Schwimmen: Interview mit „Albatros“ Michael Groß zum Leistungsschwimmen

Interview mit „Albatros“ Michael Groß: „Ich rate keinem Schwimmer, alles auf die Karte Leistungssport zu setzen“

Michael Groß ist einer der letzten deutschen Stars des Schwimmens. Der dreimalige Olympiasieger beendete 1991 seine Karriere. Er spricht über die guten, alten Zeiten und rät deutschen Athleten, im Ausland zu trainieren.

Herr Groß, was haben Sie am Schwimmsport früher so geliebt?

Groß Das Eintauchen und immer wieder neu das Gefühl für das Medium Wasser zu entwickeln. Dann die tollen Reisen und den Spaß in der Mannschaft. Bis heute halten viele Kontakte.

Warum hat dieser so ästhetische Sport in Deutschland derart an Ansehen eingebüßt?

Groß Das gilt ja nicht nur für das Schwimmen, sondern für sämtliche olympische Kernsportarten. Der Fußball überlagert einfach alles. Das war zu meiner Zeit vor gut 20 Jahren noch anders.

Im Team des Deutschen Schwimm-Verbands ist derzeit kein Idol, kein Star, wie Sie es waren. Ist das auch ein Problem?

Groß Es gibt in Deutschland derzeit nicht viele, die Olympiasieger werden können. Aber Leistungssport betreiben, hängt nicht am Ansehen einer Sportart. Es war auch damals nach meinen Olympiasiegen nicht so, dass plötzlich viele zum Training kamen und Leistungsschwimmer werden wollten.

Dass es immer weniger Aufmerksamkeit bekommt, liegt aber auch an Misserfolgen.

Groß Natürlich hängt das zusammen. Aber kein Athlet betreibt Leistungssport wegen der öffentlichen Aufmerksamkeit. Es geht um innere Motivation. Man muss im Schwimmen spätestens mit zwölf Jahren anfangen, täglich zwei, drei Stunden zu trainieren.

Warum trifft es ausgerechnet den Volkssport Schwimmen so heftig?

Groß Das hat viele Gründe. Es fängt damit an, dass der breite Nachwuchs weniger wird, auch weil prozentual immer weniger Kinder überhaupt schwimmen können. Außerdem werden die Trainingsstätten weniger. Das erhöht die Einstiegsbarriere. Dabei wäre es wichtig, dass es Schwimmbäder im gesamten Land gibt. Bestes Beispiel sind die Brüder Steffen und Markus Deibler. Die haben es aus der Provinz Biberach bis in die Weltspitze geschafft.

Nun ist die DSV-Strategie, Sportler in Zentren zusammenzubringen.

Groß Schwimmen braucht die Breite. Der künftige Olympiasieger kann überall sein – am Bodensee, in Berlin oder Hamburg. Wenn der Athlet in seinem Umfeld gute Trainingsmöglichkeiten hat und sich wohl fühlt, ist das doch das Beste. Ich war so gesehen auch in der Provinz unterwegs. In Offenbach hatten wir ein gutes Team, weil der Verein gut sein wollte. Wenn Sie einen Weltrekord schwimmen, brauchen Sie im Training auch den Wettkampf. Dazu brauchen Sie nicht unbedingt andere Weltrekordler um sich. Wir haben uns den selbst geschaffen, mit kleinen Wettbewerben, wie langsamere Teamkollegen einholen.

Läuft also im Training der deutschen Schwimmer etwas falsch?

Groß Das kann ich nicht beurteilen. Aber schauen Sie nur in die USA oder nach Australien. Beispiel amerikanische Highschools und Colleges. Die Sportler bekommen früh richtige Wettkampfhärte in vielen kleinen Meetings. Früher war für uns die Schwimm-Bundesliga im Winter der Höhepunkt. Da habe ich von den Top-Leuten, wie Michael Kraus einen auf den Deckel gekriegt, aber das war wichtig für die Wettkampfhärte.

Würden Sie jetzt noch mal Leistungssportler werden?

Groß Vor einigen Jahren  habe ich mich mit Karl-Heinz Rummenigge mal über die 80er Jahre unterhalten. Wir waren uns einig, dass uns das Showbusiness im Sport heutzutage zu viel geworden ist. Unsere Zeit war deutlich gelassener. Selten kam mal ein Journalist zum Schwimmtraining. Aber jede Zeit hat ihren Reiz.

Welchen Reiz sehen Sie heute? Da ist doch viel Undankbarkeit und Verdruss, auch gegenüber verdienten Schwimmern wie Britta Steffen oder Paul Biedermann.

Groß Zum Beispiel bei der Selbstvermarktung, da gibt es heute ganz andere Möglichkeiten als früher. Es gibt Facebook und diese ganzen Kanäle neben den Medien. Das ist sicher spannend, auch wenn ich persönlich das Private nie so herausgekehrt habe und das auch heute alles wenig nutze.

Und der sportliche Reiz? Was würden Sie Talenten raten?

Groß Ich würde zum Trainieren und Studieren in die USA gehen, mit einem Stipendium an eine der Top-Universitäten. Die haben beste Trainingsmöglichkeiten. Wettkampfhärte holen die sich einmal pro Woche bei den ,Dual Meets‘. Da gehen Athleten innerhalb von zwei Stunden vier, fünf Mal ins Becken und schwimmen gegen andere Unis. Das härtet ab! Und zusätzlich studieren. Das ist sowieso das Wichtigste: Ich rate keinem Schwimmer, alles auf die Karte Leistungssport zu setzen. Das wäre fahrlässig.

Ziehen Sie denn heute noch ab und zu ein paar Bahnen?

Groß Selten bin ich im Schwimmbad, aber im Sommer gerne im See oder Meer.

Das Interview führte
Jessica Balleer.

Mehr von RP ONLINE