Diagnosticum Mülheim will EMS-Training mit Reizstrom erforschen

EMS-Training: Unter Strom

EMS-Training arbeitet mit Reizstrom. Erforscht ist die Methodik bisher nur unzulänglich. Das will ein Wuppertaler Anbieter zusammen mit dem Diagnosticum Mülheim nun ändern. EMS soll auch in der Physiotherapie helfen.

Bei Rainer Seibel klingelt das Telefon stets in kurzen Abständen. Zuletzt war ein besonderer Anruf darunter. Am anderen Ende der Leitung meldete sich ein gewisser Wladimir Putin. Ja, der Wladimir Putin. Seibel, Geschäftsführer des Radiologischen Versorgungszentrums Diagnosticum in Mülheim, hat sich im Kreml einen Namen gemacht. Er behandelte bereits Boris Jelzin. Was er mit Putin besprochen hat, fällt natürlich unter das Arztgeheimnis. Seibel erzählt das alles, während er auf zwei Computertomographie-Aufnahmen einer Lendenwirbelsäule schaut, die nicht dem russischen Präsidenten gehört. Selbst für einen Laien ist klar zu erkennen: Auf einer Aufnahme sind die Muskelstränge deutlich größer als auf der anderen. Das ist das Resultat einer neuartigen Therapieform mithilfe von Reizstrom. Im Fitnessbereich ist das sogenannte Elektrische-Muskel-Stimulations-Training (EMS) bereits seit längerer Zeit fester Bestandteil und wird immer populärer. Seibel arbeitet nun zusammen mit dem Steinhart Personal Fitness Training aus Wuppertal an der ersten Studie, wie EMS als Mittel zur Physiotherapie genutzt werden kann.

Seit August sind 40 Patienten in Mülheim in Behandlung. Am Ende sollen es bis zu 100 werden. Die ersten Zwischenergebnisse werden Ende Januar erwartet. Die Studie soll bis 2019 laufen. "EMS ist eine neue Möglichkeit einer standardisierten Therapieform", sagt Professor Seibel. Der Ansatz klingt logisch: Gerade ältere oder übergewichtige Patienten z.B. mit Problemen im Halswirbel- oder Lendenwirbelbereich sind bei Bewegungsformen der Krankengymnastik limitiert. Mit EMS, das Muskeln bis zu 70 Mal in der Sekunde zur Kontraktion bringt, sollen wichtige Muskeln nun einfacher gestärkt werden. "Ein verletztes Gelenk wird durch Muskeln viel schneller gesund", sagt Seibel, der im EMS-Selbstversuch in zehn Wochen 30 Prozent Muskelzuwachs erreicht hat.

Steinhart Personal Fitness Training wirbt im Gegensatz zu EMS-Studioketten wie Bodystreet oder Terra Sports mit speziell ausgebildeten Personal Trainern und zwei zusätzlichen Leistungen: EMS-Therapie und Hausbesuche. Zwischen 35 und 65 Euro kostet es, wenn Steinharts Trainer mit dem Ganzkörperanzug und dem Impulsgeber zu den Abonnenten nach Hause kommen. "Die Trainer sind ganz entscheidend. Damit steht und fällt die Effizienz", sagt Geschäftsführer Stefan Steinhart. Er und sein Geschäftsführerkollege Manfred Kiel hoffen darauf, dass die Studie dazu führt, dass Krankenkassen EMS in ein paar Jahren als erfolgreiche Therapiemethode per Krankenschein akzeptieren.

Zudem soll die Studie generelle Bedenken gegenüber EMS ausräumen. Eine ältere Studie der Sporthochschule Köln zeigt, dass die sogenannten Creatin-Kinase-Werte (CK) beim EMS-Training bis zu 18 Mal höher sind als bei konventionellem Training. Das spricht zwar für die Effektivität des Trainings - da der Körper den Stoff aber über die Nieren abbaut, kann es bei so stark erhöhten CK-Werten auf Dauer zu Nierenschäden kommen. Die Studie stellt aber auch fest: Ein bis maximal zwei Mal pro Woche mit guter Anleitung ist ein EMS-Training für Gesunde unbedenklich. Steinhart und sein Team plädieren ebenfalls für nur eine Einheit pro Woche.

Während die Studie zur Therapie andauert, wird EMS-Training immer häufiger auch im Leistungssport genutzt. "Wir arbeiten neuerdings mit dem Fußball-Regionalligisten Wuppertaler SV zusammen", sagt Steinhart. Vielleicht demnächst ja auch mit dem russischen Präsidenten.

(erer)