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Nur noch 20 Prozent der Mitglieder in der Deutschen Reiterlichen Vereinigung sind Männer

80 Prozent der Mitglieder sind Frauen : Dem Reitsport gehen die Männer aus

Nur noch jedes fünfte Mitglied in Reitvereinen ist ein Mann. Die Zahl der Turniersportreiter brach seit 1997 um 60 Prozent ein. Der Bundesverband setzt auf männliche Ausbilder und jungengerechte Angebote an der Basis.

Der Reitsport ist dabei, in seiner historischen Entwicklung eine 180-Grad-Wende zu vollziehen. Von einer reinen Männerdomäne zu einem Sport fast ohne Männer. Die aktuellen Zahlen sind jedenfalls alarmierend: Seit dem Jahr 2000 hat die Reiterliche Vereinigung (FN) als Dachverband aller Reitsportvereine in Deutschland mehr als 87.000 Männer verloren. Nur noch jedes fünfte der 682.348 FN-Mitglieder war zuletzt ein Mann. Vor 20 Jahren war noch fast ein Drittel (31 Prozent) aller Reiter auch ein Reiter. Seitdem gewann die FN mehr als 23.000 neue Reiterinnen. „Möglicherweise dienen die aktuellen Zahlen dazu, die Vereine wachzurütteln. Bislang war gerade in den älteren Vorstandschaften der Vereine die Haltung anzutreffen: ,Was wollt Ihr mit den Jungs? Später im Sport sind die Männer ja da’“, teilte die FN auf Anfrage mit.

Die bundesweite Entwicklung findet auch im Rheinland Niederschlag. So sank der Anteil der männlichen Mitglieder im Pferdesportverband Rheinland (PSVR) seit 1960 von fast 78 auf gerade noch einmal 19 Prozent. Deswegen kam der PSVR mit seinen rund 60.000 Mitgliedern in seinem Jahresbericht für 2018 auch zu der Schlussfolgerung: In punkto Mitgliederwerbung „bleibt festzuhalten, dass man hier auf die Zielgruppe Mädchen augenscheinlich keine besonderen Aktivitäten zur Neugewinnung richten muss. Für den männlichen Nachwuchs besondere Aufgaben zu gestalten, sollte im Interesse jedes Vereins liegen.“

Und nicht nur im Breitensport gehen dem Reitsport die Reiter aus. Auch in Bezug auf den Turniersport sind die Zahlen auf Bundesebene eklatant: Zwischen 1997 und 2017 ging der Anteil der Männer, die sich unter Wettbewerbsbedingungen in einen Parcours wagten, um fast 60 Prozent auf knapp 10.000 zurück.

Doch warum ist der Reitsport für Männer und vor allem Jungen offenbar so unattraktiv geworden? Den einen Grund leitete die FN schon vor Jahren kulturhistorisch her: „Mit der Erfindung moderner Fortbewegungsmaschinen hat das Pferd seine Rolle als bestes Fortbewegungsmittel verloren und damit seine allgemeine Faszination für Männer“, heißt es dort. Das für Männer heute faszinierendste Pferd prangt demnach im Ferrari-Logo.

Der zweite Grund ist ein soziologischer: Kinder wollen ihre Freizeit eher mit Ihresgleichen verbringen, also Jungen mit Jungen und Mädchen mit Mädchen. Wenn also in einer Reitschule oder in einem Verein vor allem Mädchen anzutreffen sind, schrecke das, so die Erkenntnis der FN, Jungen ab. Hinzukommt: Während Mädchen allein schon deswegen in die Ställe strömen, um sich mit dem Pferd zu beschäftigen, finden Jungen eher Gefallen am „draufgängerischen“ reiterischen Wettbewerb. Das sind zwei unterschiedliche Motivationen, denen die Vereine in einer optimalen Welt mit unterschiedlichen Angeboten gerecht werden müssten. Denn: „Wann immer Vereine eigene Reitstunden nur für Jungen anbieten, zeigt sich, dass diese gut angenommen werden und sich Jungen fürs Pferd begeistern lassen. Nur leider gibt es viel zu wenige solcher Angebote“, sagte die FN.

Wie ein solches aussehen könnte, wird in einem Erfahrungsbericht aus Schleswig-Holstein deutlich. Dort heißt es: „Wenn Jungs unter sich sind, ist es kein Problem, wenn auch mal etwas daneben geht. Untereinander können sie besser Schwächen zeigen, aber eben nicht vor Mädchen. Mal besorgten wir ihnen für ihre Helme Bergarbeiterlampen oder übten speziell das Fallen vom Pony wie die Stuntreiter.“

Klar ist: Das Problem mit dem Männerschwund kam für den Reitsport nicht über Nacht. Und auch nicht erst seit gestern ist man bemüht entgegenzuwirken. „Die FN kann nur für das Thema sensibilisieren, die Umsetzung muss an der Basis, in den Vereinen geschehen. Speziell gefragt sind männliche Ausbilder, sich dem Thema zu öffnen und jungengerechten Unterricht anzubieten.“ Dies müsste nur umgesetzt werden – wird es aber offensichtlich nicht ausreichend. Warum? Weil der Spitzensport ein falsches Bild vorgaukelt. Eines, das einen Männerüberschuss vermittelt. „Tatsächlich sind Jungen überproportional zu ihrer Gesamtzahl im Sport erfolgreich. Und wenn sie das einmal sind, dann bleiben sie auch lange dabei, wie der Spitzensport ja eindrucksvoll belegt“, sagt die FN. Die Ludger Beerbaums, Christian Ahlmanns und Marcus Ehnings lassen grüßen. Sie und ihre Medaillen.

(klü )