Red Bull Trans Siberian Extreme 2018: Pierre Bischoff aus Duisburg gewinnt

Duisburger fährt quer durch Russland : Mal eben 9300 Kilometer mit dem Rad

Pierre Bischoff aus Duisburg hat das härteste Radrennen der Welt gewonnen. Jetzt will er auch noch die Welt umfahren. Was treibt diesen Mann dazu?

Am schlimmsten war es auf der Königsetappe. 1386 Kilometer lang, garniert mit 11.000 Höhenmetern. Endlose Kargheit und völlige Erschöpfung. Rund 50 Stunden war Pierre Bischoff mit dem Rad unterwegs, nur von kurzen Verpflegungspausen und Nickerchen am Straßenrand unterbrochen. Wie gut, dass er Begleiter hatte, die ihm Kokos-Schokoriegel reichen konnten. 90 Riegel, um die Königsetappe im härtesten Radrennen der Welt zu überstehen.

Pierre Bischoff hat es vor einigen Wochen tatsächlich geschafft. Der Duisburger hat das „Trans-Siberian-Extreme“ im zweiten Anlauf gewonnen. An 25 Tagen ist der 34-Jährige rund 9300 Kilometer gefahren. Ein Kraftakt. Nötig dazu waren viel Motivation – und ein Wechsel seiner Strategie.

Bischoff ist in Duisburg-Homberg aufgewachsen. Sportlich war er immer, spielte zeitweise parallel Fußball und Handball. Auffällig war aber nicht sein ausgeprägtes Ballgefühl. Bischoff hatte schon damals stets mit die beste Ausdauer aller Spieler in seinen Teams. „Ich bin immer mit dem Fahrrad zum Training gefahren“, sagt Bischoff. Das Erweckungserlebnis, das ihn an den Extremsport heranführte, hatte er im Alter von 18 Jahren.

Bischoff wollte Freunde in ihrem Urlaub besuchen und fuhr von Duisburg nach Kroatien, „mit dem Fahrrad“, schiebt Bischoff hinterher. 1200 Kilometer hat er damals zurückgelegt. Im selben Jahr dann nahm er erstmals an einem 24-Stunden-Radrennen teil: „Rad am Ring“ auf dem Nürburgring. Weitere sieben Jahre vergingen, ehe er das Rennen zum ersten Mal gewann. Es folgten weitere Siege bei Langdistanzrennen. Beim 24-Stunden-Mountainbike-Wettkampf von Duisburg gewann er ab 2010 viermal in Serie, zweimal davon im Team. Der vorläufige Höhepunkt: 2016 startete Bischoff beim „Race Across America“. 4800 Kilometer – ohne nenneswerte Pause – von der West- bis zur Ostküste Nordamerikas. Rookie Bischoff siegte – und ist der bislang einzige deutsche Radrennfahrer, dem das gelungen ist. Nun musste eine neue Herausforderung her. Da kam ihm das härteste Radrennen der Welt gerade recht.

„Als Red Bull für das Sponsoring zugesagt hat, konnte ich starten“, sagt Bischoff. 2017 wurde er bei seiner ersten Teilnahme am „Trans-Siberian-Extreme“ Zweiter. In diesem Sommer erreichte er nach 9300 Kilometern als Erster das Ziel. Bischoff erzählt von psychologischen Tricks während der 14 Etappen zwischen Moskau und Wladiwostock – unter anderem gegen den ehemaligen Tour-de-France-Fahrer Vladimir Gusev. Mit dem Russen hatte er sich diverse Sprintduelle geliefert. „Ich habe meine Strategie umgestellt und war im Rennen nicht nur freundlich, sondern in harten Phasen egoistisch“, sagt Bischoff. „Wenn der Gegner das laute Klicken der Gangschaltung hört, weiß er, dass du zur Attacke ansetzt, das habe ich ausgenutzt.“ Auch sein Wissen zum Thema Ernährung hat ihm geholfen. Auf einer Etappe zwischen 300 und 400 Kilometern verbraucht er etwa 8000 Kilokalorien, auf der Königsetappe waren es gut 30.000. Haferschleim, Proteinshakes und eben 90 Kokos-Schokoriegel hat er gegessen. Bischoff erklärt: „Kokos ist der perfekte Lieferant langkettiger Fette, die Kohlenhydrate helfen, das Fett zu verbrennen.“ Wie gut er Verbrauch und Bedarf eingeschätzt hatte, sah er im Ziel: „Ich bin mit 71 Kilogramm losgefahren und wog später im Ziel 71,5.“

Außer der zwei Betreuer war stets auch das Stadtwappen von Duisburg mit dabei. Es ist auf seinem Trikot angenäht. „Es macht mich stolz, die Stadt auf meine Art in die Welt zu tragen.“ Auch deswegen hat Bischoff Duisburgs russische Partnerstadt Perm, östlich von Moskau gelegen, auf dem Rückweg besucht – den hat er übrigens auch auf dem Rad bewältigt. Die Heimatliebe hat sich ausgezahlt: Bischoff durfte sich Mitte November in das „Goldene Buch“ der Stadt Duisburg eintragen.

Vor einigen Jahren ist Bischoff in das österreichische Nauders am Reschenpass gezogen. Eine eigene Familie hat er nicht, dafür einen Hund. Es war keine Entscheidung gegen die Heimatstadt, sondern eine für den Extremsport. Denn Bischoff, der ein Studium der Betriebswissenschaft absolviert hat, arbeitet in der Skiregion im Tourismusgewerbe. „Im Frühling, Sommer und Herbst trainiere ich neben der Arbeit acht bis zwölf Stunden pro Woche. Im Winter setze ich mich gar nicht aufs Rad, damit die Vorfreude im Frühjahr größer ist“, sagt Bischoff. Derzeit hält er sich mit Skifahren fit, läuft in der Mittagspause öfter mal den Berg hinauf und fährt mit Skiern wieder herunter. Ab März dann beginnt die Saisonvorbereitung im Rennrad-Dorado, auf Mallorca.

Das Höhentraining in der Skiregion hat ihm auch in Russland geholfen. Dauernd ging es rauf und runter, der höchste Punkt liegt auf etwa 1000 Metern. Motiviert hat sich der 34-Jährige in der ewigen Weite des Landes mit einem skurril anmutenden Gedanken: „Ich wollte unbedingt in Wladiwostock ankommen“, sagt er, „um mir die Stadt anzuschauen und dann mit dem Rad entspannt zurückzufahren.“ Ankommen, nur um weiterzufahren? So muss man wohl auch das nächste Ziel des Duisburgers verstehen. Bischoff will die Welt umfahren. „Ich weiß nicht, ob ich das entspannt machen will, um auch Land und Leute kennenzulernen. Oder ob ich einen Rekord jage“, sagt er. Für den Rekord müsste er in weniger als 79 Tagen 29.000 Kilometer zurücklegen. Dabei helfen könnten: 1883 Kokos-Schokoriegel.

(ball)
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