Basketball-WM 2019: Bundestrainer Henrik Rödl über Team USA, Dennis Schröder und die Olympischen Spiele 2020

Basketball-Bundestrainer im Interview : „Das wird wahrscheinlich die beste WM aller Zeiten“

Mit der Europameisterschaft 1993 gewann Henrik Rödl den einzigen großen Titel in der Geschichte der deutschen Basketball-Nationalmannschaft. Als Bundestrainer bereitet er dieser Tage eine Mannschaft vor, die er für „unglaublich talentiert“ hält. Was kann dieses Team erreichen?

Wenn Henrik Rödl kurz vor Beginn der Basketball-Weltmeisterschaft Zeit für ein längeres Gespräch hat, dann sitzt er im Auto. So wie dieser Tage, als der Basketball-Bundestrainer auf dem Weg ist von seiner Heimatstadt Berlin ins Trainingslager der Nationalmannschaft nach Trier. Seit Montag bereitet sich sein Team auf die WM in China vor, am 1. September geht es zum Auftakt gleich gegen Geheimfavorit Frankreich. Doch verstecken muss und will sich die deutsche Auswahl nicht. Auch der Bundestrainer gibt sich beim Gespräch zwischen Autobahn und Trainingshalle optimistisch - und zurückhaltend zugleich.

Herr Rödl, die Vorbereitung auf die Weltmeisterschaft in China (ab 31. August) hat begonnen. Sie haben eine Mannschaft zusammengestellt, von der sich die Fangemeinde viel erwartet. Wie beurteilen Sie die Qualität Ihrer Mannschaft?

Rödl Es ist eine sehr gute Zeit, um Bundestrainer zu sein. Das ist ein Ergebnis der sehr guten Jugendarbeit der vergangenen Jahre. Wir haben unglaublich viel Talent, die Mannschaft ist sehr jung und gleichzeitig breit aufgestellt. Die WM ist deshalb ja nur der Anfang. Diese Kader kann noch mindestens einen olympischen Zyklus (vier Jahre; Anm. d. Red.) zusammen bleiben – und da kommt ja noch Talent von unten nach. Aus dieser Basketball-Generation werden wir noch lange schöpfen können.

Das spiegelt sich unter anderem an der Rekordzahl von fünf NBA-Profis wider. Haben diese Spieler eine Sonderposition?

Rödl Wir haben ja auch noch genug Spieler, die in der Euroleague für die besten Teams Europas spielen. Das ist vergleichbar mit der NBA oder teilweise sogar besser. Bei uns läuft keiner mit einem NBA-Shirt rum. Alle tragen die Hemden der deutschen Nationalmannschaft, alle sind gleich und alle werden gleich behandelt. Es spielt für mich keine Rolle, wer für welchen Klub wie spielt oder mal gespielt hat, sondern wie er in der Nationalmannschaft funktioniert.

Sie haben für die Vorbereitung 16 Spieler nominiert, bis zur WM muss der Kader auf zwölf Spieler reduziert werden. Wie läuft Ihr Auswahlverfahren ab?

Rödl Wenn nicht gerade Länderspiele oder Trainingslager anstehen, schaue ich mir viele Spiele an, am besten vor Ort. Mein Anspruch ist es, im Laufe eines Jahres alle Spieler mindestens einmal besucht zu haben, die für die Nationalmannschaft in Frage kommen. Das heißt, ich war dieses Jahr bislang zweimal in den USA. Ich war in Spanien, in der Türkei, in Serbien. Ich war also viele Kilometer im Auto oder im Flugzeug unterwegs. Die Evaluierung der sportlichen Leistung ist heute durch digitale Plattformen sehr einfach geworden. Alle Spiele lassen sich irgendwie verfolgen. Ich sitze also auch viel vor dem PC oder TV. Ich will immer wissen, was mit meinen Jungs los ist.

Während der Saison stellen europäische Topklubs ihre Spieler nicht für Länderspiele ab. NBA-Klubs schon gar nicht. In der Folge haben einige Spieler die WM-Qualifikation komplett gespielt, es jetzt aber nicht mal in den 16er-Kader geschafft. Wie erklären Sie den Spielern sowas?

Rödl Natürlich gibt es Spieler wie Karsten Tada oder Bastian Doreth, die in der Qualifikation jedes Spiel gemacht haben und jetzt nicht im Kader sind. Natürlich wären die jetzt gerne dabei, und ich würde ja auch gerne alle einladen. Aber dieser besagte Modus es ist nicht auf meinen Mist gewachsen. Wir haben von Anfang an klar kommuniziert, dass es zu solchen Härtefällen kommen wird, und die Jungs haben trotzdem vollen Einsatz gezeigt. Dafür bin ich ihnen dankbar. Dennoch musste ich letztlich eine Auswahl treffen und bei der Breite und Qualität, die wir mittlerweile haben, musste ich leider einige verdiente Spieler aussortieren.

Als einziger verspätet ins Trainingslager eingestiegen ist Dennis Schröder. Wieso spielt er so eine besondere Rolle in Ihren Planungen?

