Schach-WM: Anand - das populäre Genie

Schach-WM: Anand - das populäre Genie

Bonn (RP). Viswanathan Anand ist nach sechs Partien bei der Schach-WM in Bonn auf dem besten Weg zur Titelverteidigung. Abseits des Brettes präsentiert sich der Inder als bescheidene Frohnatur, als Wohltäter und Hobby-Astronom.

Es ist der 16. Juli 2005. In Chennai, der indischen Millionenstadt am Golf von Bengalen, die früher Madras hieß. Im Saal des Traders Hotels herrscht dichtes Gedränge. An langen Tischreihen sind 72 Schachbretter auf weißen Decken aufgebaut. In einer Ecke stehen zehn Computer.

Der Star des Tages spielt überall gleichzeitig - traditionell und online. Viswanathan Anand, den alle nur "Vishi" nennen, Volksheld und Schachgenie in einer Person, sammelt Spenden für die Organisation "Vidya Sagar", die sich für Kinder mit Kinderlähmung einsetzt. Mehr als 10000 Euro kommen an diesem Nachmittag zusammen. Anand strahlt.

Momentan sitzt der 38-Jährige eine halbe Weltreise westlich von Chennai. Bonn statt Bengalen. Hier, in der Bundeskunsthalle, spielt er gegen den Russen Wladimir Kramnik. Es geht um 1,5 Millionen Euro, um die Weltmeisterschaft und die Genugtuung, den langjährigen Rivalen doch noch mit einem unbekannten Zusammenspiel von Gehirnzellen überraschen zu können.

Anand strahlt oft in diesen Tagen, im blauen Licht der Bühne, das keine Schatten auf die Figuren wirft. Es läuft gut. Anand entscheidet auch die sechste Partie nach 47 Zügen für sich. Damit führt er in der Gesamtwertung mit 4,5:1,5. Schon zweimal gewann er mit den schwarzen Figuren (siehe Grafiken). Eine Rarität in der Weltspitze. "Schwarz stand sehr bequem, ich hatte nichts Besonderes", sagte er nach dem ersten Erfolg. Prahlerei liegt Anand nicht.

In seiner indischen Heimat verehren ihn die Menschen. Hunderttausende pilgern seinetwegen in die Schachschulen, die er fördert. Sein Ziel sind eine Million. Anand ist Brahmane, gehört der höchsten sozialen Kaste an. Er besitzt fast alle zivilen Verdienstorden und war 2007 indischer Sportler des Jahres. Nur Cricket-Spieler Sachin Tendukar ist noch populärer.

Das Schachspielen erlernte er als Sechsjähriger von seiner Mutter. Später gewann er alle bedeutenden Nachwuchstitel. 1995 forderte er Weltmeister Garri Kasparow im New Yorker World Trade Center heraus - und verlor. Die impulsive Art des Russen habe ihn verunsichert, sagten Beobachter. 2000 holte er sich in Teheran seinen ersten WM-Titel. Experten sehen ihn ihm den gedanklich schnellsten Spieler der Welt.

Sein Sport hat ihn herumgeführt. 50 Länder hat er mittlerweile bereist, er spricht fließend deutsch und spanisch. 1991 kaufte er ein Haus auf der Iberischen Halbinsel, ist fünf Monate im Jahr dort. Manchmal geht er nachts vor die Tür und beobachtet die Sterne. Zwei Monate wohnt er in Bad Soden im Taunus. Er spielt für den OSC Baden-Baden in der Bundesliga. Über seine Taktik verrät er wenig. Nur so viel: "Ich achte auf die Atmung meines Gegners. Sie sagt viel aus. Und ich informiere mich über ihn. Wenn er Ärger mit seiner Frau hat, ist er vielleicht unkonzentriert." Stress mit seiner Frau Aruna, mit der er seit 1996 verheiratet ist und die in managt, ist nicht überliefert. Sie sagt über ihren Mann: "Als ich ihn das erste Mal traf, konnte ich nicht glauben, dass jemand so berühmt und doch so einfach sein konnte."

(RP)
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