Ringen: Wenn partout keiner aufsteigen will

Ringer verlieren lieber: Wenn partout keiner aufsteigen will

Im Ringen gibt es keine zweite Liga mehr. Nun heißt es in der Oberliga: Wer Meister wird, muss aufsteigen. Doch das möchte - zumindest im Westen - keiner.

Wenn Ringer zu einem Mannschaftskampf mit Übergewicht kommen, werden sie in Schwitzanzüge gesteckt und so lange durch die Halle gejagt, bis sie die paar Gramm, die ihnen zum maximal erlaubten Kampfgewicht fehlen, verloren haben. Als vor zwei Wochen der KSK Konkordia Neuss und der TV Essen-Dellwig zum vermeintlichen Spitzenduell der Oberliga NRW antraten, war alles anders.

Dass Ibrahim Deziev, Lom-Ali Eskijev und Leon Tagner auf Neusser sowie Hamzat Awtaew und Nikolaj Siroglazov auf Seiten der Gäste mit ein bisschen zu viel Speck auf den Hüften auf die Waage traten, löste bei ihren Trainern Max Schwindt und Christian Jäger nicht einmal Schulterzucken aus. Um ganz sicher zu gehen, ließen die beiden ehemaligen Erstliga-Ringer die Gewichtsklasse bis 75 Kilogramm sogar unbesetzt. Schließlich stand "Verlieren" auf der Tagesordnung der Vereine ganz oben, denn die Klubs wollen alles - nur nicht aufsteigen.

Was kurios anmutet, gehörte in der gerade zu Ende gegangenen Saison auf den Matten des Deutschen Ringerbundes (DRB) beinahe zum Alltag. Zumindest in der Oberliga. Denn die eigentlich drittklassigen Staffeln wurde vom DRB im Sommer per Dekret zum Unterbau der in drei regionale Gruppen aufgeteilten Bundesliga befördert. Die Zweite Liga wurde abgeschafft. Schuld daran, so zumindest die Sichtweise des Verbandes, sind sechs seiner Top-Klubs, darunter die einstigen Branchenführer VfK Schifferstadt und SV Weingarten. Sie hatten sich vom DRB losgesagt und eine eigene "Deutsche Ringerliga" (DRL) gegründet. Aus sportrechtlicher Sicht ein "wilder" Zusammenschluss ohne Anerkennung zum Beispiel des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Der Austritt der Branchengrößen - so verkauft es der DRB gerne - hat weitreichende Folgen für die unterm Verbandsdach verbliebenen Vereine. Vor allem die in der Oberliga. Er unterschlägt dabei großzügig, dass die Abschaffung der Zweiten Liga bereits beschlossene Sache war, als die Vereine nicht mit dem Wechsel in die Selbstständigkeit gedroht hatten.

Das Ringen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren nicht gerade eine Erfolgsgeschichte gewesen. Es ist ein Sport in der Nische mit den damit verbundenen finanziellen Zwängen. Um in der Bundesliga mitschwimmen zu können, braucht man 150.000 Euro, wer um den Titel ringen will, muss ab 200.000 Euro aufwärts einsetzen. Es ist ein schwieriges Geschäft. Die Saison ist kurz und dauert nur von September bis Januar. Es ist ein sehr regionaler Sport, der über den Standort hinaus nicht strahlt. Jene sechs Vereine, die sich schließlich für die Abspaltung entschieden, hatten den DRB über Jahre zu Reformen aufgefordert.

Doch die Verbandsspitze war maximal zu Reförmchen bereit - eine Frage unserer Redaktion blieb gestern unbeantwortet. Zuletzt versuchte man die Wogen zu glätten, indem ein Bundesligaausschuss gegründet wurde mit der Stimmenverteilung fünf für den Verband und nur vier für die Vereine. "Es wurde immer wieder versucht, Lösungen zu finden. Der DRB arbeitet aber einfach an der Lebenswirklichkeit seiner Klubs vollkommen vorbei", sagt Svent Metzger, Sprecher der DRL. "Wir streben weiter eine Einigung mit dem DRB an, aber es muss Gespräche auf Augenhöhe geben, sonst hat das alles keinen Sinn."

Nun hat sich der DRB eine weitere Neuerung ausgedacht, mit der er viele Klubs erzürnt. Denn wer Meister wird, muss aufsteigen - und damit quasi eine Klasse überspringen. Tut er es nicht, drohen 5000-Euro- Geldstrafe und die Zwangsversetzung in die Landes- oder Bezirksliga. Doch aufsteigen möchte, zumindest im Westen, keiner.

Bei einem Aufstieg steigen nur die Ausgaben

Und so konnte man ein engagiertes Wettrennen um den letzten Platz beobachten. Weder der TV Essen-Dellwig, noch der KSK Konkordia Neuss oder der bis zum letzten Kampftag mit ihnen punktgleiche AC Köln-Mülheim wollten gewinnen. Alle drei gehörten jahrelang zum festen Inventar der Ersten Liga, alle drei haben sich vor einiger Zeit aus guten, meist finanziellen Gründen aus ihr zurückgezogen. Und anders als im Fußball, "wo im Falle eines Aufstiegs mehr Geld durch Sponsoren und Fernsehgelder in die Kasse fließt, steigen im Ringen erstmal nur die Ausgaben", sagt Essens Trainer Christian Jäger. In Neuss, versichert Konkordias Vorstandsmitglied Thomas Perlick, sind nicht die Finanzen das Problem: "Vor einer Saison in der höchsten Liga würden wir uns nicht sträuben, die Zahlen geben das her."

Der Trainer sorgt sich vielmehr ums ringende Personal, denn das besteht zum größten Teil aus Eigengewächsen, die der Kraftsportklub aus seinem mehrfach mit Integrationspreisen bedachten Projekt "Ringen und Raufen" groß gezogen hat. Im Vorjahr wurden die Neusser deutscher Mannschaftsmeister bei den Schülern, aktuell sind sie Vizemeister, und die meisten Talente ringen im Oberliga-Team.

"In ein, zwei Jahren sind unsere Eigengewächse so weit, dass sie in der Bundesliga mithalten können", ist Max Schwindt, als Aktiver dreifacher Junioren-Weltmeister, überzeugt, "in dieser Saison macht der Aufstieg, zumindest in der aktuellen Konstellation, jedoch keinen Sinn." Denn wie in der Vergangenheit Ringer vornehmlich aus dem Osten Europas zu den Kämpfen einfliegen zu lassen, das möchten sie in Neuss nicht mehr.

Der Kampf - auf der Matte siegte Konkordia mit 12:9 - wurde vom Verband mit 0:0 und zwei Minuspunkten für die Klubs gewertet. Also verloren Neuss und Köln-Mülheim am letzten Kampftag noch einmal "an der Waage", Essen wurde Meister. Nimmt der Verein sein Aufstiegsrecht nicht wahr, "droht" Neuss als Vize der Sprung in die Bundesliga. Verzichtet auch der KSK, droht der Verein "im Nirwana zu verschwinden", sagt Vorstandsmitglied Thomas Perlick. Denn die Talente würden dann bei anderen Klubs anheuern.

Was bleibt, ist die Hoffnung auf die außerordentliche Mitgliederversammlung des Ringerverbandes NRW am 8. Januar, auch wenn der zugibt, in Sachen Aufstiegspflicht "in keiner Form" eingreifen zu können. Oder auf die DRL. Denn die denkt laut darüber nach, die Gründung einer eigenen "DRL - die Zweite Liga" einzuleiten.

Es bleibt spannend im deutschen Ringen - wenn auch nur außerhalb der Matte.

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(RP)