Deutschland und Israel: 1963 reisten die ersten Diplomaten in kurzen Hosen von Köln nach Israel

Sportaustausch mit Israel : Diplomaten in kurzen Hosen

Mit keinem anderen Land pflegt Israel einen derart guten Sportaustausch wie mit Deutschland. Pionierarbeit leistete vor 55 Jahren eine Gruppe junger Sportstudenten. Sporthistoriker Manfred Lämmer (75) war dabei und erklärt, wie Sport Brücken baut.

Am 27. Februar 1963 machen sich 28 junge Sportstudenten und Dozenten aus Köln auf den Weg nach Israel. Mit einem Hebräisch-Kurs, zwölf Vorträgen über die Geschichte Israels und israelischen Volkstanz-Abenden haben sie sich penibel vorbereitet. Trotz der Einladung aus Israel aber ist es eine Reise ins Ungewisse: Würden die Deutschen wegen des großen Leids, das dem jüdischen Volk unter dem NS-Regime zugefügt worden war, auf Ablehnung stoßen? Auf Hass oder Boykott? “Wir waren gut vorbereitet, aber durchaus aufgeregt”, erinnert sich Manfred Lämmer. Als damals 20 Jahre alter Student nahm er an der Reise teil.

Zwölf Stunden kräftezehrender Anreise vergingen bis zur Ankunft im israelischen Sportzentrum „Wingate Institut“ in Netanya. Dort angekommen, sollten sich alle Zweifel als unnötig herausstellen. Mehr noch: Die Reiseteilnehmer aus Köln begannen als „Diplomaten in kurzen Hosen“ ein neues Kapitel der Geschichte beider Staaten auf der Ebene des Sports - und das zwei Jahre, bevor Deutschland und Israel auf politischer Ebene diplomatische Beziehungen aufnehmen sollten.

55 Jahre sind seither vergangen. Und Manfred Lämmer (75), emeritierter Professor der Deutschen Sporthochschule, hat sich in dieser Zeit um den Brückenbau zwischen Deutschland und Israel verdient gemacht. Doch Lämmer hadert auch, wenn er zurückblickt, weil die engen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel allzu oft der „hohen Politik“ zugeschrieben werden, wie er sagt, „die Rolle des Sports bleibt meist unerwähnt“.

Vor allem das ist sein Thema an diesem Novemberabend in Frankfurt.

Rund 150 Gäste aus Deutschland, Israel und den USA sind gekommen, um die Verleihung der Ehrenmedaille durch den jüdischen Verein „B'nai Brith – Frankfurt Schönstädt Loge“ (vergleichbar mit einem Lions-Club) mit Lämmer zu feiern. „Diese Ehrung ist ein Ausdruck der Anerkennung seiner tiefen, ehrlichen und unerschütterlichen Verbundenheit mit dem Staat Israel, ebenso wie seines besonderen Einsatzes für die deutsch-israelischen Beziehungen“, sagt die Laudatorin. Es ist keine Geringere als das langjährige Gesicht des Judentums in Deutschland: Charlotte Knobloch, bis 2010 Präsidentin des Zentralrats der Juden, überreicht dem Sporthistoriker den Ehrenpreis. „Manfred Lämmer erkannte, dass insbesondere Sport es vermag, Menschen unabhängig von ihrer Herkunft zusammenzubringen und zu begeistern.“

Lämmer lässt in seiner Dankesrede die Zeit seit 1963 Revue passieren. Die israelische Politik sei zu Beginn der 1960er Jahre noch kein politischer Streitpunkt in Deutschland gewesen. “Damals drang der Prozess gegen Adolf Eichmann nach Deutschland. Es war aber mehr eine Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit.“ Er selbst kam als 19-Jähriger an die Sport-Universität und traf Studenten aus aller Welt. Auch Matityahu Kranz war dabei, der erste Israeli an der Sporthochschule. Eher zufällig fiel Lämmer die Organisation der Reise gemeinsam mit Kranz zu. Die große Bedeutung, die das Nationale Olympische Komitee für Deutschland jener Reise zusprach, wurde auch in verschiedenen Ministerien erkannt: Das Bundesministerium des Innern, das Auswärtige Amt sowie das Arbeits- und Sozialministerium NRW beteiligten sich an der Finanzierung. „Der unerwartet herzliche Empfang, den wir, die Deutschen, damals in Netanya erleben durften, wird mir unvergesslich bleiben“, sagt Lämmer. Auf Sonnenschein und offene Herzen trafen sie nach der Landung in Tel Aviv und der knapp einstündigen Fahrt in die Küstenstadt.

