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European Championships 2018: Interview mit Martin Sauer, dem Steuermann des Deutschland-Achters.

Interview mit Martin Sauer aus dem Deutschland-Achter : „Ein Steuermann darf nicht lügen“

Mit Martin Sauer rudert der Deutschland-Achter als Deutschland-Neuner. Der Berliner gibt als Steuermann die Kommandos im Vorzeigeboot – und unserer Redaktion mit Blick auf die EM einen Einblick in seinen Job auf dem Wasser.

Martin Sauer ist 1,69 Meter klein, mindestens 55 Kilo leicht und im zehnten Jahr Steuermann des Deutschland-Achters. Was treibt den Berliner an, um wie bei der bevorstehenden EM in Glasgow acht Ruderer vor sich her zu treiben? Bölken die eigentlich auch mal zurück? Und darf ein Steuermann notlügen, wenn es im Rennen mal nicht so läuft? Sauer muss bei solchen Fragen erst einmal durchatmen – nur, um dann in seinen Antworten einen staubtrockenen Humor zu offenbaren.

Was macht für Sie den Mythos Deutschland-Achter aus?

SAUER Ach, man muss sich vorsehen, diesen Mythos immer wieder herauszukramen. Als wir 2012 in London Olympiasieger wurden, habe ich gesagt: Passt auf, in dem Moment, in dem wir die Ziellinie überquert haben, hat die Mythenbildung begonnen. Jetzt werden alle erzählen, wie toll wir sind. Natürlich möchte ich mich mit dem Achter immer wieder aufs Neue in die Liste der großen Erfolge einreihen, aber wenn man noch aktiv im Boot sitzt, hält einen das Gerede vom Mythos nur davon ab, vorwärtszukommen.

Direkt nach der Ziellinie sind Ruderer immer völlig am Ende. Darf sich ein Steuermann da trotzdem mal einen kessen Spruch in Richtung der japsenden Kollegen erlauben?

SAUER Ich hole ja meistens selbst erstmal Luft. Insofern sagt in den Sekunden niemand etwas. Was sollte ich auch erzählen? Eine umgehende Rennanalyse? Die will doch keiner hören, und die würde auch nicht hängenbleiben.

Was sind die drei wichtigsten Fähigkeiten eines Steuermannes?

SAUER Naja, man sollte eine gewisse Charakterfestigkeit. Damit die Sportler, mit denen man arbeitet, sich auf einen einstellen können. Egal, wie dein Charakter also aussieht, er sollte sich zumindest nicht täglich ändern. Da wären wir dann auch bei der Glaubwürdigkeit, die ich genauso wichtig finde. Und schließlich gehört Ehrgeiz dazu – gerade als Steuermann, der ja nicht alles über Kraft steuern kann. Der sollte Ehrgeiz ausstrahlen, so dass die anderen merken, dass er vielleicht sogar noch ehrgeiziger ist als der Rest, auch wenn er eben selbst nicht rudert.

Wenn Glaubwürdigkeit so entscheidend ist, dürfen Sie sich dann im Rennen gar keiner Notlüge bedienen? Selbst nicht zu Motivationszwecken?

SAUER Nein. Man darf das nicht tun. Denn die Mannschaft kriegt ja spätestens nach dem Rennen spitz, das ich mir da auf dem Wasser was ausgedacht habe. Und dann vertrauen dir die Jungs früher oder später nicht mehr. Dabei ist das Vertrauen des Teams zum Steuermann das Wichtigste. Ich habe also bisher noch zu keiner Notlüge gegriffen, und von den Steuermännern, die es gemacht haben, habe ich auch nichts Gutes gehört.

Bölkt ein Ruderer eigentlich auch mal zurück, wenn ihm eines Ihrer Kommandos nicht passt?

SAUER Während des Rennens gibt es keine Rückmeldung, da fehlt den Jungs schlichtweg die Luft. Der Zuschauer kann davon ausgehen, dass bei einem Ruderer spätestens ab der 500-Meter-Marke ziemliche Atemnot herrscht. Wenn sie also etwas stört, dann stört sie das auch bis ins Ziel.

Bekommen Sie denn mit, was die Steuermänner der anderen Boote so an Anweisungen geben?

SAUER Die Kommandos nicht, aber was die Mannschaften machen, auf jeden Fall. Mit einer halbwegs brauchbaren Beobachtungsgabe und ein bisschen Ruhe kann man lernen zu sehen, was die Gegner vorhaben. Das Kommando eines Steuermannes kann man zwar mal falsch deuten, nie aber die Reaktion des Bootes darauf. Aufs Gehör verlasse ich mich gar nicht, ich spreche ja auch schlichtweg nicht jede Fremdsprache.

Wie oft haben Sie schon die Frage beantworten müssen, ob Sie nun eigentlich ganz vorne oder ganz hinten im Boot sitzen?

SAUER Gar nicht mal so oft. Es gibt eine andere Frage, die mich tierisch nervt.

Welche?

SAUER Wieviel dürfen Sie eigentlich essen? Diese Frage nervt mich extrem, weil sie die Arbeit des Steuermanns auf mein Gewicht reduziert. Natürlich sollen Steuerleute leicht sein. Aber es gibt kein Maximalgewicht, es gibt vielmehr ein Mindestgewicht von 55 Kilogramm. Man darf also so schwer sein, wie man will. Und das mit dem Mindestgewicht macht auch Sinn, denn einige Trainer haben, übertrieben gesagt, schon versucht, Fünfjährige 18 Meter lange Boote steuern zu lassen, weil die nur 20 Kilogramm wiegen.

Egal, wie schwer sie sind, Ruderer sind immer draußen auf dem Wasser. In der Sonne. Mit welchem Sonnenschutzfaktor cremen Sie sich ein?

SAUER Das kann schon mal Faktor 50 sein. Auf dem Wasser gibt es eben keinen Schatten. Ich kenne auch keinen Ruderer, der sich nicht eincremt, egal, wie gebräunt er auch sein mag.

Tour-de-France-Profi Simon Geschke hat mal auf die Frage nach einem Radfahrerwitz den erzählt, bei dem die Polizei zwei Vampire auf einem Tandem anhält und sie fragt, ob sie etwas getrunken haben, und die beiden antworten: zwei Radler. Verraten Sie uns zum Schluss also bitte den besten Ruderer-Witz.

SAUER Sorry, aber ich kenne gar keinen. Beim besten Willen nicht. Und da wir die im Achter untereinander auch nicht reißen, sind Ruderer-Witze wahrscheinlich auch nicht weit verbreitet. Vielleicht müsste Rudern einfach populärer werden, damit es sich lohnt, Witze darüber zu machen.