Schach-WM 2018: Titelverteidiger Magnus Carlsen wackelt bedenklich

Schach-WM: Titelverteidiger Carlsen wackelt bedenklich

Titelverteidiger Magnus Carlsen gerät bei der Schach-WM immer mehr in Bedrängnis. Der Norweger wirkt schlechter vorbereitet als sein Herausforderer und hat Glück, noch nicht in Rückstand zu liegen.

Selbst seine knallroten "Siegersocken" brachten Magnus Carlsen diesmal kein Glück. Noch während am Montag die Partie gegen Herausforderer Fabiano Caruana lief, tauschte der Schach-Weltmeister die Strümpfe, mit denen er 2016 gegen Sergej Karjakin gewonnen hatte, im Ruheraum gegen ein Paar schwarze ein. Mit Mühe und Not rettete sich der Norweger anschließend zu einem weiteren Remis - dem achten im achten Duell von London.

Carlsen, seit 2013 der unangefochtene König der Schach-Welt, wackelt bedenklich. Gefallen ist er bislang noch nicht. Doch die Zweifel, ob der 27-Jährige seine Regentschaft fortsetzen kann, mehren sich. Der kühle Analytiker Caruana wirkt in diesen Tagen deutlich besser vorbereitet als der Titelverteidiger. Carlsens vermeintlich überlegene kombinatorische Fähigkeiten im Mittel- und Endspiel kommen vorerst überhaupt nicht zum Tragen.

Am Montag hatte der "Mozart des Schach" letztlich Glück, dass Caruana mit einem schwachen Bauernzug die Initiative leichtfertig abgab. Carlsen nutzte diese Chance, um seine Stellung Stück für Stück zu verbessern und nach rund vier Stunden schließlich das Unentschieden zu sichern. "Er hat eine Variante gespielt, die sehr wenig ausbalanciert, sehr scharf ist. Ich war mental nicht bereit dafür", sagte Carlsen selbstkritisch: "So war er es, der den ganzen Spaß hatte."

Die fehlende Freude am Spiel ist Carlsen anzumerken. Und wird für ihn zunehmend zum Problem. Schon bei seiner erfolgreichen Titelverteidigung vor zwei Jahren gegen den zähen Russen Karjakin war "König Magnus" nach vielen Remis-Partien spürbar entnervt, hatte daraufhin zu viel riskiert und war prompt in Rückstand geraten. "Wenn es zu viele Spiele gibt, in denen nichts passiert, verliere ich Energie", erklärte er nun: "Da wird man psychisch ausgelaugt."

Noch mehr Sorgen als das fehlende Spektakel sollten Carlsen allerdings die offensichtlichen strategischen Vorteile Caruanas bereiten. Im Vorfeld hatte Carlsen den US-Amerikaner noch leicht spöttisch als "Schach-Computer" bezeichnet, dem häufig "die Intuition" fehle. Nun zeigt sich, dass Carlsen den Wert einer extrem intensiven Vorbereitung offenbar unterschätzt hat. Alexander Grischtschuk beispielsweise, ein russischer Topspieler, warf dem Weltranglistenersten am Montag "kindlich naive Eröffnungen" vor.

Lediglich in der ersten Partie hatte Carlsen echte Gewinnchancen, ansonsten fand der ein Jahr jüngere Caruana stets eine Antwort. Nicht selten stammte diese offensichtlich aus einer der mit seinen Adjutanten in den Wochen vor der WM ausgetüftelten Stellungsanalysen. Carlsen muss nun schleunigst einen Weg finden, um dieses Muster zu durchbrechen.

Denn der Zweikampf um die Krone der Schach-Welt geht in die entscheidende Phase. Nach dem Ruhetag am Dienstag stehen noch vier reguläre Partien auf dem Plan. Herrscht danach noch immer Gleichstand, wird ein Tiebreak mit verkürzter Bedenkzeit gespielt. Hier wäre der kreativere Carlsen wohl wieder im Vorteil - völlig unabhängig von der Farbe seiner Socken.

SID pc ab

(sid/old)
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