowitzki“ erklärt er nun auf 500 Seiten den Sportler und Menschen – und das System um ihn herum. Ein fabelhaftes Buch.

Der Autor Thomas Pletzinger hat vieles gemein mit Dirk Nowitzki – beide sind Anfang 40, dreifache Väter und Meister ihres Fachs. Nowitzki ist bloß ein Stück größer, und ein Stück besser in dem Sport, den sie beide lieben. 250 Millionen US-Dollar bekam Nowitzki für 21 Saisons in der amerikanischen Liga NBA, und wenn es ihm ums Geld ginge, hätte er sogar mehr als das Doppelte verdienen können: eine halbe Milliarde Euro.

Als Nowitzki im Frühjahr seine Karriere beendete, trat er als Weltstar ab; selbst gegnerische Fans, Spieler, Trainer verneigten sich. Diesen dann doch nicht ganz unbedeutenden Unterschieden zwischen ihnen spürt Pletzinger in seinem Buch „The Great Nowitzki“ (Kiepenheuer&Witsch, 512 Seiten, 26 Euro) nach, umkreist, beschreibt und seziert sie. „Er lebt ja nur zu fünf Prozent im Scheinwerferlicht“, sagt Pletzinger im RP-Interview, doch die anderen 95 Prozent interessierten ihn genauso. Wer das Ergebnis seiner Beschattung liest, entwickelt neben Respekt für Nowitzkis Lebensleistung auch etwas wie Mitgefühl.

Nowitzkis astronomisches Gehalt war auch Schmerzensgeld für eine Art Entmündigung: Es verpflichtete ihn, in mehr als 50.000 Spielminuten gegen muskelbepackte Verteidiger seine Gesundheit zu riskieren. Für den sportlichen Erfolg, so heiß ersehnt trotz des Ekels über dessen Begleiterscheinungen, musste er millionenfach die immer gleichen Bewegungsabläufe trainieren: Seehunde sollen Bälle auf ihrer Nase balancieren, Nowitzki soll sie in den Korb werfen. Bei alledem war er weniger Mensch und mehr Investitionsgut, ein wertvolles Stück Eigentum des Konzerns Dallas Mavericks. Gefördert, gefordert und gequält, gedehnt und geknetet, gelotst und gebrieft, gezogen, geschoben, durch die Welt geflogen. Viele Lebensmittel und Hobbys waren ihm vertraglich untersagt, dauernde Dienstreisen quer durch die USA und permanente Interviews vorgeschrieben. Ein Leben als Weltstar, das arbeitet Pletzinger heraus, ist häufig ein Leben im Passiv.

2012 erschien Pletzingers Buch „Gentlemen, wir leben am Abgrund“, für das er ein Jahr lang buchstäblich zum Bestandteil des deutschen Spitzenvereins Alba Berlin wurde. Teilnehmende Beobachtung – maximal intensiv, maximal subjektiv, maximal erfolgreich. Auf dieselbe Art hat Pletzinger seitdem Dirk Nowitzki und dessen engen Kreis von Beschützern begleitet. Beim Versuch, das „System Nowitzki“ zu verstehen, gab er seine Distanz auf, verlor aber auch die Ehrfurcht des Fans. Die Wandlung vom Journalisten zum „wohlwollenden, parteiischen Begleiter“ hat sich gelohnt: Aus Gesprächen mit dem kauzigen Mentor und Privatcoach Holger Geschwindner, Nowitzkis Familie, Trainern, Managern, Mit- und Gegenspielern, Sportreportern und Bodyguards montierte er eine beispiellose Nahaufnahme von Nowitzki. Das Buch ist nicht mehr Biografie als unbedingt nötig. Vielmehr ist es das Porträt eines alternden Athleten und dessen Bodenpersonal, ein Ergründen der Phänomene Drive und Akribie, Fokus und Motivation.

Pletzinger baut Nowitzki ein Denkmal und kommt ihm so nahe, wie er sich nur nahe kommen lässt. Der Fotograf Tobias Zielony ergänzt die treffenden Worte um tolle Bilder; wobei das Cover statt Understatement mehr Wumms verdient hätte.

Am Ende wünscht man sich bloß etwas mehr Nowitzki in dessen eigenen Worten, mehr O-Ton aus den stundenlangen Gesprächen der beiden, ungefiltert – im Unterschied zum gewohnten „Autopilot-Modus“ des Stars, in dem er mit vielen Worten fast nichts sagt. Ansonsten sind die Mankos winzig. Wer nach Enthüllungen lechzt, wird enttäuscht, denn daran ist Pletzinger komplett uninteressiert: Neben Nowitzkis Abiturschnitt (3,3) erfährt man in dieser Hinsicht nur eines: Die legendäre Anekdote, er lasse sich auf Heimatbesuch Taschengeld von seiner Mutter zustecken, ist Quark.

Pletzinger hat etwas geschaffen, das „Sachbuch“ zu nennen einer Beleidigung gleichkommt. Literatur von Format, nicht bloß äußer­lich. Pletzingers drei Töchter wurden während der Arbeit an diesem Buch geboren, und wenn man sie fragt, was ihr Vater beruflich macht, sagen sie „Dirk Nowitzki“. Diese Hingabe liest man dem Buch an.

(tojo)
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