Basketball: BBL-Chef Stefan Holz im Interview zur FC Bayern-Meisterschaft und Ligazukunft

Deutschlands Basketball-Liga-Chef im Interview : „Wir sind in einer Situation, in die der Fußball vielleicht kommt“

Die deutsche Basketball-Liga steht unter Druck: sportlich dominieren die Bayern, wirtschaftlich können sich immer weniger Klubs die Erstklassigkeit leisten – und jetzt fehlt auch noch Basketball-Zugpferd Dirk Nowitzki. Wie geht es weiter mit Deutschlands Sportart Nummer vier? Ein Interview mit Liga-Geschäftsführer Stefan Holz.

Herr Holz, der FC Bayern hat in dieser Saison 41 von 44 Spiele in der BBL gewonnen und ist souverän Meister geworden. Droht Ihrer Liga eine Fußball-ähnliche Dominanz der Münchner?

Holz Nein, eine "Dominanz" sehe ich aktuell nicht. Die diesjährige Finalserie war deutlich enger, als es das letztendliche 3:0 vermuten lässt. Berlin hat München dreimal wirklich alles abverlangt. Und für die kommende Saison muss man abwarten, wie die Mannschaften schließlich aussehen. Zudem ist die Euro League mit erstmals 18 Teams, also 34 Spielen allein in der Hauptrunde, nochmals eine ganz andere Belastungs-Hausnummer.

Durch finanzielle Kürzungen beim einstigen Serienmeister in Bamberg fehlte der Liga aber eine finanzstarke Nummer zwei hinter den Bayern.

Holz Die Bayern brauchen einen großen Etat, weil sie mit der Euroleague in einem zweiten sehr intensiven Wettbewerb spielen, und dies mit einiger Ambition. Aber diese Saison hat bewiesen, wie dicht unsere Liga ist. Es gab viele knappe Spiele, Außenseitersiege und mit Vechta die Überraschung der Saison, eine echte Cinderella-Story. Der Kampf um die Playoffs war hochspannend, der Abstiegskampf ebenfalls. Also in meinen Augen funktioniert der Wettbewerb sehr gut.

Gerade an großen Standorten scheint das Interesse an Basketball langsam nachzulassen. Wie beurteilen Sie den sinkenden Zuschauerschnitt in München und Berlin?

Holz Es gibt von Jahr zu Jahr Schwankungen rund um die Nulllinie, das werden wir überhaupt nicht überinterpretieren. Die Zuschauerzahl insgesamt wird wieder konstant und die Hallenauslastung bei rund 90 Prozent sein. Die Hallengrösse ist letztlich der limitierende Faktor. Bei Vereinen wie Bayern München oder Berlin ist es ja auch so: die haben 17 BBL- und demnächst auch noch 17 Euroleague-Heimspiele, plus Play Offs, plus noch das eine oder andere Pokal-Heimspiel. Das sind einfach sehr, sehr viele Spiele.

Eine Lösung könnte eine kleinere Liga sein. Für die kommende Saison bekommen Nürnberg und Bremerhaven keine Lizenz. Bedeutet: Nur 16 Teams, weniger Spiele, mehr Leistungsdichte?

Holz Ich bin langsam müde, dieses Thema immer wieder zu erläutern. Wir haben einen klaren Beschluss für eine 18er-Liga. Wenn es allerdings nicht 18 Klubs gibt, die die Anforderungen der BBL erfüllen können, dann gibt es auch mal eine 18er Liga mit weniger als 18 Klubs. Aber das wäre dann keine dauerhafte Verkleinerung, sondern eine Momentaufnahme.

Wie hat sich die Basketball-Bundesliga im nun zu Ende gehenden Geschäftsjahr denn entwickelt?

Holz Die 18 Clubs haben in dieser Saison in Summe etwas mehr als 120 Millionen Euro umgesetzt, dieser Wert wird in der kommenden Saison weiter steigen. Das liegt unter anderem am Mindestetat von drei Millionen Euro, den wir zur neuen Saison eingeführt haben. Dadurch sind auch kleinere Standorte gezwungen, mehr Umsatz zu generieren.

Die Etat-Erhöhung um eine Million Euro war für viele kleinere Klubs kaum zu stemmen. Ist mit den drei Millionen nun eine Grenze erreicht?

Holz Es gibt keinen Beschluss, dass der Mindestetat weiter erhöht wird. Im Übrigen zeigt sich, dass die Entscheidung richtig war. Diese Signale geben uns auch die Klubs, selbst solche, die ursprünglich gegen die Erhöhung gestimmt hatten. Weil sie die neuen Bedingungen als Argument nutzen konnten, um den Druck gegenüber Stadt und Sponsoren zu erhöhen.