Rödl Dennis ist einer der besten und schnellsten Spielmacher der Welt. Er wird das Tempo vorgeben, er ist unser Anführer. Aber wir haben ja längst nicht nur Dennis. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Danilo Barthel ist Kapitän von Bayern München, Niels Giffey ist Kapitän in Berlin. Wir haben mittlerweile so viele Spieler, die in ihren Klubs Verantwortung übernehmen. Ich gehe davon aus, dass sich daraus nun ein Gebilde formiert und ein großes Team bildet. Letztlich soll die sportliche Situation darüber entscheiden, welche Entscheidung wir treffen und wer Verantwortung übernimmt. Die Fähigkeit dazu haben viele.

Aber Sie haben es vorhin selbst gesagt: Ihr Kader ist auch noch sehr jung, nur ihr Kapitän Robin Benzing ist älter als 29. Sorgen Sie sich, dass so ein junges Team diesem Druck nicht standhalten kann?

Rödl Druck gehört im Leistungssport und für Profis dazu. Das ist normal und daran hat sich wahrscheinlich jeder mittlerweile gewöhnt. In unserer Planung und in unseren Besprechungen spielt Druck jedenfalls keine Rolle.

Vom Trainingslager bis zum WM-Ende werden rund sechs Wochen vergehen. Wie vermeidet man, dass irgendwann Lagerkoller aufkommt?

Rödl Da habe ich weder Bedenken, noch muss ich viel machen. Die Jungs sind einfach unglaublich gerne zusammen. Da muss man sich nur anschauen, wie sie miteinander auf dem Feld agieren, als auch wie sie außerhalb auftreten. Und es ist ja auch so: sechs Wochen sind im Basketball ja eine vergleichbar kurze Zeit. Im Verein sind manche Spieler ja von Herbst bis Sommer nahezu ohne Unterbrechung zusammen.

Im Fußball wird für große Turniere gerne mal ein ganzes Hotelgelände gemietet. Welchen Komfort gibt es im Basketball?

Rödl Für das Team hinter der Mannschaft liegt sicherlich ein Hauptaugenmerk darauf, dass wir ein gutes Ambiente schaffen und die Atmosphäre gut ist. Wir haben einen Sport-Psychologen dabei, wir haben verschiedene Physiotherapeuten, die ganze medizinische Versorgung ist erstklassig. Ansonsten sind wir an den Spielorten ganz normal in Mannschaftshotels untergebracht, die der Ausrichter organisiert. Da wohnt man dann mit mehreren anderen Teams zusammen. Das ist schon seit Jahren so vorgegeben.

Sie treffen in der ersten Gruppenphase auf Jordanien, die Dominikanische Republik und Frankreich. Welche Rolle spielen diese Gegner für Ihre Vorbereitung?

Rödl Um die Gegner kümmern wir uns erst so knapp eine Woche vor Turnierstart, bis dahin müssen wir uns erstmal selber finden und die Basis schaffen. Aber natürlich kümmern wir uns im Betreuer- und Trainerteam um intensives Scouting.

Der WM-Modus sieht eine zweite Gruppenphase vor. Dort könnten Sie auf Top-Teams wie Litauen, Kanada oder Australien treffen. Beschäftigen Sie sich mit diesen Aussichten?

Rödl Letztlich muss man es so betrachten: aus acht Mannschaften qualifizieren sich letztlich zwei für das Viertelfinale. Wir werden also jemanden bei den Spielen der anderen Gruppe haben und uns auf alle sieben potenzielle Gegner vorbereiten.

Das heißt, das Viertelfinale ist Ihr Ziel?

Rödl Zunächst mal ist die zweite Gruppenphase unser Minimalziel.

Sie sprachen vorhin den olympischen Zyklus an. Die nächsten Olympischen Spiele folgen nächstes Jahr, das Viertelfinale bei der WM könnte schon für die Qualifikation reichen.

Rödl Ja, deshalb spielen so ziemlich alle Länder mit ihren besten Teams – mit Ausnahme der USA vielleicht.

Die verzichten auf einen Großteil ihrer Superstars, sind aber trotzdem Titelfavorit. Wen haben Sie ansonsten noch auf der Rechnung?

Rödl Die Amerikaner scheinen erst einmal nicht so übermächtig zu sein, wie man es von ihnen gewöhnt ist. Aber es wird ohnehin eng für die USA, es gibt einen ganzen Pool an Mannschaften die um den Titel und Medaillen mitspielen können. Ich habe es ja vorhin schon gesagt: die NBA ist voll von europäischen Stars. In Antetokounmpo spielt der wertvollste Spieler der NBA bei der WM für Griechenland, in Gobert der beste Verteidiger für Frankreich und in Jokic einer der besten überhaupt für Serbien. Das wird wahrscheinlich die beste WM aller Zeiten.

Dirk Nowitzki hat die Olympischen Spiele 2008 mit der Nationalmannschaft als einen Karriere-Höhepunkt bezeichnet. Wie wichtig wäre Ihnen diese Qualifikation?

Rödl Olympia ist für jeden Sportler das allergrößte Ziel. Wir werden alles tun, um 2020 dabei zu sein. Ob es jetzt direkt bei der WM klappt oder sonst später durch die Qualifikation.

Sie selbst sind als Spieler 1993 Europameister geworden. Auf einen solchen Erfolg wartet Basketball-Deutschland seither. Setzen Sie sich selbst unter Druck, nochmal als Trainer einen Titel zu holen?

Rödl Damit beschäftige ich mich momentan nicht. Gerade interessiert mich, dass das aktuelle Team zusammenfindet, hart trainiert und alle gesund bleiben. Dann werden die Ergebnisse für sich sprechen.

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