European Championships 2018: Überraschungs-Medaillen als Motivation für größere Schwimm-Erfolge

Analyse: Überraschungs-Medaillen als Motivation für größere Schwimm-Erfolge

Bei den European Championships geht eine junge deutsche Schwimm-Mannschaft mit nur wenigen erfahrenen Athleten an den Start. Große Medaillen-Erwartungen gab es nicht. Ohne Druck konnten die Schwimmer bereits überraschen - die kleinen Erfolge müssen zu größeren Zielen führen. Eine Analyse.

Der Deutsche Schwimmverband hat sich dafür entschieden, bei den European Championships dem Nachwuchs Wettkampferfahrung zu geben. 31 Athleten hat Bundestrainer Henning Lambertz für die EM nominiert. Sechs von ihnen haben sich über die U23-Norm für Perspektivschwimmer für den EM-Kader qualifiziert und auch viele der anderen Starter sind gerade einmal Anfang 20. Der DSV setzt nicht vorrangig auf Medaillen-Erfolge, sondern stellt sich für künftige Großereignisse auf. Die richtige Entscheidung.

Der deutsche Schwimmsport war bereits todgesagt. Nach dem WM-Debakel im vergangenen Jahr, zwei medaillenlosen Olympischen Spielen und Konflikten zwischen Vereinen und Bundestrainer sahen Experten keine Chancen auf Erfolge der einstigen Schwimmnation in den kommenden Jahren. Bundestrainer Henning Lambertz machte trotzdem unbeirrt weiter, wich von seinen harten Anforderungen an die Sportler nicht ab und richtet das Training auf das nächste große Event aus – die European Championships.

Im Gegensatz zu einigen anderen Nationen hat der Deutsche Schwimmverband (DSV) seine besten Schwimmer zur EM nach Glasgow geschickt. Die besten deutschen Schwimmer sind zurzeit zumeist aber auch der beste deutsche Schwimmnachwuchs. Viele DSV-Athleten, die in Glasgow um EM-Medaillen und Platzierungen schwimmen, haben noch keine Erfahrung bei großen internationalen Wettkämpfen.

Die European Championships sind im Gegensatz zu früheren Europameisterschaften die perfekte Bühne, um Erfahrungen für Weltmeisterschaften und Olympische Spiele zu sammeln. Frei von Erwartungen können sich die deutschen Sportler mit den besten Schwimmern Europas aus Großbritannien, Ungarn oder Italien, messen. Sie können lernen, wie sich die Konkurrenten ihr Rennen einteilen und wie es sich anfühlt, im Sog der schnelleren Schwimmer selbst zu Bestleistungen angetrieben zu werden. Und wer sich dabei überfordert und am Ende einbricht, der weiß für Olympia 2020, wie er es nicht machen darf.

Ganz zu schweigen davon, dass ein Event wie die neu kreierten European Championships einen ähnlichen Druck für die Sportler aufbauen wie WM oder Olympische Spiele. In sieben Sportarten kämpfen Athleten um EM-Medaillen. Das Ganze ist eine Art „Mini-Olympia“. Es gibt einen Medaillenspiegel. Das Medieninteresse ist groß.

Die Sportler treten also nicht nur für sich, nicht nur für ihren Verband, sondern auch für den Platz ihres Landes in der Nationenwertung an. Und das vor vollen Rängen. Das ist für Schwimm-Europameisterschaften längst nicht selbstverständlich. Das Publikum in Glasgow hat die Schwimmer in den ersten Tagen stimmgewaltig angetrieben. Die Anfeuerungsrufe waren auch im Becken zu hören.

Eine schöne Erfahrung, die jungen Schwimmern die nötige Motivation geben kann, um bis zu den Olympischen Spielen in zwei Jahren das ohnehin schon harte Schwimmtraining noch einmal zu intensivieren, dranzubleiben und an den eigenen Erfolg zu glauben. Eine Erfahrung, die den Schwimmern zeigt, dass sich ihr Einsatz im Training lohnt, auch wenn sie nicht zu Medaillen schwimmen – für den Moment, indem dich die Rufe des Publikums durchs Wasser treiben.

Wer es bei dieser EM zudem in den Endlauf schafft, der darf die ganz große Final-Atmosphäre genießen – und muss seine Nerven im Griff behalten. Denn der Gastgeber inszeniert die Endläufe mit einer dramatischen Show aus Licht und Musik. Die Halle wird abgedunkelt, die Schwimmer werden nach und nach namentlich aufgerufen und laufen durch künstliche Nebelschwaden in die Schwimmarena. Die Spannung ist schon Minuten vor dem Start hoch.

Für deutsche Schwimmer wie Florian Wellbrock, die 17-jährige Celine Rieder oder den 20-jährigen Ramon Klenz eine ganz neue Erfahrung. Selbst für die wenigen Titelfavoriten im deutschen Team, wie Philip Heintz sind die Final-Rennen in Glasgow eine hilfreiche Lehrstunde für die Zukunft. "Wenn ich bei Olympia im Finale stehe, bin ich froh, dass ich diesen Fehler hier gemacht habe“, sagte Heintz, nachdem es nur zu Silber über die 200 Meter Lagen gereicht hatte. Er hatte sich zu viel Druck gemacht.

Dass die Atmosphäre aber auch beflügeln kann, zeigen die deutschen Überraschungs-Erfolge an den ersten Tagen der EM. Zwei Goldmedaillen und zweimal Silber und einmal Bronze haben die DSV-Schwimmer nach fünf Tagen auf dem Konto. Der deutsche Schwimmsport hat ein Lebenszeichen von sich gegeben. Ohne Erwartungen schwimmt es sich offenbar leichter.

Die Leistungen bei der EM reichen aber noch nicht, um gegen die Besten der Welt aus den USA, Australien und China gewinnen zu können. Euphorie ist also fehl am Platz. Die deutschen Schwimmer wissen nun aber wieder, wie es ist, Erfolge zu feiern.

Wie schön es ist, bejubelt zu werden. Das sollte den nötigen Schwung geben, um für Olympia 2020 in Tokio nochmal richtig anzugreifen und alles auf olympisches Edelmetall auszurichten. Jung genug sind diese DSV-Schwimmer ja, um noch in die Weltspitze hinein zu schwimmen.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Deutsche Schwimmer gewinnen EM-Gold

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