Schach-WM in Indien: Glamourboy Magnus Carlsen greift nach dem Titel

Schach-WM in Indien: Glamourboy Magnus Carlsen greift nach dem Titel

Der Norweger Magnus Carlsen fordert ab heute in Indien Weltmeister Viswanathan Anand heraus.

Das Abitur kurz vor dem Ziel, wegen eines Brettspiel-Hobbys, abzubrechen, hätte viele Eltern in Besorgnis gestürzt. Nicht so Sigrun und Henrik. Die Eltern des heute 22-jährigen Magnus Carlsen erkannten früh die Begabung ihres Sohnes für das Schachspiel und unterstützten ihn.

Innerhalb weniger Jahre spielte sich das Schachwunderkind in die Spitze der Weltrangliste. Mit der Großzügigkeit der Etablierten haben Schachlegenden wie Garry Kasparow und der gegenwärtige Weltmeister, Viswanathan Anand aus Indien, den "norwegischen Jungen" schon vor Jahren öffentlich als den zukünftigen Weltmeister gepriesen. Vielleicht kommt dieser Moment jetzt schneller, als es dem 43-jährigen Anand lieb ist. Heute werden die beiden in Indien gegeneinander antreten. Carlsen wird als Favorit gehandelt.

Magnus legte schon als Zweijähriger Puzzlespiele aus 50 Einzelteilen zusammen, erinnern sich die Eltern. Sein Vater brachte ihm später das Schachspielen bei. Als Carlsen endlich lesen konnte, verschlang er die Weltliteratur des Schachspiels in wenigen Jahren. Mit acht nahm er erstmals an einem Schachturnier teil und durfte später in die Schachabteilung des norwegischen Topsportlergymnasiums. Zuhause spielte er ununterbrochen Schach, manchmal wochenlang. Weil am Familien-Esstisch nicht genug Platz für Spielbrett und Mahlzeit zugleich waren, bekam er einen eigenen Tisch.

Carlsens Ausdauer und Konzentrationsvermögen brachten ihm später unverhoffte Siege in letzter Minute. Carlsen strebt im Spiel oft Zermürbungsstellungen an, in denen er seine Gegner unter Druck setzen kann. Insbesondere im Endspiel spielt er sehr stark und nutzt gegnerische Flüchtigkeitsfehler wirksam aus.

Carlsen lehnt Begriff "Wunderkind" ab

Ist Carlsen ein Wunderkind? Er selbst verneint das. Das meiste habe er sich durch hartes Training angeeignet. Gleichzeitig spielt er gern Fußball und hält sich so auch körperlich topfit. Eine Freundin haben die ihn eifrig beobachtenden norwegischen Boulevardblätter bislang nicht ausmachen können. Dabei war er schon mal mit dem Hollywood Star Liv Tailor zu sehen. Das war aber beruflich: Zusammen mit ihr wirbt er für eine holländische Kleiderfirma. Deshalb trägt er — unüblich für Schachspieler — stets Markenkleidung und kecke Frisuren bei öffentlichen Auftritten. Das Werbegeld dürfte ihn bald zum Multi-Millionär machen, erst recht, wenn er die Weltmeisterschaft gewinnt. Gute drei Millionen Euro im Jahr erwarten ihn anfänglich, rechnete das norwegische Wirtschaftsblatt NA24 aus.

Dabei lebt er angeblich noch bei seinen Eltern. Und um die kleinen Probleme des Lebens muss er sich auch sonst nicht kümmern. Die Eltern und sein Manager Espen Agdestein halten dem in Norwegen für seine Kauzigkeit beliebten jungen Mann den Rücken frei. Carlsen selbst wirkt in der Öffentlichkeit schüchtern, nachlässig, nicht zu ehrgeizig. Der lange Augenkontakt mit Fremden fällt ihm schwer. Er weint schon mal, wenn er verliert, aber insgesamt ist er gelassen — und viel selbstsicherer, als der erste Eindruck nahelegt. Schachspielen wolle er nur so lange, wie es ihm auch Spaß mache, sagt er locker. "Weltmeister muss ich nicht unbedingt werden, obwohl das natürlich schön wäre", sagt Carlsen.

Norwegen war lange nur als Schmiede für Elitewintersportler bekannt. Carlsen hat nun durch seine Erfolge auch das Schachbrett ins Bewusstsein seiner Landsleute gerückt. "Hunderte von Millionen Menschen haben über mehrere Tausend Jahre Schach gespielt. Von all diesen Menschen ist Magnus der beste", sagt der enthusiastische Schachexperte Torstein Baer vom norwegischen Rundfunk.

(RP)