Von Hype zu Hype Warum der Sport auf Event-Fans nicht verzichten kann

Meinung | Düsseldorf · Erst der Hype um die Frauenfußball-EM, dann die European Championships, jetzt die Basketball-EM: Sportbegeisterte wandern von Turnier zu Turnier. Von treuen Klub-Anhängern verachtet sind die Jubel-Nomaden doch eine Gruppe, auf die keine Sportart verzichten kann.

 Deutsche Fans in der EM-Vorrunde in Köln.

Deutsche Fans in der EM-Vorrunde in Köln.

Foto: dpa/Federico Gambarini

Und plötzlich ist Sport-Deutschland also dieser Tage ein Basketball-Land. 18.000 Fans feiern bei den Spielen der deutschen Mannschaft eine Party in der Kölner Arena, Nischen-Sender MagentaSport erreicht laut Basketball-Bund-Präsident Ingo Weiß „phänomenale“ Quoten (der Sender selbst gibt dazu keine Infos), Franz Wagner ist für viele schon der neue Dirk Nowitzki.

Und wie alle Sportarten, Verbände und Vereine vor ihm, die eine vergleichbare Euphorie quasi aus dem Nichts erfahren durften, fragt sich nun auch der Basketball: Ist der Hype nachhaltig? Vermutlich kennt er die Antwort schon. Sie lautet: Nein, ist er nicht. Denn die Spezies, die ihn erzeugt, zieht nach dem Hype weiter. Zum nächsten Hype. Es sind die Event-Fans, und der Sport kann froh sein, dass es sie gibt.

Event-Fan – der Begriff ist fast ausnahmslos negativ besetzt. Rosinenpicker seien sie, ohne Treue zu einem Sport oder einem Klub. Ja klar, beim EM-Finale mit Klatschpappen in Reihe eins sitzen, aber Wochen später kein Geld für ein Spiel im Ligaalltag ausgeben! Die Vorwürfe sind vielfältig. Und sie kommen vor allem aus der Reihe der Sportfans, die ihr Fandasein und ihre Fankultur aus der Treue eben jenes Ligaalltags ziehen. Aus dem allwochenendlichen Stadion- oder Hallenbesuch. Dem wiederkehrenden Rhythmus einer Saison. Auswärtsfahrten. Kutten. Lebenslang grün-weiß.

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Foto: dpa/Hauke-Christian Dittrich

Für diese Fans sind Event-Fans verachtenswert. Doch bei dieser Bewertung wird eines übersehen: Event-Fans leben die Sportbegeisterung einfach nur nach dem Muster, nach dem unsere Gesellschaft heute ihr Leben lebt. Die hangelt sich von Höhepunkt zu Höhepunkt. Die Arbeitswoche ist das Tief, das nächste Wochenende das Ziel. Alle vier Wochen Kegeln. Wann kommt die neue Staffel von xy bei Netflix? Wie viel Wochen bis zum nächsten Urlaub? Ostermarkt. Weihnachtsmarkt. Oktoberfest. Geburtstagsfeier. Kommunion. Richtfest. Konzert. Events strukturieren unser Leben, hellen den grauen Alltag auf. Wir lassen uns von Events anstecken. Vom Hype. Egal, ob der Hype von Game of Throne ausgeht, von Helene Fischer oder einer Basketball-EM.

Das Herdentier Mensch liebt Events. Und das Herdentier Sportfan erst recht. Begeisterung steckt an, wo Mannschaften erfolgreich sind. Euphorie entsteht. Wer den Hype mitgeht, kann mitreden. Im Büro, am Frühstückstisch. Doch ein Event hat eben auch ein prägendes Charakteristikum: Es ist endlich. Es geht vorbei. Und dann füllen wir die Leere mit dem nächsten Event.

Fast 18 Millionen Menschen schauten den Fußballfrauen Ende Juli beim EM-Finale gegen England zu. Ein Straßenfeger im Miniformat. Der Event-Sog funktionierte und zog Sportliebhaber vor dem TV. Beim ersten Länderspiel nach der EM am vergangenen Samstag waren es nur 1,56 Millionen. Der Hype ist schon wieder vorbei. Traurig, aber so ist es.

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Genauso wird auch der Basketball-EM-Hype absehbar verfliegen. Bald kommt die (umstrittene) Fußball-WM. Im Januar fiebern wir dann wieder alle mit den Handballern bei der WM. Event folgt auf Event. Und wer begeisterungsfähig ist, wird zum Jubel-Nomaden. Rastlos zum nächsten Hype.

Ist das nun wirklich verachtenswert? Sind das alles nur Fans zweiter Klasse? Wer als Sportart so denkt, leistet sich einen Hochmut, den er sich nicht leisten kann. Natürlich sind unter den 18.000 Fans in Köln viele, die Basketball generell gut finden und selbst spielen. Mit NBA-Abo und Dallas-Mavericks-Nowitziki-Shirt im Schrank. Aber der typische Event-Fan kommt eben on top. Kauft Eintrittskarten, Schals, Bier, Poster – die sonst nicht verkauft worden wären. Und Event-Fans schaffen mediale Aufmerksamkeit. Wo viele Menschen sind, schauen die Medien genauer hin. Ist so.

Der Sport in Deutschland braucht beides: Treue Fans, die ihr Leben nach einem Verein ausrichten. Und Fans, die sich genauso für eine Basketball-EM begeistern können wie für die Handball-WM oder das EM-Finale im Frauenfußball. Und so ist dem deutschen Basketball zu wünschen, dass er aus dem laufenden Turnier so viel raussaugt, wie er kann. Emotional wie finanziell. Dann ist die EM schon ein Erfolg.

Wer damit rechnet, dass sich nun Zigtausende Kinder in Basketball-Vereinen anmelden und enttäuscht ist, wenn sie es nicht tun, hat etwas Grundlegendes nicht verstanden.

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