Was kann die Liga nun im Gegenzug tun, um den Klubs zu helfen?

Holz Wir können dafür sorgen, dass die Sichtbarkeit steigt, dass die medialen Reichweiten steigen und sich mehr Menschen für die BBL interessieren. Das ist unser Job.

Aufmerksamkeit und Reichweite erzeugt man im Basketball am besten mit der NBA. Ein Gastspiel der besten Liga der Welt gab es zuletzt 2014. Können Sie deutschen Fans Hoffnung auf eine Neuauflage machen?

Holz Das ist ein Spiel, alle paar Jahre. Das ist sehr schön, bringt uns aber letztlich nicht substanziell weiter. Meines Wissens nach ist für die nähere Zukunft auch kein erneutes Gastspiel der NBA in Deutschland geplant.

Dann wäre da noch die Euroleague: Der stärkste europäische Wettbewerb ist mit aktuell bis zu 37 Spielen pro Saison längst eine Parallel-Liga zum nationalen Spielbetrieb. Sie erwähnten bereits die Vergrößerung in der kommenden Saison. Will die Euroleague nationale Ligen wie die BBL verdrängen?

Holz Für mich macht es keinen Sinn, über die Ziele der Euroleague zu diskutieren, ich bin für den deutschen Wettbewerb verantwortlich. Wir wünschen uns, dass unsere Klubs ambitioniert in Europa auftreten und weit kommen, aber wir müssen selbst dafür sorgen, dass unser nationaler Wettbewerb attraktiv ist: für die Fans, die Sponsoren und die Klubs.

Aber genau das ist doch die Euroleague bereits, mit ihren wöchentlichen Duellen zwischen Europas besten Mannschaften. Im Fußball nennt sich das Super-League. Ein Projekt, das der Bundesliga große Sorgen bereitet. Es heißt: Kommt die Super-League, ist die nationale Liga bedeutungslos. Wie sehen Sie das?

Holz Die Euroleague ist bereits eine solche private, von den großen Klubs betriebene Super-Liga. Da sind wir im Basketball – gewollt oder ungewollt – Vorreiter und in einer Situation, in die der Fußball vielleicht kommt. Wir diskutieren längst, welcher Wettbewerb der wichtigste ist und wer die Termine am Wochenende bekommt. Aber es gibt ein klares Bekenntnis unserer großen Klubs – gerade auch von Bayern München -, dass der nationale Wettbewerb die größte Bedeutung einnimmt. Das nimmt wiederum uns in die Pflicht, unser eigenes Produkt bestmöglich weiterzuentwickeln. Nochmal ganz deutlich: Wir sind kein bloßer Zulieferbetrieb für die Euroleague.

ZSKA Moskau, Real Madrid, Olympiakos Piräus – um die Euroleague gewinnen zu können, muss man offenbar auch erfolgreicher Fußballverein sein. Hat also aus Deutschland nur der FC Bayern echte Erfolgschancen?

Holz In der Euroleague regiert das Geld und das wird dort häufig nicht vom Markt erwirtschaftet – wie bei uns der Fall – sondern durch Subventionen. In der Spitze reden wir über Größenordnungen, mit denen aus deutscher Sicht auf Sicht vermutlich nur der FC Bayern wird mithalten können.

Klingt so, als bräuchte es eine Gehaltsobergrenze wie in der NBA.

Holz Ich glaube nicht an diese regulatorischen Maßnahmen. Das funktioniert im europäischen Sportsystem nicht. Was wir bräuchten, wäre ein funktionierendes Financial-Fairplay-System, das die Wirtschaftlichkeit der Klubs kontrolliert. Und vereinbarte Gehälter müssten auch wirklich gezahlt werden können. Das ist bei uns der Fall, kann aber längst nicht jede südeuropäische Basketball-Liga von sich behaupten.

Okay, zurück nach Deutschland. Wo kann die Basketball-Bundesliga noch besser werden?

Holz Überall. Wir sind als Basketball ein Hybrid aus Sport und Unterhaltung. Zu uns kommen viele Leute, denen geht es nicht nur um den Sport. Die wollen einen, mit Verlaub, geilen Abend erleben. Bei uns ist es laut und bunt. Ein BBL-Spiel ist ein Event. Wir wollen das Gesamterlebnis BBL-Spiel mehr in den Vordergrund rücken.

In der NBA setzt man dabei vor allem auf Digitalisierung. In den Arenen herrscht beispielsweise W-Lan-Pflicht. Wie steht es da um die BBL?

