Analyse: Zuhause - mehr als ein Ort

Analyse : Zuhause - mehr als ein Ort

essay Menschen wird heute Flexibiltät abverlangt. Sie haben einen bewegten Alltag, reisen viel, sind immer auf dem Sprung. Das macht es schwer, Bindungen einzugehen, sich zugehörig zu fühlen und sesshaft zu werden.

Wer eine Zeitlang viel gereist ist, sich in fremden Städten bewegt und Hotelzimmer bezogen hat, die Komfort bieten, aber keine Spuren ihrer Bewohner tragen, keine Bruchstücke von Identität, der kennt diese Sehnsucht nach einem Ort, der vertraut ist. Der Verlässlichkeit und Kontinuität ausstrahlt. Nach einem Zuhause.

Das ist etwas Anderes als Heimat. Dieser erdenschwere Begriff hat mit Herkunft zu tun, mit familiären Wurzeln, Prägung, Geschichten, die weit über das eigene Leben hinausreichen. Mit den Geschicken der Zeit. Heimat kann man an einem Ort finden oder bei Menschen - immer ist der Begriff größer als das Selbst. Das macht ihn auch anfällig für Missbrauch.

Das Zuhause dagegen ist etwas Kleineres, Individuelles. Es hat mit der Geborgenheit zu tun, die ein Einzelner sich schafft, an einem Ort oder in einer Gemeinschaft. Das Zuhause ist ein Gefühl des Angekommenseins und der Zugehörigkeit, ein Mittel gegen die Beliebigkeit, die Unbehaustheit, den coolen Flow unserer Zeit. Wenn Heimat das Gegenteil von Fremde ist, dann ist Zuhause das Gegenteil von Entfremdung.

In hochmobilen Zeiten, da Menschen oft wie auf dem Sprung leben, unverbindlich selbst in den eigenen vier Wänden, kann es allerdings sein, dass sie das Zuhause-Gefühl verlieren - zu Hause. Denn das ist keine Frage des Besitzes, der Einrichtung, des gemütlichen Landhaus-Stils, sondern der Gabe, sesshaft zu werden. Und damit auch des Willens, sich festzulegen.

Viele Menschen besitzen zwar eine Wohnung, in die sie von ihren Dienstreisen zurückkehren. Oder ein Haus, in dem sie abends von all den Meetings und Begegnungen des Tages Abstand nehmen, ein Glas Rotwein trinken, eine Serie schauen. Und sie richten das alles nach ihrem Geschmack ein, bestücken es mit Erinnerungsdingen von gestern, Statussymbolen von heute, und das ergibt eine Mixtur, in der sich der Typus der Bewohner abzeichnet. Pragmatiker, Romantiker, Minimalisten, Verzierer. Doch das sind Äußerlichkeiten.

Ob sich in einem Heim für die Bewohner ein Zuhausegefühl einstellt, hat mit etwas anderem zu tun: mit der Bereitschaft, sich innerlich an diesen Ort zu binden; Wurzeln zu treiben - und damit ein Stück Flexibilität, ein wenig gepflegtes Nomadentum aufzugeben. Und sei die moderne Ungebundenheit noch so hip. Man kann die Selbstverankerung also auch in provisorischen Bleiben betreiben, man braucht zum Zuhausesein kein Eigenheim. Aber man benötigt die innere Bereitschaft, Bindungen einzugehen und Beliebigkeiten aus dem Leben zu tilgen.

Viele kennen das Zuhause-Gefühl aus ihrer Kindheit. Das ist die Zeit, in der fast alles gegeben und verbindlich erscheint. Das Zuhause aus Kindertagen ist das Reich der Familie, in dem das Kind seinen festen Platz hat. Ein Ort, an dem es erwartet wird, wenn es draußen dunkelt. Das Zuhause der Kindheit verheißt Sicherheit und Rückzug. Manchmal ist dieser Ort zu eng, manchmal vielleicht nicht friedlich, aber in der Regel doch der Fleck, an den man gehört - voller Dinge, Gerüche, Rituale, die einem Menschen zeigen, dass er Teil von etwas ist.

Natürlich gibt es auch Kinder, die ohne Nestwärme aufwachsen, die aus welchen Gründen auch immer schon früh in den Fluss der Veränderlichkeit geworfen werden und sich nach einem Ort oder Umfeld sehnen, die ihnen Verbindlichkeit schenken. Und sie vor dem Selbstverlust schützen. Manchmal genügt es schon, dass einer anders ist als die Anderen, um die Sehnsucht nach dem Angenommensein eines Zuhauses in ihn zu pflanzen. Davon erzählt der Publizist Daniel Schreiber in seinem sehr persönlichen Essay "Zuhause". Als Erwachsener genießt er den Luxus, in Städten wie Berlin, New York, London zu leben. Überall hat er Freunde - zu Hause fühlt er sich nirgends. Schreiber sucht nach den Ursachen für seine Unfähigkeit anzukommen, und landet bei seiner Kindheit in der DDR. Als schwuler Junge war er im öffentlichen System nicht erwünscht, wurde in der Schule drangsaliert und ausgesondert. So kann einer zum Nomaden werden, zum Wanderer zwischen den Welten, der nie wieder Vertrauen aufbringt, es mit nur einem Ort verbindlich zu versuchen.

Irgendwann schraubt er in seiner Berliner Wohnung endlich die Garderobe an die Wand und richtet seine Küche ein. Er verordnet sich Reisepausen, lädt Freunde ein und lädt sie wieder ein, weil er immer noch in der Stadt ist. Er macht einen Ort zu seinem Zuhause.

Natürlich ist ein Leben als Kosmopolit auch reizvoll. Und es gibt Lebensphasen, in denen man das Zuhausesein nicht braucht. Alles ist dann auf Entdeckung ausgerichtet. Der Mensch will streunen, neue Erfahrungen machen, sich in die Welt werfen und sehen, was passiert. Die Zeit nach dem Schulabschluss ist meist so eine Phase, aber man kann sie auch später noch erleben. Zuhause bedeutet ja auch Haftung; und es kann Zeiten geben, da man diesen Halt nicht benötigt, da die Neugier das Schutzbedürfnis überwiegt.

Man kann sich im Zuhause-Gefühl ja auch einigeln. Kann es sich zu behaglich machen im Vertrauten, umgeben von Menschen, die einem nicht widersprechen, die fühlen und denken wie man selbst. Mentales "Cocooning". Nisten in der Meinungsblase. Dann wird das Zuhause zur bornierten Festung und zieht die Verachtung eines Theodor W. Adorno auf sich, der auf der Flucht vor dem Faschismus im Exil schrieb: "Es gehört zur Moral, nicht bei sich selbst zu Hause zu sein." Das ist die schroffe Zurückweisung der Sehnsucht nach Zugehörigkeit, die im totalitären System des Nationalsozialismus in die Barbarei geführt hatte.

Es geht also um die Balance zwischen notwendiger Unbehaustheit - einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber allzu wohliger Zufriedenheit mit den Verhältnissen, und dem Bedürfnis nach Stabilität im eigenen Leben. Dieses Ankerwerfen in der Gegenwart ist nicht nur eine Frage des Ortes, aber wer ein bewegtes Leben führt, läuft eher Gefahr, davonzudriften und sich irgendwann selbst zu verlieren. Ein Zuhause kann überall sein. Aber es kann nicht überall zugleich sein. Wer fühlen will, wo er daheim ist, muss eine Wahl treffen, muss sich einlassen, muss damit leben, andere Optionen zu verpassen. Eigentlich gar nicht so schwer.

(dok)
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