Fotos aus dem Gazastreifen Was hinter dem Wortgefecht zwischen Baerbock und Netanjahu steckt

Capri · Israels Ministerpräsident gilt als harter Knochen. Selbst Verbündeten tritt er mit offenem Visier gegenüber. Wer dagegen hält, bekommt Netanjahus Vehemenz zu spüren, so nun wohl auch die deutsche Außenministerin.

Handschlag mit Aussprache: Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Besuch in dieser Woche bei Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu

Handschlag mit Aussprache: Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock bei ihrem Besuch in dieser Woche bei Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu

Foto: dpa/Bernd von Jutrczenka

Ein Besuch bei Benjamin Netanjahu ist wie ein schweres Auswärtsspiel. Die Verteidigung muss stehen. In diesem Fall könnte Angriff die beste Verteidigung gewesen sein. Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock war in den vergangenen zwei Monaten zwei Mal beim israelischen Ministerpräsidenten. 120 Minuten Auge in Auge Mitte Februar, kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz. Und 90 Minuten in dieser Woche, knapp vor dem Treffen der G7-Außenminister auf der Mittelmeerinsel Capri. Es heißt, der britische Außenminister David Cameron, der gleichfalls einen Termin bei Netanjahu hatte, habe Baerbocks Klartext gelobt. Die deutsche Amtskollegin habe schon „aufgeräumt“, bevor Cameron mit Netanjahu gesprochen habe. Baerbocks Mission: Netanjahu von einem nächsten schweren militärischen Angriff gegen die Hamas in Gaza abzuhalten, weil dies auf Kosten vieler unschuldiger Zivilisten gehen würde. Zudem wollte die deutsche Chefdiplomatin den israelischen Regierungschef davon überzeugen, den Konflikt mit Iran nicht durch einen Gegenangriff weiter anzuzünden.

Israels Regierungschef gilt als harter Knochen. Dass Netanjahu laut werden kann, haben schon andere Gesprächspartner zu spüren bekommen. Nun sollen sich Netanjahu und Baerbock bei ihrem Gespräch ordentlich gezofft haben, berichtete zunächst der israelische Sender „Channel 13“, den sich die „Bild“-Zeitung anschließend nach eigener Darstellung habe bestätigen lassen. Von einem Wortgefecht ist die Rede. Auslöser sollen Bilder aus Gaza gewesen sein, die Netanjahu Baerbock habe zeigen lassen. Darauf sollen Märkte im Gaza-Streifen zu sehen gewesen sein, deren Auslagen gut gefüllt gewesen seien. Zudem hätten die Israelis Aufnahmen von Stränden in Gaza vorgeführt, auf denen Palästinenser zu sehen gewesen seien, die gebadet und sich gesonnt hätten. Baerbock hielt dagegen. In Gaza herrsche eine Hungersnot. Sie wiederum könne Bilder hungernder Kinder zeigen. Das Auswärtige Amt nennt die Darstellung der „Bild“ in einer Reaktion „falsch und irreführend“. Trotzdem hält sich der Eindruck, dass der Lautstärkeregler beim Gespräch zwischen Baerbock und Netanjahu offenbar einen Defekt hatte. Baerbock habe „angefasst“ reagiert und Netanjahu gefragt, ob er sagen wolle, dass Ärzte in Gaza wie auch internationale Medien nicht die Wahrheit berichteten. Baerbock sagt auf Nachfrage zum Streit am Rande von G7 in Capri: „Wir berichten nicht aus vertraulichen Gesprächen.“ Der deutsche Botschafter Steffen Seibert sei im Kontakt mit dem Stab von Netanjahu.

Baerbock mag den politischen Nahkampf, weil sie von ihrem Naturell her gerne dagegenhält. Zu früheren Zeiten hat dies auch schon der russische Außenminister Sergej Lawrow, ein Meister der politischen Lüge, zu spüren bekommen. Je härter der Gegner, umso klarer wird Baerbock. Bei Netanjahu, der als Langzeit-Regierungschef mit allen politischen Wassern gewaschen ist, muss Baerbock für sich verbuchen, dass er ihr zwar zugehört, aber dann doch sein Ding gemacht hat. Jede Regierung entscheide für sich alleine, hatte er später vor Kameras zur Möglichkeit einer militärischen Antwort Israels auf den iranischen Drohnenangriff gesagt. Italiens Außenminister Antonio Tajani schickt am letzten Tag des G7-Treffens auf der Mittelmeerinsel Capri ein Wort als Botschaft sowohl an Israel als auch an Iran: „Deeskalation“. Auch US-Außenminister Antony Blinken sagt: „Deeskalation.“ Ob es hilft? Blinken hat noch gesagt: „Gemeinsame Diplomatie kann den Unterschied machen.“ Baerbock hat unter vier Augen erfahren, wie Netanjahu eskalieren kann.

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