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WM-Entscheidung: Andreas Bretschneider will sich in die Geschichtsbücher turnen

Weltpremiere am Reck : Bretschneider will sich in die Geschichtsbücher turnen

Deutschlands Vorturner Fabian Hambüchen steht bei der WM-Entscheidung im Teamwettbewerb am Dienstag in Nanning ausnahmsweise einmal nicht im Mittelpunkt. Alle Augen sind auf den Chemnitzer Andreas Bretschneider gerichtet, der am Reck eine Weltpremiere plant.

Schon auf dem Smartphone von Bundestrainer Andreas Hirsch sieht die geplante Weltpremiere atemberaubend aus. Ein Vorwärtssalto über die Reckstange (Kovacs) mit anschließender gehockter Doppelschraube - mit diesem Flugteil will sich Andreas Bretschneider bei den Kunstturn-Weltmeisterschaften in Nanning Eingang in die Geschichtsbücher verschaffen.

Und in die Bibel der Turner, den Code de Pointage. Denn sollte dem Chemnitzer bei der Mannschafts-Entscheidung am Dienstag (13.00 Uhr) diese beispiellose Höchstschwierigkeit gelingen, würde sie als "Bretschneider" in die Wertungsvorschriften aufgenommen. Vielleicht sogar als erstes H-Teil der Turn-Geschichte überhaupt.

Okay des Cheftrainers

"Dieser Übungsteil galt als eigentlich unlösbar. Ich bin damals belächelt worden, als ich damit angefangen habe. Es war auch sehr zäh, in den ersten 18 Monaten sind mir acht von 800 Versuchen gelungen", erinnert sich Sportsoldat Bretschneider an die mehr als schwierige Startphase. Doch mittlerweile liegt die Erfolgsquote des 25-Jährigen bei rund 75 Prozent, das Wagnis ist kalkulierbar geworden.

Und so hat der Sachse auch das Okay des Cheftrainers, im Guangxi Sports Center volles Risiko zu gehen und seine eigene Kreation erstmals im Wettkampf zu wagen. Die Unterstützung der Teamkollegen hat er sowieso: "Unser Schlachtplan heißt volle Kanne, Breti wird die Halle rocken", sagt Fabian Hambüchen, eigentlich Deutschlands Nummer eins am Königsgerät.

Der Ex-Weltmeister und Olympia-Zweite am Reck sieht es gelassen, dass es ihm in zehn Jahren Weltspitze noch nicht gelungen ist, einen "Hambüchen" zu kreieren: "Das fehlt mir nicht, ich habe doch wirklich genug Erfolge gehabt." Am Boden war der 27-Jährige einmal nah dran an einer eigenen Erfindung, die Sache verlief aber im Sande.

"Wenn alles perfekt läuft, ist eine Medaille drin"

Stattdessen will der Wetzlarer lieber die deutsche WM-Riege zu einer guten Endplatzierung führen. Sogar Edelmetall traut der wegen eines Kreuzbandrisses zu Hause mitfiebernde Marcel Nguyen seinen Kollegen zu. "Wenn alles perfekt läuft, ist eine Medaille drin", sagte der Olympia-Zweite den Stuttgarter Nachrichten.

"Wir haben richtig Bock auf das Finale. Einige Mannschaften werden sich um den dritten Platz kloppen. Wenn es sehr gut läuft, sind wir vielleicht sogar mit dabei", sagte auch Hambüchen, dem diesmal das ungeliebte Pauschenpferd erspart bleibt. Für den Hessen kommt der Kieler Daniel Weinert, deutscher Meister an diesem Gerät, zum ersten und einzigen Mal bei den Welttitelkämpfen in China zum Einsatz.

"Am Pferd hatten wir im Vorkampf die meisten Probleme. Diesmal wollen wir da nicht wieder so viele Punkte liegenlassen", begründete Chefcoach Hirsch den Wechsel. Seinem Vorturner ist es nicht unrecht, so spart er ein paar Körner für die Mehrkampf-Entscheidung am Donnerstag.

Rivalen, die den "Bretschneider" am Reck nachahmen könnten, muss der letztjährige WM-Sechste übrigens vorerst nicht fürchten. Biomechanische Analysen haben ergeben, dass in der Weltelite nur ein Konkurrent die Voraussetzungen dafür hat, in Bretschneiders Fußstapfen zu treten: "Aber das werde ich gerade dem bestimmt nicht erzählen."

(sid)