Isabell Werth: Die Dressur-Olympiasiegerin gewährt Einblick in ihr zu Hause

Dressur-Olympiasiegerin: Isabell Werth regen soziale Medien nur auf

Wir haben Isabell Werth in Rheinberg besucht. Die erfolgreichste Reiterin der Welt spricht über Heimat, Weihnachten - und Pöbler im Netz.

Am 21. Juli 2019 wird beim CHIO in Aachen wieder der Große Preis der Dressurreiter vergeben. Isabell Werth hat die Kür-Prüfung schon zwölfmal gewonnen. Zuletzt in diesem Jahr auf Emilio. Der 13. Erfolg wäre für sie von ganz besonderer Bedeutung. Denn an diesem Sonntag hat sie Geburtstag. Werth wird 50. Und die Rheinbergerin, die sich Ende der 80er Jahre erstmals bei einem Senioren-Championat den Richtern vorstellte, ist nach wie vor fokussiert, hat Ziele und den Spaß, täglich mit Pferden zu arbeiten, sie auszubilden und in der internationalen Spitze zu positionieren. Das Vagabunden-Leben einer Profisportlerin gehört dazu, lässt die Mutter eines Neunjährigen aber schon mal mit einem schlechten Gewissen auf Reisen gehen.

Doch an diesem Dienstag in der Vorweihnachtszeit ist Isabell Werth da, wo sie sich am wohlsten fühlt: in der Reithalle auf ihrem Hof. Eine alte Freundin ist zu Besuch. Natürlich mit Pferd. Die sechsmalige Olympiasiegerin schaut ganz genau hin, gibt Tipps, korrigiert. Kekse und Kaffee stehen bereit. Besucher können sich gerne bedienen. Draußen auf dem Parkplatz ist ein Kinder-Trecker zu sehen. Sohnemann Frederik hat ihn dort abgestellt.

Isabell Werth ist ein Familienmensch. Daheim, in Rheinberg-Budberg, das Haus, der Hof, die Eltern und die Schwester mit Familie, die in Sichtweite wohnen – hier fühlt sie sich immer noch wohl. „Ich würde niemals wegziehen. Das ist meine Oase. Es ist stets sehr beruhigend, zurückzukommen“, sagt sie. Es sei das ganz besondere Heimatgefühl, das ihr Großstädte oder Metropolen nicht geben können. „In Rheinberg ist halt alles am rechten Fleck.“ Werth ist bodenständig geblieben. Die ganzen Erfolge und Titel können das Familienleben nicht aufwiegen. Die Momente mit Ehemann Wolfgang und dem Sohnemann genießt die 49-Jährige in vollen Zügen. Werth mag die gemeinsame Ausflüge in die Tapas-Bar „Bodega“ in Rheinbergs Stadtmitte. „Es ist einer meiner Lieblingsplätze.“ Dort hilft Frederik auch schon mal in der Küche mit.

Isabell Werth mit „Bella Rose“ im Rheinberger Stall. „Spaßmobil“ nennt die Reiterin ihre Erfolgsstute. Foto: Christoph Reichwein (crei)

In der Reithalle schaut sich Werth gerade ein Pferd an, das ihr Interesse geweckt hat. Sie steigt in den Sattel. Die Besitzer haben am Heizpilz Platz genommen. Es ist kühl. Werth kommentiert laut, was sie denkt, welchen Eindruck das Pferd macht. Vor dem Büro liegt Chica, ein Rhodesian Ridgeback. Die Hündin der neunfachen Weltmeisterin hebt kurz den Kopf, als eine Mitarbeiterin vorbeiläuft. Weihnachten wird daheim gefeiert. Mit der Familie. Und Chica. „Ganz gemütlich halt.“ Es gibt wohl kalte Platte, vielleicht Fisch. Bloß keine langen Vorbereitungen, den Moment genießen. „Weihnachtsstimmung ist mir sehr wichtig.“ Geschenke kauft Werth nicht im Internet, sondern im Geschäft. Das kann in Rheinberg sein, im Centro Oberhausen, in Stockholm oder auf einem anderen Kontinent. „Ich liebe es zu bummeln. Ideen habe ich immer.“ Kleine Geschenke bekommen auch ihre Mitarbeiter. Weihnachtsgeld gibt’s ebenfalls. Über eine Extraportion Äpfel und Möhren dürfen sich an den Feiertagen die Pferde freuen.

Also auch ihr „Spaßmobil“. So nennt die neunmalige Weltmeisterin ihr Traumpferd Bella Rose, die über den Innenhof vorbei an der riesigen Sumpfeiche mit den anderen Championatspferden in einen weiteren Stallgebäude zusammensteht. „Die Stute hat alles, was ein Spitzenpferd haben muss.“ Die Athletik, die Leistungsbereitschaft imponieren ihr. „Bei der Piaffe-Passage macht ihr im Moment niemand etwas vor. Sie ist herausragend.“ Wenn die Rheinbergerin im Sattel von Bella sitzt, denkt sie unweigerlich an die Vorzüge ihrer anderen Erfolgspferde. An Gigolo, Satchmo, Weihegold. „Das Gesamtpaket bei Bella stimmt halt.“

Zu sehen war das bei der Weltmeisterschaft vor wenigen Monaten im amerikanischen Tryon. Was war die Fachwelt verzückt von der Stute nach langer Verletzungspause. Werth glaubte immer an ihr Traumpferd – und wurde für das Vertrauen mit zwei weiteren Goldmedaillen belohnt. Die Rheinbergerin ließ ihren Emotionen freien Lauf. Sie schämt sich nicht ihrer Tränen im Dressurviereck. In den sozialen Medien werden die Reitsport-Fans Gefühlsausbrüche einer Isabell Werth allerdings nicht finden.

