Balve 2019: Dorothee Schneider besiegt Isabell Werth im Grand Prix Special

Dressurreiterin Dorothee Schneider : Aus Isabell Werths Schatten ins Rampenlicht

Weil die beste Reiterin der Welt patzt, wird Dorothee Schneider Deutsche Meisterin. Ein emotionaler Erfolg für die 50-Jährige.

Den Ritt ihrer ärgsten Konkurrentin Isabell Werth hatte Dorothee Schneider gar nicht gesehen. Sie war zu der Zeit mit ihrem Hannoveraner Wallach „Showtime“ bei der Dopingprobe. Und wer Isabell Werth als ärgste Konkurrentin hat, macht sich in der Regel auch wenig Hoffnung, eine Dressurprüfung gewinnen zu können. So sind eben die Erfahrungswerte. Doch an diesem Samstag im sauerländischen Balve ist alles etwas anders. Als Dorothee Schneider auf den Abreiteplatz zurückkommt, eilt ihr die Kunde entgegen, Werth habe sich verritten. Sie, Schneider, sei die Deutsche Meisterin im Grand Prix Special. Erst da bricht sich bei der Berufsreiterin aus dem rheinhessischen Framersheim die Freude Bahn.

„Dass ich hier heute Deutsche Meisterin geworden bin, hätte ich mir nicht zu träumen gewagt“, sagt Schneider und kämpft mit den Tränen. „Ich reite das Pferd, seitdem es drei ist. Das ist für mich heute hochemotional.“ Und dann sagt sie noch etwas, das sinnbildlich dafür steht, wie groß der Schatten der Erfolge von Isabell Werth für die anderen deutschen Dressurreiter ausfällt, und wie selten jemand aus ihm heraustreten kann. „Ich glaube, wir waren trotzdem gut“, sagt Schneider – trotz des Fehlers der Überreiterin (im Übrigen zur Titelmelodie von „Game of Thrones“). Es fehlt nicht viel, und Schneider hätte sich womöglich noch dafür entschuldigt, dass sie mal gewonnen hat. „Wer mich kennt, weiß, dass ich selbstkritisch durch die Gegend laufe“, sagt sie. Es ist ihr zweiter Deutscher Meistertitel nach dem in der Kür 2016. „Es kann auch mal anders herum laufen. Verreiten passiert einfach mal, das braucht man nicht so hoch aufzuhängen. Aber es ist eben teuer“, sagt Bundestrainerin Monica Theodorescu zu Werths Fauxpas, auf Bella Rose einen Zweierwechsel statt einer Galopp-Traversalen geritten zu haben. „Es tut mir leid, dass ich der Stute heute nicht gerecht geworden bin. Bis Aachen muss ich meine Gehirnzellen soweit rekultiviert haben, um die Wege zu finden. Heute war ich einfach nicht gut genug“, sagt Werth.

Dorothee Schneider ist 50 Jahre alt, Isabell Werth wird es im Juli. Beide holten 2016 zusammen Olympiagold, 2017 EM-Gold und 2018 WM-Gold – alles mit der Mannschaft. Beide sind seit Jahren Teamkollegen in der konstant besten Dressur-Equipe der Welt. Aber wenn es um die großen Einzelerfolge geht, lässt Isabell Werth in der Regel eben kein Rampenlicht für andere übrig. Die Rheinbergerin ist mit zehn olympischen Medaillen, sechs davon in Gold, die erfolgreichste Reiterin der Welt. Sie steht mit ihren vier Top-Pferden auf den Plätzen 1,2, 6 und 16 der Weltrangliste. Und am Sonntag, in der Kür, holt sie sich ihren 15. Deutschen Meistertitel.

Doch am Samstag stand eben Dorothee Schneider im Mittelpunkt. Und weil die Frau mit dem markanten Lidschatten da nicht besonders gerne steht, reicht sie die Lobeshymnen direkt an ihr Pferd weiter. An Showtime. Denn für die Reiterin ist der Sieg auch deshalb so besonders, weil der 13-Jährige mehr als ein halbes Jahr verletzt ausgefallen war und die WM im Vorjahr verpasst hatte. „Er hat es einfach so verdient, dass er wieder da ist, wo er hingehört. Er kriegt jetzt erst mal einen Haufen Möhren. Ich könnte ihn knutschen“, sagte Schneider. Verändert habe sich Showtime durch die längere Ausfallzeit nicht. „Er ist derselbe geblieben, aber er ist reifer und erfahrener“, sagt sie.

Der Meistertitel von Balve beschert Schneider Rückenwind für die Saison. Die Deutsche Meisterschaft war der erste Sichtungstermin für die EM in Rotterdam Ende August. Die zweite Sichtung findet beim CHIO in Aachen Mitte Juli statt. Dort wird Schneider auch den Nationenpreis reiten – im Team mit Jessica von Bredow-Werndl (Dalera), Helen Langehanenberg (Damsey) sowie – natürlich – Isabell Werth (Bella Rose). „Ich will Aachen genießen“, sagte Schneider. Wer Isabell Werth zur Kontrahentin hat, lernt, die Momente des individuellen Erfolges auszukosten. Sie sind halt nicht so häufig.

Sönke Rothenberger hat Isabell Werth im Vorjahr in Balve schlagen können. Doch diesmal musste der 24-Jährige mit seinem Vorzeigepferd Cosmo schon vor der ersten Prüfung wieder abreisen, weil dieses Symptomen einer Kolik angezeigt hatte. Ohne Rothenberger bleibt auf nationaler Ebene damit nur das Duo Schneider/Showtime, das Werth in einer Prüfung hinter sich lassen könnte. Kristina Bröring-Sprehe (32), der Shootingstar der vergangenen Jahre, erwartet ein Kind. Jessica von Bredow-Werndl (33), im Grand Prix Special von Balve, dritte, fehlt noch der große Einzelerfolg.

Dorothee Schneider hat seit Samstag einen Einzeltitel mehr.

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