Sieg über Nepomnjaschtschi Ding Liren erster Schachweltmeister aus China

Astana · Der Chinese Ding Liren ist Nachfolger des Schach-Großmeisters Magnus Carlsen. Er wurde am Sonntag Weltmeister im Duell mit dem Russen Jan Nepomnjaschtschi.

 Ding Liren ist Schach-Weltmeister.

Ding Liren ist Schach-Weltmeister.

Foto: AP/Stanislav Filippov

Nach seinem historischen Triumph versank Ding Liren in seiner eigenen Welt. Eine gefühlte Ewigkeit vergrub er das Gesicht in seiner Hand und bekam so kaum mit, wie sein Konkurrent Jan Nepomnjaschtschi die schwarzen Figuren vom Tisch fegte und völlig frustriert die Bühne verließ. Als erster Chinese krönte sich Ding zum Schach-Weltmeister, dem 17. in der Geschichte des Spiels der Könige.

Mit brüchiger Stimme erklärte der 30-Jährige den emotionalsten Moment seines Lebens. „Ich konnte meine Gefühle nicht mehr kontrollieren. Ich wusste: Ich werde weinen“, sagte Ding, der das Schach-Drama im Tiebreak gewann und die Nachfolge von Magnus Carlsen antritt. In der letzten von vier möglichen Schnellschachpartien profitierte Ding in Astana von Nepomnjaschtschis Fehlern.

Der Russe war untröstlich. Auf dem Tisch zusammengesunken versuchte er, seine zweite Finalniederlage nach 2021 in Worte zu fassen: „Ich hatte alle Chancen, so viele vielversprechende Positionen. Ich hätte das Finale wohl schon in den klassischen Partien entscheiden müssen.“

Doch im Schnellschach mit kürzerer Bedenkzeit behielt Ding am Sonntag die Nerven und bekam Glückwünsche von Carlsen, der nach zehn Jahren auf dem Schach-Thron die Motivation verloren und auf eine Titelverteidigung verzichtet hatte - und damit auch auf viel Geld. Immerhin wurden in Astana 1,2 Millionen Euro ausgeschüttet.

Doch Carlsen hat sich längst weitere Standbeine geschaffen, er ist eine Marke. Und war auch als Abwesender der WM oft Gesprächsthema.

Während in der achten Etage des Wettkampfhotels St. Regis in Astana die Damen, Türme und Bauern verschoben wurden, stürzte sich der von seiner Dominanz gelangweilte Carlsen ins Jet-Set-Leben. Er spielte in Los Angeles Poker, war Laudator bei einer Preisverleihung und lancierte eine Fantasy-Chess-App.

Warum man all das weiß? Carlsen teilte es der Welt mit, ebenso wie er nicht damit hinter den Berg hielt, keine WM-Partie live verfolgt zu haben. Und überhaupt war er allenfalls mäßig beeindruckt von dem, was Ding und „Nepo“, den er vor zwei Jahren bei der WM in Dubai deklassiert hatte, in Kasachstan darboten.

Was die diesjährigen Kontrahenten zeigten, war trotzdem Werbung für das Spiel der Könige. Weil es zur Abwechslung mal kein Kampf David gegen Goliath war, sondern ein Duell auf Augenhöhe. Schach mit offenem Visier, was auch bedeutete: Schach mit unerwarteten Fehlern.

Nepomnjaschtschi war dabei meist leicht im Vorteil, bis zum Tiebreak lag er nicht ein einziges Mal im Hintertreffen. Wohl auch deswegen, weil ein Teil der Angriffsstrategie Dings im Vorfeld durch einen Leak öffentlich wurde, was Bundestrainer Jan Gustafsson im SID-Gespräch als „schweren Schlag“ wertete.

Und doch machte „Nepo“ den Sack nicht zu, konnte seinen 6:5-Vorsprung nach elf Partien nicht ins Ziel bringen - drei weitere Remis hätten ihm gereicht. So stand es am Samstag nach dem 14. und letzten regulären Duell 7:7. Es ging in den Tiebreak, der den Kontrahenten die Zeit nahm und sie im Schnellschach aus ihrer Komfortzone riss.

In dieser Disziplin ist Magnus Carlsen übrigens noch immer Weltmeister, und nicht wenige Beobachter glauben, dass der Norweger in zwei Jahren mit frischer Motivation wieder auf die WM-Bühne im klassischen Schach zurückkehren wird - um der Welt zu zeigen, dass er den Titel nur verliehen hat.

(dör/SID)
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