CHIO 2018: Deutschlands junge Wilde im Nationenpreis

CHIO in Aachen : Das neue Deutschland

Die großen Konstanten der vergangenen Jahre sind nicht mehr da, das deutsche Springreiten durchlebt einen Umbruch. Einen, der Erfolge jedoch nicht ausschließen soll. Wie am Donnerstag beim Nationenpreis des CHIO in Aachen.

Wie schnelllebig der Reitsport sein kann, lässt sich in diesen Tagen des CHIO am besten mit Blick auf den Nationenpreis der Springreiter am Donnerstag verdeutlichen. Bis vor zwei Jahren musste Bundestrainer Otto Becker verlässlich die leidige Frage beantworten, warum die Deutschen seit seinem Amtsantritt 2009 stets leer ausgegangenen waren. Nun hat sein Team die Chance, den dritten Sieg in Serie hinzulegen. Doch es ist eben ein Team, das sich im vielleicht größten Umbruch der vergangenen Jahre befindet. Das neue Deutschland, quasi. „Wir haben auch heute gute Paare, aber ihnen fehlt eben noch die Erfahrung in einem Championat“, sagte Becker unserer Redaktion. Und so ist es auch für den 59-Jährigen die vielleicht herausforderndste Saison. Eine, in der er und seine Schützlinge einen Spagat hinbekommen müssen: Ergebnisse liefern einerseits, Erfahrung sammeln andererseits.

Rückblick: Die deutsche Equipe, die bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 in der Gluthitze von Deodoro im nervenaufreibenden Stechen gegen Kanada Bronze holte, besaß einen Altersschnitt von 43,2 Jahren. Christian Ahlmann, Ludger Beerbaum, Meredith Michaels-Beerbaum und Marcus Ehning – das waren über Jahre bewährte Vorreiter. Daniel Deußer war mit 35 Jahren das Nesthäkchen. Für den diesjährigen Nationenpreis des CHIO nominierte Becker ein Quintett, das im Schnitt zehn Jahre jünger ist, als das Rio-Team. „Die Situation, die sich nach Rio ergeben hat, kannten wir im Trainerteam ja so auch nicht“, gibt Becker zu. „Auf die erfahrene Truppe aus Rio können wir nicht mehr zurückgreifen. Aber wir haben das Glück, dass die jungen Leute gut sind und aktuell auch gute Pferde zur Verfügung haben.“

Nun, da Beerbaum, Michaels-Beerbaum, Ahlmann und Deußer alle aus verschiedenen Gründen nicht fürs Team zur Verfügung stehen, setzt die Reiterliche Vereinigung in Aachen zwar noch auf zwei Routiniers in Ehning (44 Jahre alt) und Hans-Dieter Dreher (46), aber eben auch auf drei im Reiter-Kontext blutjunge Talente mit Laura Klaphake (24), Maurice Tebbel (24) und Simone Blum (29). „Es macht großen Spaß, mit den jungen Leuten zu arbeiten“, sagt Becker, „Und der CHIO ist perfekt, um Erfahrung zu sammeln. Der Nationenpreis am Donnerstagabend und der Große Preis am Sonntag – das sind doch Gänsehautmomente für jeden Reiter.“

Gerade für dieses Trio – wie auch für Philipp Weishaupt (32), der in diesem Jahr den Schwerpunkt auf den Rolex Grand Prix legt – ist die geballte Abwesenheit der Arrivierten wie ein Sechser im Lotto, eine Chance, mit der so nicht zu rechnen war. Als unsere Redaktion Tebbel junior Ende 2016 zu Hause in Emsbüren besuchte, sagte dieser noch: „Jeder junge Reiter träumt davon, einmal bei Olympia oder bei einem Championat reiten zu dürfen. Aber es gibt so viele gute Reiter. Und die werden ja auch nicht weniger.“ Doch sie wurden weniger, und Tebbel ist deswegen mittendrin. Mit Chaccos´ Son war er schon im Vorjahr Teil der in Aachen siegreichen Equipe. Und er durfte bei der EM in Göteborg ran, wo das Team indes nur fünfter wurde. Die EM-Erfahrung teilt Tebbel mit Laura Klaphake. Sie überzeugte erst unlängst mit Catch me if you can beim Nationenpreis von Rotterdam, wo die Deutschen zweite wurden.

Simone Blum, deren Stute Alice mancher Experte für das Pferd mit dem international höchsten Marktwert hält, komplettiert das Trio der jungen Wilden, das in den Vordergrund drängen und sich dort dann auch festsetzen will. Alice war im Frühjahr zwar verletzt, aber zuletzt ließ das Paar mit dem Sieg beim Großen Preis von Arnheim wieder aufhorchen.

Die Hoffnung auf das Triple im vollbesetzten Aachener Rund am Donnerstagabend ist also da. Auch bei Becker. Denn bei allen Erfahrungswerten, die sein junges Team aufsaugen soll, geht es eben auch um Ergebnisse. Da macht der Bundestrainer keinen Hehl daraus. Vor allem auch nicht mit Blick auf die Weltreiterspiele in Tryon/USA im September, für die Aachen die Generalprobe darstellt. „Wir waren auch in der Vergangenheit immer darauf erpicht, junge Leute einzubauen. Aber zur EM, zur WM und zu Olympia fahren die Besten. Da geht es um Medaillen, nicht darum, Erfahrung zu sammeln. Das wird auch in diesem Jahr so sein. Unser Ziel bei der WM im September ist ganz klar eine Medaille“, sagt Becker. Denn auch er weiß: So schnelllebig der Reitsport auch sein kann, Edelmetall bleibt in jedem Fall in Erinnerung.

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