Schwimmen: DSV-Athlet Damian Wierling und der Olympia-Traum

Traum vom Olympia-Titel: Schwimmer blicken neidisch nach Down Under

Es ist Halbzeit in der Olympiade zwischen Rio 2016 und Tokio 2020. Nach zuletzt zwei olympischen Schwimm-Debakeln für Deutschland ist der Verband um Besserung bemüht. Athleten hospitierten in Australien. Strukturell verändert hat sich aber bisher nichts.

Wenn Damian Wierling (22) seine Bahnen zieht, dann gleitet er geradezu durch das Wasser. Mehr als 20 Stunden pro Woche trainiert er am Bundesstützpunkt des Deutschen Schwimmverbandes (DSV) in Essen. Ästhetisch und leicht sieht das aus, wenn Wierling krault. Und das, obwohl der Ballast schwer sein muss, die Hoffnungen des deutschen Schwimmsports zu tragen.

„Damian hat im letzten olympischen Zyklus einen unheimlichen Leistungssprung gemacht, wir erhoffen uns viel von ihm“, sagt Frank Lamodke, stellvertretender NRW-Leistungssportreferent. Lamodke will den Druck gleich herausnehmen und fügt an, dass das nun keine Medaillenforderung sei, weder im Hinblick auf die Deutschen Meisterschaften am 19./20. Juli in Berlin noch auf die EM in Schottland im August. Und schon gar nicht auf Olympia 2020 in Tokio. Nach den Debakeln vergangener Olympischer Spiele tragen die Talente heute ohnehin das Erbe ihrer Vorgänger.

Bei den Spielen 2012 in London und 2016 in Rio holten deutsche Beckenschwimmer keine einzige Medaille. In Brasilien gab es 34 Wettbewerbe. Die USA gewannen 33 Medaillen. Australien zehn, darunter drei goldene. Nur sieben Finalläufe erreichten Athleten des DSV-Teams. Von einem Debakel war schnell die Rede. Der Verband hat daraufhin reagiert, Gabi Dörries zur neuen Präsidentin gewählt und den ambitionierten Reformkurs eingeleitet.

Nachhilfe in Australien

Im Winter 2017 reiste eine DSV-Delegation nach Australien, um von den Besten der Welt zu lernen. In Lisa Höpnik, Max Pilger, Wierling und Poul Zellmann waren gleich vier der sieben Mitgereisten aus Essen – zudem Nicole Endruschat, Leiterin der Bundesstützpunktgruppe bei der SG. In Melbourne konnte etwa Freistilschwimmer Zellmann mit australischen Olympiasiegern trainieren. Die Reise sollte schnell Erkenntnisse liefern: „Dort wird härter trainiert, aber vor allem effektiver als bei uns“, sagt Endruschat. Während in Deutschland großer Wert auf Quantität und lange Wasserzeiten mit langen Distanzen gelegt werde, setzten die Australier stärker auf Intervalltraining und hohe Intensitäten. Viele Aspekte seien in Australien besser.

Die Temperaturen seien das ganze Jahr über sommerlich, Krankheiten und Trainingsausfälle daher seltener. Der Stellenwert des Schwimmsports sei hoch. „Nicht nur Sportorganisationen, auch Sponsoren aus der Wirtschaft fördern die Athleten“, sagt Endruschat.

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Besonders bemerkenswert war für sie aber etwas anderes: „In Melbourne stehen neben dem Trainer noch sechs, sieben Betreuer am Beckenrand.“ Physiotherapeuten, Biomechaniker, Trainingswissenschaftler oder auch Werkstudenten, die jede einzelne Wende begutachten. „Natürlich ist individuelles Coaching schwierig, wenn ein Trainer für eine ganze Gruppe zuständig ist“, sagt Endruschat. Das aber ist in Deutschland gang und gäbe – und zwar nach wie vor. Strukturell hat sich nichts verändert, sagt auch Wierling. Er habe neue Serien und Übungen in sein Training eingebaut. Neun bis zehn Wassereinheiten absolviert er pro Woche, außerdem Krafteinheiten an Land.

Nächste Station ist die EM

Der 22-jährige Sportsoldat kann sich dank der Förderung der Bundeswehr auf den Sport konzentrieren. Auch die Stadt Essen unterstützt die Athleten im Bundeskader. Lust und Hunger auf Erfolge seien groß. Auch wenn die Öffentlichkeit den Schwimmsport arg gescholten hat, sagt Wierling. Er will im Winter noch mal nach Australien, Teamkollege Zellmann plane eine Hospitation in den USA.

Leistungssportreferent Lamodke erhofft sich viel von der Leistungssportreform, die im kommenden Jahr umgesetzt werden soll. Das Potenzialanalysesystem (kurz: Potas) soll gewährleisten, dass aus den 160 Millionen Euro Sportförderung jährlich das Medaillen-Maximum herauskommt. Ehe das greift, „dauert es aber“, sagt Lamodke.

Aktuell hat nicht Olympia Vorrang, sondern die EM. Wierling hält den Deutschen Rekord über 50 Meter Freistil (21,81 Sekunden). Der Finallauf ist sein Minimalziel. Zellmann zählt zu Deutschlands Top drei über 400 Meter Freistil und liegt mit seiner Zeit (3:48,28) aktuell etwa acht Sekunden über dem Weltrekord von Ex-Schwimmer Paul Biedermann.

In Glasgow geht vielleicht schon etwas mit vereinten Kräften. Bei der 4x200 Meter Staffel zum Beispiel können Zellmann und Wierling mit Henning Mühlleitner und Jacob Heidtmann zeigen, ob und was sie in Australien dazugelernt haben.

(ball)