Düsseldorf: Wulffs Mailbox-Nachricht veröffentlicht

Düsseldorf: Wulffs Mailbox-Nachricht veröffentlicht

"Ich bin auf dem Weg zum Emir ..." – mit diesen Worten soll nach Darstellung mehrerer Medien die geheimnisumwitterte Nachricht beginnen, die Bundespräsident Wulff auf der Mailbox des "Bild"-Chefredakteurs hinterließ. Über die Interpretation dessen, was er danach sagte, gibt es weiter Rätselraten: War es eine Bitte, eine Kriegserklärung oder beides?

Es ist Montag, der 12. Dezember 2011. Bundespräsident Christian Wulff ist im Rahmen einer Arabien-Reise auf Staatsbesuch in Katar. Um 18.19 Uhr deutscher Zeit greift Wulff zum Handy und ruft den Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, an. Dieser hält sich in New York auf und geht nicht ans Telefon.

Wulff spricht jene geheimnisumwitterte Nachricht auf die Mailbox von Diekmanns Mobiltelefon, die die Kreditaffäre um Wulff in der vergangenen Woche erheblich verschärft hat. Was Wulff zu welchem Zweck gesagt hat, ist zwischen der Zeitung und dem Präsidenten strittig: Bat der Präsident lediglich um Aufschub der Berichterstattung, um Zweifel ausräumen zu können, oder wollte er die Berichterstattung komplett verhindern? Wozu diente sein späterer ähnlich unfreundlicher Anruf beim Vorstandsvorsitzenden des Axel Springer Verlags, Mathias Döpfner?

Dem Antrag der "Bild"-Zeitung, die Botschaft auf Diekmanns Mailbox veröffentlichen zu dürfen, widersprach Wulff. "Bild"-Chefredakteur Diekmann schickte ihm daraufhin eine Abschrift der Nachricht, damit er sich "nicht nur auf seine Erinnerung" verlassen müsse. Ob die immer ausführlicheren Details der Mailbox-Nachricht, die am Wochenende im "Spiegel", der "FAS", bei "stern.de", in der "Süddeutschen Zeitung", von ARD und ZDF veröffentlicht wurden, aus dieser oder anderen Quellen stammen, ist unklar. Die gleichlautenden Auszüge der Nachricht werden jedoch aus Kreisen des Springer-Verlags wie aus dem weiteren Umfeld des Präsidenten als "authentisch" bezeichnet.

Demnach sagte Wulff unter anderem: "Ich bin auf dem Weg zum Emir ... und deswegen hier sehr eingespannt ... Ich habe alles offengelegt, Informationen gegeben, mit der Zusicherung, dass die nicht verwandt werden. Die jetzt indirekt verwandt werden, das heißt, ich werde jetzt auch Strafantrag stellen gegenüber Journalisten morgen, und die Anwälte sind beauftragt ... Warum können Sie nicht akzeptieren, dass das Staatsoberhaupt im Ausland ist und zu warten, bis ich Dienstagabend wiederkomme, also morgen, und Mittwoch eine Besprechung zu machen, wo ich ... mit den Redakteuren rede ... und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen ..."

Selbst wenn Wulff nicht mehr zu zweifeln scheint, dass es "Krieg" gibt, stützen diese Äußerungen erst einmal den Eindruck, den er in seinem TV-Interview vom Mittwoch zu erwecken suchte: dass er lediglich um eine Verschiebung der Berichterstattung gebeten habe.

Jedoch wird er im Laufe des Anrufs massiver, wenn er sagt: "Wenn man nicht bis Mittwoch wartet und dann sagt: Okay, wir wollen den Krieg und führen ihn ... So wie das gelaufen ist in den letzten Monaten ist das inakzeptabel, und meine Frau und ich werden ... eine Pressekonferenz machen zwischen dem japanischen Ministerpräsidenten und weiteren Terminen und werden dann entsprechend auch öffentlich werden, weil diese Methoden Ihrer Journalisten, des investigativen Journalismus nicht mehr akzeptabel sind ... Der Rubikon ist für mich überschritten und für meine Frau auch ... Das bedeutet den endgültigen Bruch zwischen dem Bundespräsidenten und dem Springer Verlag ..."

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Diese Aussagen kann man als eine Aufforderung verstehen, die Berichterstattung zu unterlassen. So wird sie auch im Springer Verlag, von zahlreichen anderen Medienvertretern und nahezu allen von unserer Zeitung befragten Politikern interpretiert. Wulff bezieht sich dabei auch auf sein über Jahre freundschaftliches Verhältnis mit der "Bild"-Zeitung, die vor allem seine glamouröse Frau Bettina mit bunten Geschichten begleitete.

Erst im Vorfeld der Bundesversammlung, die Wulff 2010 erst im dritten Wahlgang erkor, sprachen sich die Medien des konservativen Verlages für Wulffs Mitbewerber Joachim Gauck aus. "Yes, we Gauck!" lautete etwa eine Schlagzeile der ebenfalls von Diekmann herausgegebenen "Bild am Sonntag". Der Herausgeber der "Welt am Sonntag", Thomas Schmid, ein enger Vertrauter von Friede Springer und Döpfner, erklärte gestern sogar in seinem Blatt, er habe maßgeblich an Gaucks Kandidatur mitgewirkt. Wulffs Darstellung suchte die "Bild"-Zeitung in ihrer Samstag-Ausgabe mittels eines "Recherche-Protokolls" zu entkräften. Demnach fragte die Zeitung am 28. November 2011 im Präsidialamt nach Details der Eigenheimfinanzierung. Die Zeitung wie auch andere Medien war schon seit langem auf ein in Hannover umlaufendes Gerücht aufmerksam geworden, Wulffs Eigenheim in Burgwedel in Hannover sei durch einen Privatkredit des schillernden Finanzdienstleisters Carsten Maschmeyer finanziert worden. Der "Spiegel" klagte am 27. August 2011 unter Berufung auf das Informationsfreiheitsgesetz erfolgreich vor dem Bundesgerichtshof auf Einsichtnahme ins Grundbuch. Dem Vernehmen nach nimmt Wulff auf das Maschmeyer-Gerücht in seiner Mailbox-Nachricht unmittelbar Bezug und weist es von sich.

Am 6. Dezember dann, sechs Tage vor der Veröffentlichung, legte der im Laufe der Affäre entlassene Präsidentensprecher Olaf Glaeseker Dokumente zu dem Kredit vor und nannte auch die Osnabrücker Unternehmergattin Edith Geerkens als Kreditgeberin. Der Präsident behauptet auf der Mailbox, dies sei unter der Zusicherung geschehen, dass Frau Geerkens anonym bleibe.

Der zuständige "Bild"-Reporter Martin Heidemanns bestreitet das und schreibt: "Er (Glaeseker) bat mich, bei der Einsichtnahme den Namen des Kreditgebers nicht zu erwähnen. Ich lehnte mit dem Hinweis ab, ich sei Journalist und kein Geheimniskrämer ... Darauf Glaeseker: Okay, Sie dürfen es auch so sehen. Ich habe wiederholt: Ich gebe Ihnen keine Zusagen ... Dann deckte er den Vertrag auf."

Die Zeitung gewährte dem Präsidialamt in der Folge noch einen eintägigen Aufschub bei der Beantwortung von Fragen. Glaeseker beantwortete sie, zog die Antworten aber kurz vor Wulffs Anruf bei Diekmann und Döpfner zurück. Warum der Präsident so handelte, harrt somit trotz der jüngsten Veröffentlichungen noch der Aufklärung.

(RP)
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