Der WM-Titel und seine Folgen Warum es Basketball in NRW so schwer hat

Analyse | Düsseldorf · Mit dem Gewinn der Basketball-Weltmeisterschaft fiel ein Schlaglicht auf eine selten beleuchtete Sportart. Alle wollen von diesem Titel profitieren, doch die Bestandsaufnahme ist ernüchternd. In Deutschland und noch mehr in NRW. Nur ein Erstliga-Team kommt aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland – auch auf längere Sicht dürfte sich daran nichts ändern.

Symbolfoto.

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Plötzlich hat es „Boom" gemacht. Vielleicht hätte man etwas ahnen können. Ein in weiten Teilen ähnlich besetztes Team wie das der neuen Weltmeister hatte mit einem dritten Platz bei der EM 2022 vorsichtig angedeutet, dass da noch was kommen könnte. Die Bronzemedaille war in der Rückschau so etwas wie der Zettel im Hausflur vor einer WG-Geburtstagsfeier: Liebes Deutschland, es könnte 2023 etwas lauter werden. Wenn ihr mögt, stoßt gerne zu unserer Party dazu.

Aber dass die jetzt wirklich Basketball-Weltmeister werden? Konnte keiner ahnen. Wer das schon vorher besser wusste, hätte sein Geld ver-25fachen können. So gering schätzten die gewöhnlich gut informierten Wettanbieter die Titelchancen der Truppe um Dennis Schröder ein. Deutschland steht staunend und erstaunlich ratlos um den Goldschatz, der da plötzlich vom Himmel gefallen ist. Die, deren Worte im Land Gewicht haben, äußern verlegene Glückwünsche und sind darauf bedacht, nicht erkennbar werden zu lassen, ob sie Turnover, Triple-double oder Pick and roll der richtigen Sportart zuordnen oder eher Spielarten des Jazz dahinter vermuten. Die, deren Worte Substanz haben, warnen jetzt schon, dass es allzu schnell wieder vorbei sein könnte mit dem Hype, der eigentlich noch gar keiner ist.

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„Die Sportler und Athleten haben Unglaubliches erreicht. Jetzt sind andere gefragt. Wenn wir einen Basketball-Boom haben wollen, müssen die Verantwortlichen beim DBB ihre Arbeit machen. 1993 haben sie sich auf dem Erfolg ausgeruht. Der Triumph war eine Eintagsfliege", warnt Hansi Gnad im Gespräch mit der Rheinischen Post. 1993 wurde Deutschland Europameister. Gnad war dabei. Er war lange Rekord-Nationalspieler und Co-Trainer der DBB-Auswahl. Gnad war so ziemlich alles, was man im deutschen Basketball werden kann. Mit 60 Jahren ist er als Trainer der Bayer Giants Leverkusen aber auch so etwas wie ein Sinnbild für die Probleme des deutschen Basketballs im Allgemeinen und der NRW-Klubs im Speziellen: Der deutsche Rekordmeister ist zuletzt erstaunlich teilnahmslos von der zweitklassigen ProA-Liga in die drittklassige ProB abgestürzt.

Der emeritierte NBA-Star Charles Barkley etikettierte Deutschland in einem Nebensatz noch vor dem Titelgewinn als Dritte-Welt-Land. Das rief zuverlässig Empörung hervor. Ob Barkley schon mal von Nordrhein-Westfalen gehört hat, ist nicht überliefert. Aber mit ein wenig Abstand sind seine Worte an Rhein und Ruhr durchaus anschlussfähig. In die Antworten auf die umgreifende Frage, wie man die goldene Vorlage der Schröders, Wagners und Bongas denn nun veredeln könne, mischt sich immer wieder der Begriff „Basketball-Entwicklungsland“. Das klingt viel positiver als Dritte Welt und schon das Wort beinhaltet eine zuversichtliche Perspektive.