Angetrieben von der Neugierde auf das Gegenüber, genossen die jungen Leute das Miteinander beim Sport und abseits dessen. Die Kölner feierten schon kurz nach ihrer Ankunft beim Purim-Fest ausgelassen mit den israelischen Altersgenossen. Freundschaften entstanden. Umso schwerer fiel der Abschied nach 17 Tagen. Für viele war es ein Abschied, ein “Lehitraot!” auf Zeit: Freundschaften und sogar zwei deutsch-israelische Ehen entstanden. Die Sporthochschule Köln ging 1971 eine Partnerschaft mit dem “Wingate Institut” ein, innerhalb derer auch heute noch Austausch besteht.

„Das Begriffspaar ,Sport und Politik' löst heute vorwiegend negative Assoziationen aus”, gibt Lämmer zu Bedenken. Dreimal mussten Olympische Spiele wegen der Weltkriege ausfallen, und 1972 wurde das olympische Fest selbst zur Zielscheibe des Terrors, als in München ein Anschlag auf das israelische Team verübt wurde. Dabei hatten vor den Spielen 1972 israelische Spitzensportler in Deutschland ihr Trainingslager bezogen, und deutsche Top-Athleten (unter anderem Heide Rosendahl) hatten sich in Israel vorbereitet. Die Kontakte, die auf zwischenmenschlicher Basis entstanden waren, rissen dennoch nicht ab.

Der Fußball hatte da ebenfalls bereits seinen Beitrag für das Miteinander geleistet. Israelis kamen an die DFB-Trainerakademie in Köln. 1969 reiste die SpVgg Bayern Hof als erstes deutsches Fußball-Team nach Israel. Und Aufsehen erregte der Bundesligist Borussia Mönchengladbach, als er im Februar 1970 sein erstes Freundschaftsspiel in Tel Aviv bestritt. Die ganze Nacht lang wurde die Elf vom Niederrhein nach ihrem 6:0-Sieg noch von den Israelis gefeiert. Die Borussia kehrte regelmäßig zurück: Insgesamt 27 Spiele absolvierte sie in Israel. Antreiber waren Klub-Legende Hennes Weisweiler und Emanuel Schaffer, einer der ersten jüdischen Absolventen der Trainerakademie in Köln. Mit Schaffer als Nationaltrainer hatte sich das israelische Nationalteam 1970 zum ersten und bislang einzigen Mal für eine Fußball-WM-Endrunde qualifiziert. Die positiven Folgen des Engagements sind weiterhin sichtbar: 2008 begründete der DFB die Tradition, dass jährlich eine U18-Auswahl zu einem Turnier nach Israel reist. Mehr als 150 Jugendspieler haben bislang teilgenommen.

Es war auch 2008, als Lothar Matthäus Trainer bei Maccabi Netanya wurde. Und im August 2018 stellte der israelische Fußballverband Andreas Herzog als Nationaltrainer ein. All das sind Früchte einer Saat, die lange zuvor gelegt wurde.

Die Ehrung, so formuliert es Lämmer an diesem Abend, sei ihm „Ermutigung und Verpflichtung“ zugleich. Er ist nach wie vor der tiefen Überzeugung, dass der Sport Brücken über Grenzen hinweg bauen kann. „Wir dürfen uns nicht selbstzufrieden zurücklehnen. Wir sind in eine neue Phase eingetreten, die uns vor neue Herausforderungen stellt und neue Initiativen erfordert.“ Lämmer spricht über Antisemitismus in Deutschland und erklärt, dass sich der Sport wieder auf seine Werte besinnen müsse. Er selbst will weiter seinen Teil dazu beitragen - trotz der schon jetzt mehr als 250 Publikationen, der zahlreichen Auszeichnungen und Ämter, unter anderem als Vorstandsmitglied der Deutschen Olympischen Akademie und Vorsitzender des 2018 neu gegründeten Dachverbands „European Olympic Academies“. Lämmer arbeitet an einem Forum, das eine neue Generation von „Diplomaten in kurzen Hosen“ zum Kennenlernen ermutigen soll.

Ganz im Sinne des Vereins „B'nai Brith“, dessen Mitglieder seit 130 Jahren einen Beitrag zum Gelingen der Gesellschaft als Ganzes leisten wollen. Vereinspräsident Ralph Hofmann hob bei der Vergabe der Goldmedaille hervor, wie wichtig Engagement dabei ist: „Menschen wie Manfred Lämmer sind schwer zu finden. Und wenn man sie einmal hat, sind sie so gut wie nicht zu ersetzen.“

Oft genug haben Deutsche und Israelis politischen und gesellschaftlichen Krisen getrotzt und den Austausch gesucht. Der Sport zeigte seine heilenden Kräfte am eindrücklichsten im Sommer 1972: „Nur zwei Wochen nach der Ermordung der israelischen Sportler bei den Spielen in München”, sagt Lämmer, “reiste wieder eine Gruppe der Sporthochschule an das Wingate-Institut.” Die Antwort auf den Terror war eine noch engere Zusammenarbeit.

(ball)