Fecht-EM 2019: Verbandspräsidentin Claudia Bokel will mit Charakterbildung werben

Vor dem EM in Düsseldorf : Fechten will mit Charakterbildung werben

Die Heim-EM in Düsseldorf rückt den Sport in Fokus. Hinter den Kulissen arbeitet der deutsche Verband an neuen Vermarktungsstrategien.

Druck ist in diesen Tagen ein ständiger Begleiter im deutschen Fechten. Vor allem gilt es, die am Montag beginnende Heim-EM in Düsseldorf für sportliche Erfolge zu nutzen. Für Titelgewinne und Tickets für Olympische Spiele. „Die Olympia-Qualifikation ist bei der EM für uns das Wichtigste. Wir sind ja in Rio ohne Medaille geblieben, das soll in Tokio natürlich anders sein“, sagt Verbandspräsidentin Claudia Bokel. Eindeutiger Gold-Anwärter ist das Dormagener Säbel-Ass Max Hartung.

Doch das Fechten steht eben auch unter Druck, die Tage von Düsseldorf nachhaltig zu nutzen. Denn die Zeiten, in denen es Medaillen für Deutschland wie selbstverständlich regnete, sind lange passé. „Früher hieß es, Fechten sei nur in ein paar Ländern populär. Heute boomt Fechten fast überall auf der Welt. Das macht es uns natürlich nicht einfacher“, gibt Bokel zu.

Also denkt sie mit ihren Mitstreitern über Vermarktungsideen nach. Ein Gedanke: mit Fechten als Weg der Charakterbildung zu werben. „Wir haben im Fechten ja die Besonderheit, dass wir einige Typen entwickelt haben. Das könnte Eltern durchaus dazu bringen, ihre Kinder zum Fechten zu schicken, weil man dort eine Persönlichkeit entwickelt. Das bringt das Fechten mit sich, und das könnten wir durchaus offensiver vermarkten. Als Fechter braucht man für ein Gefecht eine Strategie, und die muss man dann auch durchziehen. Hinzu kommt: Der Max Hartung (als Athletensprecher, Anm. d. Red.) versucht ja nicht, sich selbst zu positionieren, sondern etwas für die Athleten zu bewirken. Ähnliches habe ich getan“, sagt Bokel. Sie selbst saß von 2008 bis 2016 in der Athletenkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC).

Parallel reift bei den Fechtern die Überzeugung, dass man stärker ist, wenn man sich nach dem Vorbild der erfolgreichen Multi-EM 2018 mit anderen Sportarten zusammentut. Innehalb des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) gibt es die AG Zweikampfsport. Hierin vertreten sind Judo, Karate, Ringen, Fechten, Taekwondo, Kickboxen und Boxen. „Ich fände es sehr gut, wenn wir mit den Zweikampfsportarten eine gemeinsame Multi-DM auf die Beine stellen würden. Wir haben da auch schon erste Ideen in der Arbeitsgruppe der beteiligten Verbände, wie man das umsetzen könnte“, sagt Bokel. Im August feiert in Berlin eine Multi-DM der Sportarten Bogenschießen, Bahnradsport, Boxen, Kanu, Leichtathletik, Moderner Fünfkampf, Schwimmen, Wasserspringen, Triathlon und Turnen Premiere.

Über der EM und den Olympia-Visionen in NRW für 2032 schwebt für die Fechter wie für die anderen Verbände die Leistungssportreform. Seit dem Start Ende 2016 gab es viele Fragen und Widerstände, doch in den vergangenen Monaten ist es ruhiger geworden. „Wir haben deutliche Fortschritte erzielt“, sagte DOSB-Leistungssport-Vorstand Dirk Schimmelpfennig in dieser Woche auf einer Veranstaltung in Duisburg. Und auch Bokel sieht in Bezug auf die Reform inzwischen ein vertrauensvolleres Miteinander aller Beteiligten. „So würde ich es mir vorstellen“, sagt sie.

(klü)
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