Dafür, dass sich NRW als Fallbeispiel an dieser Stelle besonders eignet, genügt die Teilnehmerliste der BBL. Die Telekom Baskets Bonn stellen seit inzwischen 2016 das einzige Erstligateam aus dem bevölkerungsreichsten Bundesland. Sie sind damit Aushängeschild und Sinnbild der schwierigen Bedingungen zugleich. Der Klub erlebte gerade die erfolgreichste Saison seiner Geschichte, gekrönt vom Gewinn der Champions League. Ein Weltereignis in der früheren Bundeshauptstadt. Der Haupt- und Namenssponsor Telekom sorgte dennoch bereits lange davor für Verunsicherung mit der Ankündigung, sich als Hauptsponsor perspektivisch zurückzuziehen. Das gesamte Team samt Trainer und Staff folgten nach dem sportlichen Erfolg dem Lockruf der Konkurrenz. Der Klub muss in der anstehenden Saison einen kompletten Neuaufbau bewerkstelligen. Zwar erhöhte die Telekom ihre zugesagte Unterstützung zuletzt wieder. Die mittelfristige Perspektive in Bonn ist aber noch nicht geklärt.

Solche Umbrüche sind selbst im Basketball selten. Die Gründe, warum sich dauerhaft kein zweiter Standort in NRW in der höchsten deutschen Basketballliga etablieren konnte: vielfältig. Gemein ist fast allen Standorten, dass es an großzügigen und zuverlässigen Sponsoren mangelt. Hinzu kommt die ewige Hallenfrage. In Bonn wurde die mit der Premium-Lösung beantwortet. 2006 leistete sich der Klub einfach eine eigene mit 6000 Plätzen samt angeschlossenem Trainingszentrum und Geschäftsstelle. Kostete schlanke 15 Millionen Euro. Für Basketball-Verhältnisse Welten. Phönix Hagen hielt jahrelang als zweiter Klub die NRW-Flagge in der BBL hoch, verhob sich aber und plant nach einer Insolvenz 2016 nun bis 2025 den Wiederaufstieg aus der zweitklassigen ProA-Liga in die höchste deutsche Spielklasse.

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Andere Standorte scheiterten verschiedentlich: Köln nahm mehrere Anläufe, stolperten aber zuletzt mit den "Rheinstars" an der noch immer ungelösten Hallenproblematik. Um die Regularien der ProA zu erfüllen, zog das Team in die mit 18.500 Plätzen heillos überdimensionierte Kölner Arena. Das fraß derart massiv Geld und Atmosphäre, dass sich die Verantwortlichen nach drei missglückten Aufstiegsversuchen in die ProB zurückzogen.

Dorthin ist zuletzt auch Bayer Leverkusen abgestiegen. Dabei wollte das Team von Hansi Gnad eigentlich den anderen Ausgang nehmen und träumte von der Rückkehr in die BBL. Der stattdessen nach außen hin erstaunlich teilnahmslos hingenommene Abstieg des noch immer amtierenden Rekordmeisters soll nun so schnell wie möglich korrigiert werden. Aber der Giants Trainer warnt: „Einfach wird das nicht, und wir wissen ja, dass es böse Überraschungen geben kann.“

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In Düsseldorf scheiterten die Magics 2008 am Unternehmen Basketball-Bundesliga, als sie nach dem Umzug der Bayer Giants aus Leverkusen in die Landeshauptstadt ihre Halle verloren. Die ProA-Lizenz wurde anschließend an einen gewissen FC Bayern München übertragen. Die ART Giants Düsseldorf spielen nach einem Umweg über Lizenzentzug, Insolvenz und Regionalliga inzwischen in der drittklassigen ProB.

Abdelhadi „Eli“ Saou, Sportlicher Leiter der ART Giants sagte in der Rheinischen Post: „Wir hatten bereits vorher einen Riesenzulauf. Was uns fehlt, sind Trainer und finanzielle Mittel. Ich würde mir wünschen, dass sich einige Sponsoren, die im Fußball aktiv sind, anderen Sportarten widmen.“ Er ist überzeugt, dass die Basketballvereine doppelt so viele Mitglieder haben könnten. „Es fehlen aber Trainer und Trainingsorte.“

Überall wünschen sie sich eine Basketball-Halle, die idealerweise zwischen 3000 und 6000 Zuschauer fasst. Wer in der BBL einen konkurrenzfähigen Kader aufstellen möchte, braucht einen Jahresetat von gut und gerne vier Millionen Euro - und vor allem einen Sponsor, der den zur Verfügung stellt. Hier wiederholt sich, was in der Fußball-Bundesliga schon länger zu beobachten ist: Eine große Stadt ist nicht mehr automatisch ein Standortvorteil. Vereinen aus Heidenheim, Hoffenheim oder Wolfsburg gelingt es mit frappierender Regelmäßigkeit, Metropolen auszustechen.

