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European Championships 2018: Wenig Hoffnung vor Schwimm-EM in Glasgow

Vor der Schwimm-EM in Glasgow : Der deutsche Schwimmsport trocknet aus

Die olympischen Kernsportarten kämpfen ohnehin um Aufmerksamkeit. Die Probleme im Schwimmen aber sind noch größer, als bei den anderen.

Untrennbar ist das Schwimmen mit den Olympischen Sommerspielen der Neuzeit verbunden. Die einzigen Sportarten, die ebenfalls seit 1896 dabei waren, sind Leichtathletik, Radsport, Fechten und Kunstturnen. Gerade im Schwimmen gehörten deutsche Athleten international stets zur Weltspitze, bei Olympia, auch bei Welt- und Europameisterschaften. Das fing 1900 mit Ernst Hoppenberg an, ging weiter mit Legenden wie Ulrike Richter, Michael Groß und Kristin Otto, Franziska van Almsick, Britta Steffen oder Paul Biedermann.

Was aber zuletzt folgte, waren zwei Olympische Spiele ohne Medaille für deutsche Schwimmer und 2017 die schlechteste WM-Bilanz aller Zeiten. Nun, vor der EM in Glasgow, kämpft der Schwimmsport nicht nur gegen Erfolglosigkeit, sondern gegen existenzielle Probleme.

Die Basis scheint regelrecht auszutrocknen. Und das hat einen Domino-Effekt ausgelöst. Laut Recherchen der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ gab es im Jahr 2000 noch 6716 Schwimmbäder in Deutschland. Heute sind es weniger als 6000. Bei Kindern im Grundschulalter können nur noch 60 Prozent eines Jahrgangs schwimmen. Auch deswegen sank die Zahl der Vereine innerhalb von fünf Jahren von 611 auf 587. Das wiederum hat Auswirkungen auf den Verband: Im Ranking der größten Sportverbände steht der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) mit 563.134 Mitgliedern (Stand 2017) hinter dem Deutschen Behindertensportverband und dem Deutschen Golfverband. Die Quelle für den Leistungssport versiegt: „Je weniger Kinder schwimmen lernen, desto weniger Durchlass werden wir nach oben haben“, sagte Schwimm-Bundestrainer Henning Lambertz bereits 2016 im Gespräch mit dieser Redaktion. Er sollte recht behalten. Der C-Kader, den die talentiertesten Kinder bilden, schrumpft immer weiter.

Zwischen Athleten, Verband und Bundestrainer Lambertz hatte es zuletzt zudem immer wieder öffentliche Streitigkeiten gegeben. Die Athletensprecher kritisierten zu harte Normen und falsches Training. Der Misserfolg brachte schlechte Presse und hatte personelle Konsequenzen. Es liegt sehr viel im Argen, auch wenn in Gabi Dörries im Vorjahr eine neue DSV-Präsidentin gekommen ist und in Thomas Kurschilgen bald ein neuer Leistungssportdirektor den Dienst antreten wird. Stars hatte der Schwimmsport seit Britta Steffens (2013) und Paul Biedermanns (2016) Karriereende keine mehr. Auch traten junge Hoffnungsträger wie Florian Vogel oder Markus Deibler zurück, und das mit Anfang 20. Zu hoher Leistungsdruck und fehlende Motivation waren die Gründe. Es sagt viel über die Attraktivität einer Sportart aus, wenn ihm seine größten Talente so früh den Rücken kehren.

Für Sarah Poewe sind die Probleme auf Sportler- und Verbandsseite zu suchen. Die zweifache Europameisterin auf der Langbahn und Olympia-Bronzemedaillengewinnerin 2004 beendete vor sechs Jahren ihre Karriere. „Leistungsschwimmen ist harte Arbeit. Wenn das Herz nicht dabei ist, ist langfristiger Erfolg nicht möglich. Der Sportler muss es zu hundert Prozent wollen“, sagt Poewe. „Henning Lambertz steht als Bundestrainer in der Verantwortung, aber jeder Athlet ist auch selbst verantwortlich.“ Sie hofft auf Besserung. „Ich würde mir wünschen, dass Deutschland wieder eine Schwimmnation wird.“

Die EM könnte dafür zu früh kommen. 32 DSV-Athleten sind am Start, viele sehr junge Schwimmer sind dabei. Die deutschen Hoffnungen: Philip Heintz (200 Meter Lagen), Florian Wellbrock (1500 Meter Freistil), Sarah Köhler (400 und 800 Meter Freistil) und Franziska Hentke (200 Meter Schmetterling). Es sind weitgehend unbekannte Namen, mit denen man nun mitfiebern müsste – müsste, denn ihre TV-Präsenz geht gegen null. Bei der Schwimm-WM 2017 boten die Öffentlich-Rechtlichen erstmals keine Live-Sendezeiten in ihren Hauptprogrammen mehr an. Und die Deutsche Meisterschaft jüngst in Berlin? Traten erst in den Vordergrund, als das noch bekannteste Gesicht, Marco Koch, trotz Titels kein EM-Ticket erhielt. Sendezeit gibt es diesmal nur, weil ARD und ZDF ein Gesamtpaket der „European Championships“ bieten.

Die Aufgabe in Glasgow wird hart. „Es ist verdammt schwierig, wenn du hinter dem Startblock stehst. Es gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Der Druck bei einer EM oder WM ist enorm“, sagt Poewe.

(ball)