Facebook, Instagram, Twitter? Die Blondine winkt ab und schaut ernst, als sie sich im Büro mit Blick in den Stall Kaffee einschenkt. „Ich muss keine Likes erhaschen, um Bestätigung zu bekommen. Ich weiß, was ich kann.“ Isabell Werth, die so leicht nicht zu verärgern ist, schaut plötzlich sehr ernst. Die Respektlosigkeiten und Beleidigungen, die viele Menschen im Internet zu lesen bekommen, machen sie „wütend“. Sie sei sogar „fassungslos“ über den verbalen Müll, der viel zu oft bei Facebook und Co. verbreitet werde. „Deshalb lasse ich die Finger von den sozialen Medien. Wer ein Problem mit mir hat, kann mir das gerne persönlich sagen.“ Es hat was mit Respekt zu tun. Und Respekt ist für sie ein hohes Gut.

Werth blickt auf ein Foto, das auf dem Tisch neben der Tüte mit dem Christstollen-Konfekt steht. Es zeigt sie mit Madeleine Winter-Schulze, ihrer Mäzenin und Fördern, die längst auch Freundin ist. Als Winter-Schulze Mitte November die Ehrengabe des Landessportbunds Niedersachsen erhielt, war die Rheinbergerin Überraschungsgast.

Die Bodenständigkeit. das Werteverständnis, die die Rheinbergerin so beliebt machen, kommen nicht von ungefähr. Mama Brigitte und Papa Heinrich, ein ehemaliger Jagdreiter, gehören zu den Fixpunkten im Leben, das aus vielen Reisen besteht. Rund 30 Wochenenden im Jahr sei sie unterwegs, sagt Werth. Wobei das Wochenende der Reiterin nicht selten schon an einem Donnerstag beginnt. Da bleibt etwas auf der Strecke. Für ihren Sohn wäre sie gern öfter da. „Die mütterlichen Verpflichtungen kommen schon mal zu kurz. Und klar habe ich dann auch ein schlechtes Gewissen.“ Doch eintauschen möchte Werth ihr Leben nicht. Müde ob der Reisestrapazen sei sie nicht. Der Zeitpunkt fürs Karriereende sei noch nicht gekommen. Gleichwohl stellt die Niederrheinerin fest: „Mit 60 sehe ich mich nicht mehr bei großen Meisterschaften. Ich brauche aber nicht einen besonderen Erfolg, um aufzuhören. Wenn es nicht mehr passt, beende ich halt meine Karriere.“

Die Karriere, die in ihren Heimatort begann. Um die Ecke, beim Heimatverein „Graf von Schmettow“ Eversael. In der Reithalle holte sich die kleine Isabell ihre erste Goldschleife. Auf Funny, einem Pony, Mitte der 70er Jahre. „Es war beim Nikolausturnier bei einer Reiterprüfung.“ Das Nikolausturnier in Eversael gibt’s immer noch. Die Abstecher auf das Gelände ihres Heimatvereins sind seltener geworden. „Ich kenne leider immer weniger der Mitglieder.“ Und da sind ja auch noch die vielen Verpflichtungen, die eine Weltklassesportlerin und Geschäftsfrau mit einer eigenen Mode-Kollektion, die 1989 das erste Senioren-Championat gewann, wahrnehmen muss. Auf dem Hof im Rheinberg hat Werth „rund 45 Pferde unter dem Sattel“. Zwischen 80 und 100 Pferde stehen in den Ställen oder drumherum auf den Wiesen. Vom Fohlen „bis zum Rentner“.

Werh setzt sich auf die Bank vor dem Stall. Hier machen die Mitarbeiter Raucherpause. Die Chefin stellt sich gern mal dazu. Jetzt geht ihr Blick über die Wiesen. „Ist doch schön hier.“ Momente der Entspannung sind kostbar. Fallen lassen kann sich Rheinbergs bekannteste Sportlerin sehr gut in der Badewanne. „Es kommt schon mal vor, dass ich mitten in der Nacht von einem Turnier nach Hause komme und warmes Wasser einlaufen lasse.“ Auf Reisen werden Hotels mit einem großen Schwimmbad bevorzugt. „Ich muss ja sehen, dass mein Körper elastisch bleibt.“

An den Tagen vor und nach dem Jahreswechsel bleibt der Reisekoffer leer. Die gehören wieder der Familie. Auch über Silvester bleiben die Werths auf dem heimischen Hof. Geplant ist, den Raclette-Grill auf den Tisch zu stellen. Ab 24 Uhr wird die Weltklasse-Dressurreiterin dann etwas unruhig. „Ich habe schon Schiss, dass eine Rakete vom Weg abkommt und auf dem Gelände womöglich ein Feuer ausbricht.“ Da bleibt Isabell Werth dann lieber in der Nähe. Auf dem Hof, der seit jeher ihr zu Hause ist.

(put)
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