1. Sport
  2. Weitere Sportarten

Reitsport: Wenn wie bei Totilas und Gal alles passt, tanzt das Pferd von alleine

Eine besondere Beziehung : Wenn zwischen Pferd und Reiter alles passt, reichen Gedanken und es tanzt

Dem verstorbenen Dressur-Pferd Totilas und seinem ersten Weltklassereiter wird eine besonders innige Beziehung zugesagt. Wie wertvoll eine gute Beziehung zwischen Pferd und Reiter ist, weiß unsere Redakteurin aus eigener Erfahrung.

An einem Sommernachmittag vor einigen Jahren stand ich mit einem Halfter in der Hand auf einer Wiese und wollte Pferde einfangen. Eines aus der Herde, das noch nicht lange dabei war, ging mit angelegten Ohren auf mich los, für ihn war ich wohl ein Eindringling, der die Gruppe trennen wollte. Meine Stute trabte schnaubend zwischen uns, gab dem anderen Pferd mit gebleckten Zähnen zu verstehen, dass es sich von mir fernhalten sollte. Sie stellte sich vor mich, reckte den Kopf, prustete. Das andere Pferd drehte sich ab. Wenn man einmal eine Stute auf seiner Seite hat, hat man eine Gefährtin fürs Leben, sagt man. Lotti ist meine.

Wir trafen uns vor mehr als zwölf Jahren. Ich guckte ihr in die Augen, sie blickte in meine. Von da an war alles besiegelt.

Ich bin das klassische Wendy-Mädchen, das auf einem Pferderücken saß, bevor es laufen konnte. Als mein Vater mit mir an einer Koppel stand und mir, damals drei Jahre alt, die Pferde dort zeigte, sagte ich: „Alles Meine.“ So erzählt es zumindest mein Vater. Jede freie Minute verbrachte ich, das Stadtkind, in den Jahren danach auf dem Ponyhof. Ich schaufelte Mist im strömenden Regen, fegte Stallgassen, wuchtete Heuballen vom Dachboden, putzte Sättel, und der Lohn, der immer alles wert war, war die nächste Reitstunde.

Lotti ist die klassische Stute, die erst mal gar nichts macht, wenn man ihr blöd kommt. Vor ein paar Jahren hat sich mal ein hochdekorierter Berufsreiter auf ihr versucht. Der arme Kerl hatte keine Chance. Während Lotti mit stoischer Ruhe immer das Gegenteil von dem machte, was sie sollte, und der Reiter immer verzweifelter wurde, hat sie gegrinst, ich schwöre es! Er saß nie wieder auf ihr drauf.

Wenn zwischen Pferd und Reiter allerdings alles passt, reichen die richtige Hilfe, das Anspannen der Muskeln und der Gedanke an die nächste Lektion, und das Pferd tanzt. Nicht weil es muss, sondern weil sich das rund 500 Kilo schwere Tier, das seinen eigenen Kopf hat, dazu entscheidet, mitzumachen. Was für ein Gefühl! So muss es auch zwischen Totilas und Edward Gal gewesen sein, wenn man sich ihre Auftritte anschaut.

Inzwischen bedrängt der Alltag die Euphorie von einst immer stärker. Wenn es auf der Arbeit mal wieder länger dauert, frage ich mich, ob es nicht sinnvoller ist, mir ein Hobby zu suchen, das nicht so zeitintensiv ist, das ich immer dann ausüben kann, wenn ich es möchte und nicht, wenn ich es muss, weil das Pferd Bewegung braucht.

Wenn ich dann durch die Hoftür gehe und Lotti schon wiehert, obwohl sie mich noch nicht gesehen, sondern nur meine Schritte gehört haben kann, beginnen die Zweifel zu schwinden. Sie werden noch kleiner, wenn Lotti ihren Kopf gegen meine Brust lehnt und die blöden Gedanken der vergangenen Stunden auszusaugen scheint. Wenn ich später in den Sattel steige und Richtung Feld reite, ein bisschen schnalze und Lotti mich im Galopp über die Wiese trägt – wie könnte ich da noch an irgendetwas Schlechtes denken?