Im Basketball ist Rasta Vechta auf die Rolle des cleveren Außenseiters abonniert. Die Niedersachsen sind längst kein Überraschungsteam mehr. „Man denkt da erst mal an grüne Wiesen und Kühe, aber der Standort hat sich unheimlich entwickelt. Die erste Mannschaft spielt in der BBL, die Zweite in der ProA", sagt Uwe Plonka, Präsident des Westdeutschen Basketballverbands. Bamberg als ehemaliges Topteam steht hingegen nach dem Rückzug des langjährigen Namenssponsors vor immensen Problemen.

Gerade für die Klubs, die etwas hinten dran sind, birgt der WM-Hype aber vielleicht besonderes Potenzial. Die Basketball-EM im Vorjahr und der dritte Platz des deutschen Teams haben bereits eine Ahnung davon vermittelt. „Einige Vereine mussten sogar Aufnahmestopps verhängen“, sagt Plonka. Die Infrastruktur stieß schnell an ihre Grenzen. Da Schulen ihr Ganztagsangebot ausweiten und viele Vereine städtische Hallen nutzen müssen, geht vor 16 Uhr oft nichts. Ein Großteil der Trainer studiere und würde den Fokus zunehmend darauf lenken, das schnell hinter sich zu bringen statt nebenbei selbst noch Kinder und Jugendliche zu trainieren, sagt Plonka. Zwar seien die Voraussetzungen in der Trainerausbildung inzwischen vereinfacht worden, „aber nicht jeder, der heute eine Lizenz macht, steht morgen in der Halle und trainiert eine Mannschaft.“

Ein weiteres Problem: zu wenige Unparteiische. „Wir haben ein massives Schiedsrichterproblem. Nach der Pandemie sind ganz viele nicht mehr wiedergekommen. Uns fehlen in dieser Saison rund 600 Schiedsrichter. Die Motivation, für ein paar Euro Spiele zu pfeifen, ist bei vielen nicht mehr da, der Altersdurchschnitt ist viel zu hoch“, klagt der Verbandspräsident. Ein Thema, das sich bis in die höchsten Profiligen zieht.

Bei vielen, die im Basketball etwas bewegen wollen, mischt sich in die Vorfreude auf den zu erwartenden Run daher ein mulmiges Bauchgefühl. Der Westdeutsche Basketballverband ist mit 50.000 Mitgliedern der mitgliederstärkste Landesverband Deutschlands und verweist mit Stolz auf die Erfolge in der Nachwuchsförderung. „Da sind wir sogar außerordentlich gut“, betont Plonka. „Aber sobald wir junge Talente entwickelt haben, mit 14, 15 Jahren gehen die alle weg.“ Strahlkräftige Erstligisten übernehmen den Rest der Arbeit und begleiten die Jugendlichen auf ihrem weiteren Weg, der möglicherweise in eine Profilaufbahn mündet.

Nachholbedarf besteht aber bundesweit. „Strukturell sind wir noch immer ein Entwicklungsland“, da klingt Plonka dann fast wie Barkley. „Die Politik müsste noch viel mehr für den Basketball tun. Wenn man sieht was in Spanien, Serbien oder Griechenland schon gemacht wird, da sind wir noch weit von entfernt.“ Verbände, Vereine, Politik – alle stehen über Nacht irgendwie in der Bringschuld. Die DBB-Weltmeister haben da ganz schön etwas angerichtet. Die eigentliche Arbeit hat für den deutschen Basketball mit dem WM-Titel erst begonnen.

(ako)
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