Europaspiele in Minsk: Sportarten, Übertragung, Termine

Europaspiele in Minsk : Festival der Randsportarten

Am Freitag beginnen in Minsk die 2. Europaspiele. Während Ausrichter Weißrussland sein schwer beschädigtes Image polieren will, stehen Sportler aus weniger beachteten Sportarten vor dem Saisonhöhepunkt.

Blitzsaubere Straßen, rot-grüne Fahnen und bunte Werbebanner en masse: Weißrussland will vor den Europaspielen (21. bis 30. Juni) in Minsk sein Image spürbar aufpolieren - die deutsche Politik aber legt vor der Eröffnungsfeier in der letzten Diktatur Europas den Finger in die Wunde. "Zu spürbaren Veränderungen im Land führen die Veranstaltungen nicht. Die Todesstrafe wird bleiben, die Verfolgung von Homosexuellen auch", kritisierte die Sportausschuss-Vorsitzende Dagmar Freitag.

Weißrussland würde Events wie das umstrittene Mini-Olympia lediglich zur "prunkvollen Selbstdarstellung nutzen", sagte die SPD-Politikerin der Funke Mediengruppe und stellte den Wert des Multisport-Events infrage: Schon die Einführung vor vier Jahren in Baku sei "aus sportlicher Sicht völlig überflüssig" gewesen, sagte Freitag.

Letzteres dürfte ein Großteil der 150 deutschen Athletinnen und Athleten vor dem zehntägigen Spektakel in der Millionen-Metropole anders sehen. Für viele von ihnen geht es um die Qualifikation für die Sommerspiele 2020 in Tokio - und einem Teil dienen die Spiele in Weißrussland als Saisonhöhepunkt, stehen sie in Abwesenheit der Elite der olympischen Kernsportarten doch zumindest etwas im Rampenlicht.

"Es wäre schön, wenn wir die Chance ergreifen und uns direkt qualifizieren könnten", sagte Tischtennis-Ass Timo Boll. Dass die Spiele im eng getakteten Terminkalender aller Sportarten weitere Belastung bedeuten und die Olympia-Qualifikation auch an anderer Stelle hätten ausgetragen werden können, ist aber zugleich nicht von der Hand zu weisen.

Nichtsdestotrotz: Ab Freitag geht es in mehr als der Hälfte der 15 Sportarten direkt oder indirekt um Startplätze für Olympia im kommenden Jahr. Im Bogenschießen, Karate, Schießen mit Gewehr, Flinte und Pistole sowie Tischtennis werden Quotenplätze für Tokio vergeben. In der Leichtathletik, im Badminton, Radsport und Judo können Punkte für die Weltrangliste gesammelt werden, die jeweils für die Olympiaqualifikation herangezogen wird. Die deutsche Fahne trägt am Freitag Bogenschützin Lisa Unruh ins Dinamo-Stadion.

Für sie und ihre Bogen- und Schieß-Kollegen sowie die deutschen Radsportler, Judoka und Boxer startete die Reise nach Weißrussland mit einer unangenehmen Überraschung: Viele Gepäckstücke vom Flug aus Frankfurt waren am Mittwochabend offensichtlich auf deutschem Boden geblieben. Dabei drängt die Zeit: Bereits am Samstag werden in sechs Sportarten die ersten Medaillen vergeben. Im Judo und Kanu haben die Wettkämpfe EM-Status.

Schon die Eishockey-WM 2014 oder die Eiskunstlauf-EM in diesem Jahr fanden in Minsk statt, das sich vor der Eröffnungsfeier geradezu aufdringlich herausgeputzt hat. Für Staatspräsident Alexander Lukaschenko, der seit 25 Jahren autoritär regiert, sind die Spiele "zweifellos das wichtigste gesellschaftspolitische Ereignis in der Geschichte des unabhängigen Weißrusslands".

Denis Sidorenko, der weißrussische Botschafter in Deutschland, beziffert die Kosten mit 100 Millionen Euro - viel Geld für ein armes Land, das wirtschaftlich stark von Russland abhängig ist und auch sonst für wenig Gutes steht. Als einziger Staat in Europa vollstreckt Weißrussland die Todesstrafe, Demonstranten werden unterdrückt, Oppositionelle bedroht und Journalisten überwacht. Im Ranking der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Weißrussland den 153. von 180 Plätzen.

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der einen Boykott der Spiele in Person seines Präsidenten Alfons Hörmann im Vorjahr nicht ausgeschlossen hatte, will die Geschehnisse vor Ort genau beobachten und realistisch bewerten. Es wäre "naiv" zu glauben, "dass eine Sportveranstaltung Zustände im Gastgeberland grundsätzlich verändern kann", schrieb Christian Sachs, der Leiter des Hauptstadtbüros des Deutschen Sports in Berlin, in einem Kommentar.

Die Sportausschuss-Vorsitzende Freitag ist skeptisch - auch mit Blick auf die Rolle des DOSB. Von der kritischen Auseinandersetzung der Dachorganisation erwarte sie "wenig bis nichts", sagte sie.

Hier geht es zur Infostrecke: Die Sportarten bei den Europaspielen 2019

(sef/sid)
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