Düsseldorf: Zehn Jahre lang gemeinsam lernen?

Düsseldorf: Zehn Jahre lang gemeinsam lernen?

In ihrem Entwurf für ein neues Schulgesetz sehen SPD und Grüne auch die Möglichkeit vor, gemeinsames Lernen von Klasse 1 bis Klasse 10 anzubieten. Um die Frage, ob das sinnvoll ist, tobt seit Jahrzehnten ein politischer Glaubenskrieg – bisher ohne Entscheidung. Ein Pilotprojekt läuft in Bielefeld.

Die Neuerung steckt ganz am Ende, in Paragraf 132 b. Da kommt der Entwurf für ein neues NRW-Schulgesetz, den SPD und Grüne am Dienstag beschlossen haben und der vor allem der Absicherung der Gemeinschaftsschule dient, auf die "Weiterentwicklung von Schulversuchen" zu sprechen. Es solle erprobt werden, heißt es in dem Entwurf, ob durch die Fusion einer Gemeinschafts- mit einer Grundschule "die Chancengerechtigkeit und die Leistungsfähigkeit des Schulwesens erhöht werden und die Schülerinnen und Schüler dadurch zu besseren Abschlüssen geführt werden können". Der Versuch soll 2013 starten; maximal 15 Schulen sollen teilnehmen können.

Rot-Grün treibt damit ein Lieblings-Projekt voran: längeres gemeinsames Lernen. So werde das Schulsystem "gerechter und leistungsstärker", konstatiert der Koalitionsvertrag – und stellt weiter fest: "Die Aufgabe des gemeinsamen Lernens stellt sich allen Schulen." Kernprojekt ist die Gemeinschaftsschule für die Sekundarstufe I, also die Klassen 5 bis 10. Bis Klasse 6 werden die Kinder gemeinsam unterrichtet; ab Klasse 7 kann, muss aber nicht differenziert werden – anders als in der Gesamtschule, in der differenziert werden muss.

Der neue Schulversuch im aktuellen Gesetzentwurf ist ein weiterer Schritt Richtung gemeinsames Lernen. Schon die gerichtlich gestoppte Errichtung von Gemeinschaftsschulen per Schulversuch erlaubte eine "Gemeinschaftsschule der Primarstufe und der Sekundarstufe I", also die Möglichkeit, den Schulwechsel nach Klasse 4 zu streichen.

Anträge dafür gibt es noch nicht; nach Angaben des Ministeriums ist unter den etwa 100 Kommunen, die für 2012 an einer Gemeinschaftsschule interessiert sind, nur eine Handvoll, die auch Grundschulen einbeziehen wollen. Der neue Schulversuch sei daher keineswegs der Einstieg ins Einheitsschulsystem, versichert Rot-Grün.

Ob Kinder und Jugendliche über das vierte Schuljahr hinaus zusammenbleiben sollen, noch dazu an derselben Schule und im selben Klassenverband, ist eine politische Glaubensfrage. Der Streit tobt seit Jahrzehnten; eine Entscheidung im Krieg der Gutachter ist nicht absehbar. Befürworter verweisen auf Finnland, das auf gemeinsames Lernen bis zum neunten Schuljahr setzt und in Pisa-Vergleichen regelmäßig vorn liegt. Zudem schnitten deutsche Schüler nach der (integrierten) Grundschule international besser ab als nach der (differenzierten) Sekundarstufe I. Und eine Neuauswertung der Studie zum Lese- und Mathematik-Verständnis von Berliner Schülern sorgte 2009 für Furore: Das Gymnasium ab Klasse 5 biete in keinem Bereich Förderung, die eine längere Grundschule nicht biete, resümierte Bildungsforscher Jürgen Baumert vom Berliner Max-Planck-Institut.

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Aber auch wer gegen längeres gemeinsames Lernen ist, hat Wissenschaftler auf seiner Seite: So schnitt etwa Frankreich, das wie Finnland auf ein integriertes System setzt, bei Pisa zuletzt schlechter als Deutschland ab. Der Deutsche Lehrerverband verweist außerdem auf eine Studie von 1997 – auch vom Max-Planck-Institut –, die schwächere Leistungen nach einer sechsjährigen Grundschulzeit konstatierte. Und: Auch die Gesamtschule könne den Zusammenhang zwischen Herkunft und Bildungserfolg nicht "nachhaltig reduzieren", befand der Bildungsforscher Olaf Köller 2008.

Immerhin gibt es in NRW schon eine Möglichkeit, die Folgen längeren gemeinsamen Lernens praktisch zu studieren: In Bielefeld hat das Land 1974 die sogenannte Laborschule gegründet – mit gemeinsamem Unterricht vom Vorschuljahr bis Klasse 10; in der Sekundarstufe gibt es Wahlmöglichkeiten. Eine Studie bescheinigt den Schülern überdurchschnittliche Leistungen, vermutet aber, das liege auch an "tendenziell günstigeren Lernvoraussetzungen" wie dem hohen Bildungsniveau der Eltern. Die Umgebung nützt offenbar vor allem den Mädchen; die Leistungen der Jungen lägen teils "unter den erwarteten Werten", heißt es. Laborschüler seien aber eher bereit, soziale Verantwortung zu übernehmen.

Der vollmundige Satz des Koalitionsvertrags, längeres gemeinsames Lernen sorge für mehr Gerechtigkeit, ist also weiterhin mindestens umstritten. Wichtiges Argument gegen das Labor-Modell ist schließlich auch das Geld: Derart bevorzugt ausgestattete Schulen dürften landesweit schwer finanzierbar sein.

Der Streit um die Schulreform in Nordrhein-Westfalen ging gestern weiter. Die FDP warnte die CDU, Rot-Grün den Weg zur Gemeinschaftsschule zu ebnen. Der neue Schultyp sei ein "Generalangriff auf das gegliederte Schulwesen", sagte Fraktionschef Gerhard Papke. Wenn die CDU mitmache, wäre dies ein "historischer Fehler". FDP-Landeschef Daniel Bahr warf Rot-Grün vor, unbeirrt an der Gemeinschaftsschule festzuhalten.

Gestern kamen nach Informationen unserer Zeitung CDU-Landeschef Norbert Röttgen und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) zu ihrem dritten Gespräch über die künftige Schulstruktur zusammen. Möglicherweise gibt es bis zum Wochenende ein Signal, ob beide Seiten eine Einigung für möglich halten. Dann soll während der Sommerpause versucht werden, einen gemeinsamen Entwurf zur Schulstruktur vorzulegen.

(RP)
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