Darts-WM 2018: König Phil Taylor im Ally Pally von Rob Cross gestürzt

Cross entzaubert Darts-Legende Taylor: Der König ist tot, lang lebe der König

Die großartige Karriere von Phil Taylor endet mit einer Niederlage. Ohne Bitterkeit dankt der König des Dartssports ab und übergibt das Zepter an einen jungen Nachfolger, der aus dem Nichts in die Weltspitze gestürmt ist.

Seinen Abschiedssong hätte Phil Taylor kaum passender wählen können. Der Rekordweltmeister hatte sich gewünscht, mit "Viva La Vida" von Coldplay abzutreten. In dem Song besingt Chris Martin das Schicksal eines gestürzten Königs. "Einst beherrschte ich die Welt", heißt es dort, oder auch: "Der alte König ist tot, lang lebe der König!"

Die Ära Phil Taylor ist seit Montagabend beendet. In seinem letzten Match auf der großen Dartsbühne musste sich der 57-Jährige einem 30 Jahre jüngeren Kontrahenten geschlagen geben - und das deutlich. Im Endspiel im Londoner Alexandra Palace unterlag Taylor dem Newcomer Rob Cross mit 2:7. Damit tritt Taylor, der in seiner fast 30-jährigen Karriere umgerechnet 8,1 Millionen Euro Preisgeld verdient hat, mit 83 Major-Siegen ab. Für Cross war es der erste große Titel bei einem Turnier der höchsten Kategorie der Professional Darts Corporation (PDC).

Wer Taylor über die Jahre verfolgt hat, kann sich vorstellen, dass es ihm besonders eine Textzeile im Coldplay-Klassiker angetan hat, zu dem er nun auf der Bühne des "Ally Pally" tanzte, während auf einer Leinwand seine größten Momente gezeigt wurden: "Einst bestimmte ich über das Schicksal, spürte die Angst in den Augen meiner Feinde." Jahrzentelang hatte Taylor die Dartsszene geprägt wie kein Zweiter, seine Gegner in Angst und Schrecken versetzt. An dem zähen, ehrgeizigen Engländer bissen sich die Kontrahenten reihenweise die Zähne aus. Taylor war für seine spielerische Klasse, für seine Coolness in entscheidenden Momenten und für seine Psycho-Tricks gefürchtet. Nicht wenige Matches hatte Taylor gefühlt schon beim Walk-On gewonnen.

Am Neujahrsabend war beim Gegner von Furcht aber nichts zu spüren. Im Gegenteil. Rob Cross spielte in seinem ersten WM-Finale, als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht. Er hielt ein konstant hohes Niveau, leistete sich fast keine Fehler und ließ Taylor keine Chance. "Das ist die beste Leistung eines Dartsspielers, die ich je gesehen habe", twitterte Fußballer Toni Kroos beeindruckt. Der Profi von Real Madrid ist bekennender Dartsfan.

Erst, als er seinen letzten Dart in der Doppel-16 versenkt hatte, wurde Cross offenbar bewusst, dass er gerade den großen Phil Taylor in den Ruhestand verabschiedet hatte. Cross traute sich kaum, zu jubeln. Fast ehrfürchtig umarmte er seinen Gegner, ließ Taylor seinen letzten Moment im Rampenlicht voll auskosten. Dabei war dieses Endspiel auch für Cross alles andere als Routine. Der Engländer war 2017 fast aus dem Nichts gekommen, hatte sich schnell in der Weltrangliste nach oben gespielt. Dass er bei seiner ersten PDC-WM so auftrumpfen würde, damit hatte aber wohl auch er selbst nicht gerechnet.

Noch bis März 2016 war Cross Amateur, spielte in Kneipen um Preisgelder, mit denen man noch nicht mal abends den Deckel bezahlen konnte. Die WM im vergangen Jahr verfolgte er von der heimischen Couch aus. "Phil hat 1990 das erste Mal gewonnen, da bin ich geboren", sagte Cross bei "Sport1": "Er hat so viel für diesen Sport getan, ich hoffe er tritt zufrieden zurück."

Dieser Wunsch schien sich zu erfüllen. Taylor wirkte nach der Niederlage aufgeräumt, von Enttäuschung war wenig zu spüren. Ohne Bitterkeit räumte er ein, er habe einfach "nicht mehr die Energie, einen Mann wie Rob Cross zu schlagen."

Gelernter Elektriker kann jetzt bestens vom Dartssport leben

Der 27 Jahre alte Cross, ein gelernter Elektriker, erhält für den Triumph bei seinem WM-Debüt neben der Sid-Waddell-Trophäe einen Siegerscheck über umgerechnet 450.000 Euro. Zudem wird er erstmals an der Premier League teilnehmen, einer Art Showliga der besten Dartsspieler der Welt. Auch dabei gibt es viel Geld zu verdienen. Der Schritt zum Profi hat sich für den dreifachen Familienvater also schon jetzt voll ausgezahlt. Seine Familie bezeichnet er als seine größte Motivation: "Sie sind mein Antrieb. Sie sind alles, was ich brauche."

Taylor wird sich nach seinem Karriere-Ende eine zweiwöchige Auszeit in Australien nehmen. Von einem gemütlichen Rentnerleben kann aber vorerst keine Rede sein. 2018 wird der 16-malige Weltmeister 180 Showmatches bestreiten. Ein Zurück auf die Wettkampfbühne wird es aber nicht geben. "Es war eine fantastische Karriere. Barry Hearn hat mich gefragt, ob ich noch weitermache, aber es reicht", sagte Taylor nach dem Endspiel in London.

Dank Cross müssen sich die Engländer keine Sorgen machen, dass ihnen Niederländer und Schotten gänzlich den Rang ablaufen. Taylor prophezeite seinem Landsmann eine große Laufbahn. "30 Jahre lang war das hier mein Leben, und nun startet seine Karriere. Ich sehe bei ihm viele Parallelen zu mir, er opfert sich für diesen Sport. Die Konkurrenz wird mit ihm ein großes Problem haben. Ich mag ihn sehr gerne", sagte Taylor. England hat einen neuen König - zumindest auf der Dartsbühne.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Taylor verliert Finale gegen Cross

(areh)