Tischfußball ist mehr als nur ein Kneipenspiel

Wird „Kickern“ bald olympisch? : Tischfußball ist mehr als nur ein Kneipenspiel

Für die meisten Menschen ist Tischfußball nur ein witziges Kneipenspiel. Was die Wenigsten wissen: Tischfußball ist in Deutschland mittlerweile eine anerkannte Sportart - und könnte bald sogar olympisch werden.

Viele standen schon mal selbst an einem Kicker-Tisch. Der Ball saust von einer Ecke in die andere. Manchmal sieht man ihn kaum, so schnell ist er in der anderen Hälfte des Spielfelds oder im Tor. Die Stangen rattern, wenn die Spieler sie drehen. Volle Konzentration ist erforderlich, um eine Partie zu gewinnen.

In Kneipen, Partykellern und Jugendzimmern wird schon seit Jahrzehnten gekickert. Auch Tischfußball-Turniere sind an sich nichts Neues. Bis heute sorgt das „Kickern“ für verbissene Duelle bei Kindern und Erwachsenen. Doch es gibt auch Menschen, für die das mehr als ein gelegentlicher Zeitvertreib ist.

Tischfußball ist in Deutschland seit 2012 als gemeinnütziger Sport anerkannt. Wer den Profis zusieht und zuhört, wird das kaum in Frage stellen. Neben Ballführung und Ballkontrolle ist in diesem Sport vor allem mentale Stärke gefragt. Wie im richtigen Fußball auch, gibt es ein international anerkanntes Regelwerk. Ein Spiel besteht aus drei Sätzen. Den Satz gewinnt, wer zuerst fünf Tore schießt. Das sogenannte Kurbeln, bei dem die Stangen durchgedreht werden, ist verboten. Nach jedem ruhenden Ball wird gefragt, ob der Gegner bereit ist.

Der Weltverband ITSF zählt mehr als 60 Mitglieder. Es gibt auch hierzulande etablierte Verbandsstrukturen wie den Deutschen Tischfußballbund (DTFB) und eine erste und zweite Bundesliga.

Deutschland ist im Tischfußball Weltspitze. Allein bei der WM 2019 gewannen Deutsche acht Goldmedaillen. Die größten Konkurrenten sind die Nachbarländer Frankreich, Österreich, Schweiz und Tschechien sowie die USA.

Bei den Weltmeisterschaften, die alle zwei Jahre stattfinden, treten die Profis im Einzel, im Doppel oder in Mannschaften gegeneinander an. Hierbei darf nach jedem Treffer die Position gewechselt werden, nicht aber während des Spiels. Frauen und Männer treten bei der WM nicht gegeneinander an, doch es gibt auch geschlechtsübergreifende Turniere.

Eine der deutschen Weltmeisterinnen ist Lilly Andres. Für sie war es bereits der fünfte WM-Titel, als sie gemeinsam mit My Linh Tran im Damen-Doppel gewann. Andres, Spitzname „Longshot Lilly“, war zuvor bereits einmal im Doppel und drei Mal mit der Nationalmannschaft Weltmeisterin geworden.

Dabei hat Andres als Kind das „Kickern“ gehasst und ist erst als 20-Jährige bei einer Kneipentour auf den Geschmack gekommen. Als sie angefangen hat, professionell zu kickern, war sie eine von wenigen Frauen in diesem Sport. Der Frauenanteil habe damals nur bei fünf Prozent der Teilnehmer gelegen, erinnert sich Andres. Mittlerweile seien es etwa 40 Prozent.

„Wir sind trotz aller Bemühungen eine Randsportart und stecken mit vielem noch in den Kinderschuhen“, sagt die gebürtige Mainzerin im Gespräch mit unserer Redaktion. Ob ihr Traum von Tischfußball als olympischer Disziplin wahr wird, bleibt abzuwarten. Immerhin hat der Weltverband ITSF den Beobachter-Status in der Dachorganisation der Sportverbände erhalten.

In Andres' Heimatstadt Köln ist auch die größte Kickerliga der Welt zu Hause. Über 800 aktive Spieler nehmen am Ligabetrieb teil. Tim Blosze war jahrelang in der Leitung der Kölner Kickerliga. Seine Leidenschaft für Tischfußball entdeckte er in der Kneipe. Heutzutage ist Blosze Vorsitzender der Kölner Kickerfabrik und hat gemeinsam mit Stefan Müller-Römer, dem Interimspräsidenten des 1. FC Köln, schon vor längerem die Idee entwickelt, Tischfußball als Vereinsabteilung beim 1. FC Köln zu etablieren, um den Sport zu professionalisieren.

„Tischfußball ist nicht nur ein generationenübergreifender Sport, den alt und jung auf Augenhöhe ausüben können, auch Mädchen und Jungen können ihn gleichermaßen erfolgreich ausüben, da Jungen bei diesem Sport nicht automatisch stärker sind“, begründet Müller-Römer dieses Anliegen.

Die Planungen für eine Vereinsabteilung seien sehr konkret. Wie das im Einzelnen ausgestaltet wird, werde allerdings erst nach der Vorstandswahl am 8. September entschieden. Der designierte Vorstand ist über die Planungen informiert. Es könnte also sein, dass der 1. FC Köln demnächst mit einer eigenen Mannschaft in der Tischfußball-Bundesliga spielt.

Dort würde der FC unter anderem auf Eintracht Frankfurt, Hannover 96, den Hamburger SV und den FC St. Pauli treffen. Aus der Region sind auch der Foos Club Köln sowie die Kicker Crew Bonn in der Herren-Bundesliga vertreten. Insgesamt treten dort 24 Teams gegeneinander an. Die Damen-Bundesliga besteht nur aus 16 Teams, zu denen mit Roter Stern Köln-Mülheim auch ein Team aus dem Rheinland zählt.

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