Sportkegeln: Leistungssport für kleines Geld

Besuch bei den Vereinigten Sportkeglern Kamp-Lintfort : Hier wird gekegelt bis zum Umfallen

Sportkegler betreiben oft mit geringsten Mitteln einen hohen Aufwand, um dem Sport möglichst professionell nachgehen zu können. Wir waren bei einem Verein zu Besuch.

Oberthal, Heiligenhaus, Riol, Münstermaifeld, Hüttersdorf. Diese Orte haben alle eine Gemeinsamkeit – außer der, dass man sie vermutlich erst auf einer Karte suchen muss, um zu wissen, wo sie liegen. All diese Städte und Gemeinden sind Bundesliga-Standorte. Im Sportkegeln. Seit wenigen Wochen darf sich auch Kamp-Lintfort dazu zählen.

Am äußersten Rand des hiesigen Schulzentrums steht die Heimspielstätte der Vereinigten Sportkegler Kamp-Lintfort, ziemlich versteckt zwischen einem Wäldchen und zwei Dreifach-Sporthallen. Durch eine schwere Metalltür hört man das dumpfe Grollen der Kugeln, Sekunden später das charakteristische Klackern der getroffenen Kegel. Betritt man die Halle, erinnert zunächst vieles an das, was die Mehrzahl der Deutschen als typische Kegelbahn bezeichnen würde: fahles Neonlicht in einem fensterlosen Raum, holzvertäfelte Wände, ein wilder Aroma-Mix aus Zigarettenqualm, Frittierfett und Linoleum schlägt einem entgegen.

Doch an den auf Hochglanz polierten Bahnen erkennt man, dass man sich nicht auf einer Nullachtfuffzehn-Eckkneipen-Kellerbahn befindet. Digitalanzeigen, Lichtschranken, spezieller Bodenbelag. Die technischen Details sind entscheidend. Das weiß auch Marcel Bernsee: „Wir wollen zur kommenden Saison den Kegelschlag der Bahn ein wenig unserem Spiel anpassen.“ Bernsee ist Mitglied der in die Bundesliga aufgestiegenen Kamp-Lintforter Herren-Mannschaft. Und für Laien spricht er zunächst in Rätseln. „Der Kegelschlag beeinflusst, wie das Vorderholz getroffen wird.“ Vereinfacht gesagt geht es darum, wie die Bahn geformt ist und in welchem Aufprallwinkel die Kugel den vordersten der neun Kegel trifft. „Es gibt im Kegelsport nichts Wichtigeres als den Heimvorteil. Unsere Bahnen waren bisher ziemlich neutral, wodurch auch Auswärtsmannschaften hier gut kegeln konnten. Daher wollen wir die Bahnen unserem eher aggressiven Spielstil anpassen.“

Wenn man sich mit Bernsee unterhält, merkt schnell, dass man es mit einem Profi zu tun hat. Der aber anders als Bundesliga-Akteure anderer Sportarten von seinem Sport nicht leben kann. Der 38-Jährige arbeitet als pädagogischer Berater, lebt in Duisburg und pendelt zum Training nach Kamp-Lintfort. „Die Fahrerei gehört dazu, wenn man auf diesem Niveau spielen möchte.“ Denn trotz geringer finanzieller Mittel ist es auch in der Kegel-Bundesliga Usus, sich mit talentierten Spielern von auswärts zu verstärken. Der Niederländer Henk Lardenoije, Kapitän der Lintforter Sporkegler, reist regelmäßig aus dem Nachbarland an. „Vielleicht kriegt der ein oder andere mal seine Fahrtkosten erstattet, aber das war es dann auch“ sagt Bernsee.

Währenddessen feilen einige seiner Teamkameraden auf der Bahn an ihren Fertigkeiten. Zwei kleine Schritte, ein tiefer Ausfallschritt, mit einem kräftigen Schwung wird die Kugel aufgesetzt. Wieder und wieder. Die Bewegungsabläufe müssen stimmen, Präzision ist äußerst wichtig. „Wird die Kugel nur Nuancen vom perfekten Punkt entfernt aufgesetzt, ist der Wurf eigentlich hinüber“, erklärt Bernsee. „Es kommt auf die Koordination an, aber auch auf Kondition.“ Denn schließlich sollen bei jedem der 120 Würfe im Wettkampf möglichst viele Kegel fallen. „Danach weiß man, was man gemacht hat. Viele betreiben noch einen Ausgleichssport, um die einseitigen Belastungen etwas ausgleichen zu können.“ Vor allem die Kniegelenke seien es, die nach einigen Jahren Leistungskegeln Probleme bereiteten.

Doch die körperlichen Probleme sind die noch die geringsten, mit denen der deutsche Kegelsport derzeit zu kämpfen hat. Wie bei so vielen Randsportarten gibt es auch hier Nachwuchsprobleme. Laut Deutschem Kegler- und Bowlingbund, der Dachorganisation der Disziplin- und Landesverbände, waren 2015 etwa 81.700 Aktive mit einem Spielerpass ausgestattet. Zum 1. Januar 2019 waren es schon nur noch rund 71.500 – ein Rückgang von etwa 13 Prozent in nur vier Jahren. Trotz der unzähligen Kegelclubs, die am Wochenende mehr oder weniger beschwipst die Kugel über die Bahn schieben, hat es der ernsthaft betriebene Kegelsport nie wirklich aus der Nische heraus geschafft.

In Kamp-Lintfort wird die deutscheste aller deutschen Sportarten bereits seit 1962 auf Wettkampfniveau betrieben. Nun gelang erstmals der Aufstieg in die Bundesliga – mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln. „Unser Budget für mindestens 14 Saisonspiele plus eventueller Playoff-Partien liegt zwischen 4000 und 6000 Euro. Davon finanzieren wir die Auswärtsfahrten und ein wenig Material“, verrät Bernsee.

Immerhin müssen die Kamp-Lintforter trotz ihrer Bundesliga-Zugehörigkeit nicht durch die gesamte Republik reisen. Denn Kegeln ist nicht überall gleich Kegeln. Im Norden und Osten ist die Disziplin „Bohle“ vorherrschend, im Süden spielen die Sportler auf „Classic“-Bahnen. Nur in NRW, im Rhein-Main-Gebiet sowie im Saarland sind die „Schere“-Bahnen, die nach hinten auffächern, verbreitet. „Entsprechend kommen unsere Gegner auch nur aus diesen Bundesländern. Nichtsdestotrotz sind das natürlich teilweise schon ordentliche Strecken, die wir zurücklegen müssen“, sagt Bernsee.

Steht ein Auswärtsspiel beispielsweise in Hessen an, geht es am Samstagmorgen um sieben Uhr los. „Und meistens ist man dann nicht vor 23 Uhr wieder zurück.“ Teilweise wird vor Ort übernachtet, dann geht’s erst am nächsten Tag wieder in Richtung Heimat. „Da braucht es schon viel Verständnis von der Familie oder vom Partner. Das ist nicht immer leicht. Aber letztlich opfert man diese Zeit gerne, schließlich kegelt man nicht ewig auf diesem Niveau.“

Und um das zu halten, begibt sich Bernsee dann auch auf die Bahn. Zwei kleine Schritte, ein langer Ausfallschritt. Immer und immer wieder. Bis zum Umfallen.

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