Holz Das ist ein interessanter Vorschlag, über den wir aber bislang noch nicht diskutiert haben und der insofern aktuell nicht ansteht.

Was sind denn Ihre Vorschläge?

Holz Viel wichtiger als das Thema Digitalisierung der Halle ist für uns, dass tolle Hallenerlebnis in mediale Formate zu übersetzen. Das ist eine Herausforderung, denn wir sprechen mit Basketball ja vor allem junge und enorm anspruchsvolle Zielgruppen an. Die konsumieren aber immer weniger komplette Spiele über zwei Stunden. Also müssen wir uns überlegen, wie wir unsere Fans über die von ihnen genutzten Kanäle mit den für sie interessanten Inhalten erreichen können.

Konkret, bitte.

Holz Das Livespiel wird natürlich immer wichtig bleiben, Sport funktioniert live natürlich am besten. Zusammenfassungen sind immer wichtig, aber da müssen wir uns mehr Gedanken machen, nicht jedes Spiel gleich präsentieren. Wir brauchen Formate für Einsteiger, die neu zum Basketball kommen. Diese Leute müssen wir spielerischer an unser Produkt heranführen, dann kommen sie auch wieder. Wir brauchen auch mehr Highlights, mehr Personalisierung. Wir wollen die Zusammenarbeit mit Influencern ausbauen, die ersten Ergebnisse sind sehr ermutigend. Aber natürlich auch sportlich. Das macht uns die NBA ja vor: Dort geht es längst nicht mehr nur um Klub X gegen Klub Y, sondern um die Duelle der Superstars zweier Teams. Harden gegen Curry, King James gegen den Greek Freak und so weiter. Das sind für uns Ansätze.

In Deutschland wären solche sportlichen Aushängeschilder wohl vor allem deutsche Nationalspieler. Ein Großteil spielt aber im Ausland. Schadet das der Liga?

Holz Wir können ja nicht verhindern, dass es Nationalspieler gibt, die im Ausland lukrative Angebote erhalten. Wir sind im deutschen Basketball nicht am Ende der Nahrungskette, sondern eher im oberen Bereich, aber eben nicht ganz oben. Wenn ein deutscher Spieler in die NBA gehen kann, dann wird er das tun. Wir haben aktuell so viele deutsche NBA-Spieler wie nie zuvor. Das ist doch ein tolle Sache. Aber: Wir haben umgekehrt auch so viele Ex-NBA-Spieler wie nie in der BBL. Auch kleinere Standorte wie Jena oder Crailsheim können mittlerweile solche Leute verpflichten.

Deutsche Spieler in der NBA oder Ex-NBA-Spieler in der BBL - was ist für die Liga wichtiger?

Holz Beides ist wichtig. Wenn die BBL in der Lage ist, Spieler direkt in die NBA zu entsenden, wie Dennis Schröder, Maxi Kleber, Daniel Theis, dann zeigt das die Stärke der Liga und ist das natürlich tolle Werbung für uns. Auf der anderen Seite brauchen wir natürlich mehr eigene Gesichter. Spieler, die der Liga kontinuierlich ihren Stempel aufdrücken und mit denen sich Fans identifizieren können. Insofern ist eine langfristige Vertragsverlängerung wie jetzt von Luke Sikma in Berlin auch für die Liga eine gute Nachricht.

Dirk Nowitzkis Rücktritt hinterlässt im deutschen Basketball eine große Lücke. Steht die Nationalmannschaft bei der WM im September unter besonderem Druck?

Holz Druck würde ich nicht sagen. Aber wie Handball und Eishockey zuletzt wieder vorgemacht haben, ist die Nationalmannschaft natürlich immer die vielzitierte Lokomotive für eine Sportart. Nur haben wir andere Voraussetzungen. Im Basketball thronen die USA über allen und dahinter gibt es zwölf Teams die zur Weltspitze gehören. Da darf man die Erwartungen nicht überziehen, deshalb werde ich auch keine Ziele rausposaunen. Es wäre schön, wenn über den Turnierverlauf eine gewisse Dynamik und ein Momentum entstehen würden.

Wie könnte die Liga davon profitieren?

Holz Es ist unbestritten, dass die Nationalmannschaft ein wichtiger Faktor für die Weiterentwicklung einer Sportart ist. Das heißt auch, dass die Nationalmannschaft häufiger präsent sein muss, nicht nur einmal im Jahr. Das in den Liga-Alltag zu übersetzen, muss unsere Aufgabe sein. Aber eins nach dem anderen: Jetzt ist es erstmal wichtig, dass das Team in China positiv, sympathisch und letztlich auch erfolgreich rüberkommt.

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