Doping: Was geschah wirklich in der "Schwarzwaldklinik"?

Doping-Gipfel in Freiburg : Was geschah wirklich in der "Schwarzwaldklinik"?

Am Donnerstag kommen die Betroffenen der Doping-Aufklärung an der Universität Freiburg sowie die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin zusammen. Der Umfang des Skandals, der den Fußball und Radsport umfasst, ist kaum abzusehen.

Der womöglich größte Doping-Skandal der westdeutschen Geschichte wird vorerst im ganz kleinen Kreis aufgearbeitet. Wegen des enormen medialen Interesses erteilte die Evaluierungskommission Freiburger Sportmedizin, die sich mit der dunklen Vergangenheit an der dortigen Universität beschäftigt, vorsorglich eine klare Absage: Die Teilnehmer des Doping-Gipfels am Donnerstag haben zunächst "Stillschweigen vereinbart". Wie und in welchem Umfang wirklich im Fußball und Radsport der 70er und 80er Jahre betrogen wurde, sollen zuerst die Betroffenen und dann im Herbst die Öffentlichkeit erfahren.

"Fakten seriös aufarbeiten"

"Natürlich stellen wir auch die Forderung, dass wir mit Fakten konfrontiert und diese seriös aufgearbeitet werden", sagte Rainer Koch, Vizepräsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der mit den Bossen der Bundesligisten SC Freiburg, Fritz Keller, und VfB Stuttgart, Bernd Wahler, mit der Kommission zusammenkommt. "Ich halte es nach wie vor für nicht angebracht, momentan bei dieser Faktenlage groß an die Öffentlichkeit zu gehen", sagte Koch dem Sport-Informations-Dienst (sid). Auch Martin Wolf, Generalsekretär des Bundes Deutscher Radfahrer (BDR), reist nach Freiburg.

Was war passiert? Am 2. März hatte (Noch-)Kommissionsmitglied Andreas Singler mit einer nicht abgesprochenen Vorab-Veröffentlichung der jahrelangen Ermittlungen systematisches Doping im Radsport sowie zumindest teilweise beim VfB und Sportclub mehr als nur angedeutet. Die Ergebnisse, die im Kern wohl zutreffen, waren für die Betroffenen ein Schock.

Weil aber die Kommission in sich und mit dem Auftraggebern der Universität tief zerstritten ist, weiß niemand so recht, wo die Ermittlungen stehen. In Freiburg will die Kommissionsvorsitzende Letizia Paoli Klarheit schaffen. Die renommierte Kriminologin und ihre Kollegen seien "praktisch paralysiert" gewesen vom Alleingang Singlers, sagte Kommissionsmitglied Fritz Sörgel: "In der Kommission rumort es. So sind Wochen verloren gegangen."

Jedes Wort "ist zu viel", man wolle "bloß kein Öl ins Feuer gießen", heißt es aus Kreisen der Kommission zur "Causa Singler". Erst am Wochenende war der eigentlich schon geschlichtete Streit aufs Neue eskaliert. Es ging um Singlers fürstliche Bezahlung als Angestellter der Universität, um erneute Störfeuer von denen, die überhaupt nicht an einer wissenschaftlichen Aufklärung der Doping-Vergangenheit im beschaulichen Breisgau interessiert sind.

Guru mit heilenden Händen und Spritzen

Was sich genau mit wem in der "Schwarzwald-Klinik" der Schlüsselfigur Dr. Armin Klümper abgespielt hat, lässt sich kaum noch rekonstruieren. Der heute längst als Doping-Doktor überführte Mediziner galt als Koryphäe, als Guru mit heilenden Händen und Spritzen. Die Liste der Patienten und früheren Unterstützer ist extrem lang, auf ihr tauchen auch heute noch prominente Namen aus Sport und Politik auf.

Von systematischen Doping wollen die wenigsten etwas gewusst haben. Erst der Tod der Leichtathletin Birgit Dressel, die im Alter von nur 26 Jahren qualvoll an den Folgen der jahrelangen Medikationen gestorben war, schaffte langsam ein neues Bewusstsein. Verurteilt wurde in den späteren Verfahren niemand, aber Klümper geriet ins Abseits.

"Wir geben keine Auskünfte, akzeptieren Sie das bitte. Zwölf Jahre kümmert sich keiner darum, ist doch wurscht, oder?", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" Klümpers Frau bei einem Besuch in Südafrika. Der Doping-Doktor ist abgetaucht.

Ans Licht gekommen sind die Praktiken dennoch, durch die Neu-Auswertung Dutzender Aktenordner der Freiburger Staatsanwaltschaft, die ebenfalls jahrelang ermittelte, die Dopingpraktiken aber völlig außer Acht ließ und Klümper stattdessen wegen Rezeptbetrugs belangte. Singler berichtet unter anderem von Rechnungen, die eindeutige Bestellungen von Dopingmitteln des VfB bestätigen. In jener Zeit spielten viele gestandene Nationalspieler "im Ländle" — stimmen die Vorwürfe, wird der Fußball der 70er und 80er in ein neues, sehr viel schlechteres Licht gerückt.

"Sportmediziner standen und stehen ja untereinander im Kontakt, und man muss davon ausgehen, dass es woanders ähnlich war", sagte Sörgel der "Nürnberger Zeitung": "Nicht zu vergessen die Hoch-Zeit des Captagon-Dopings. Ich gehöre nicht zu denen, die pauschal über den Fußball negativ urteilen, auch nicht über Dunkelziffern spekulieren, aber über Captagon habe ich selbst mit Bundesligaspielern gesprochen, die ehrlich sind. Es wurde sogar mit Alkohol kombiniert."

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(sid)
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