Neue Biographie zum 100. Geburtstag: Willy Brandt - Schweiger und Menschenfänger

Neue Biographie zum 100. Geburtstag: Willy Brandt - Schweiger und Menschenfänger

Die SPD würdigt am Mittwoch mit einem Festakt den langjährigen Vorsitzenden und ersten SPD-Bundeskanzler Willy Brandt, der an diesem Tag 100 Jahre alt geworden wäre. Zu diesem Termin erscheint eine neue lesenswerte Biographie über den Politiker.

Spätsommer 1992. Willy Brandt weilte in seinem Haus in Unkel bei Bonn. Der frühere Bundeskanzler, schwer von Krebs gezeichnet, hatte nur noch wenige Wochen zu leben. Alte Weggefährten eines reichen politischen Lebens machten Brandt ihre Aufwartung.

Am 20. September 1992 meldete sich Michail Gorbatschow an der Sprechanlage von Brandts Haus. Der Russe, der mit seiner Politik das Ende des Ost-West-Konfliktes eingeleitet und der am Ende die deutsche Wiedervereinigung möglich gemacht hatte, wollte Brandt, der mit seiner "Ostpolitik" die Berliner Mauer durchlässiger zu machen gedachte, einen Besuch abstatten. Brandts Ehefrau Brigitte Seebacher glaubte an einen schlechten Scherz und verweigerte Gorbatschow den Zutritt.

Gut drei Wochen später starb Willy Brandt, am 8. Oktober. Der frühere "Spiegel"-Journalist Hans-Joachim Noack hat nun zum 100. Geburtstag Brandts am 18. Dezember eine umfassende Biographie des SPD-Politikers und Friedensnobelpreisträgers von 1971 vorgelegt. Sie ist süffig geschrieben, sie informiert sachkundig über die Zeit und politischen Grundströmungen der Studentenunruhen und der Nachrüstungsdebatte in der Bundesrepublik. Sie zeigt Sympathie für einen Politiker und bedeutenden Kanzler, der in Deutschland mehr Demokratie wagen wollte.

  • Fotos : Willy Brandt und die Affäre Guillaume

Brandt-Bücher gibt es einige, die chronologisch den Weg des Genossen schildern von der schweren Kindheit, über die ersten Schritte in der SPD und der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), sein Exil in Norwegen, sein Wirken als Regierender Bürgermeister von Berlin, seine Zeit als Außenminister und seine Kanzlerschaft in einer SPD/FDP-Regierung bis hin zum Spion Günter Guillaume, den die DDR-Oberen auf ihn angesetzt hatten. Guillaume war einer der engsten Mitarbeiter Brandts. Enttäuscht über den Vorfall und die Fahrlässigkeiten innerhalb der damaligen Bundesregierung trat Brandt am 6. Mai 1974 vom Kanzleramt zurück.

Noacks Buch ist ein sehr persönliches Buch. Der Autor bekennt, als junger Reporter zu "den Willy-Fans" gehört zu haben. Doch Noack setzt sich auch mit den Widersprüchlichkeiten in der Person Brandts auseinander. Er habe große Kraft besessen, weil er an sein politisches Anliegen glaubte. Massentauglich nannte Helmut Schmidt Brandts Fähigkeit, die Menschen mitzunehmen, auf sie zuzugehen, sie zu begeistern. Doch Noack schreibt, dass Brandt im Gespräch schwierig gewesen sei, dass er "manchmal Gespräche versanden lassen konnte, der Rest war Schweigen. Brandt als Mann von Weltgeltung mit erstaunlichem Lampenfieber - all dies seltsam, aber ein Teil seines Wesens.

Das amerikanische "Time-Magazine" kürte Brandt 1970 zum Mann des Jahres mit der Begründung, er habe die interessantesten und hoffnungsvollsten Visionen eines neuen Europa ins Auge gefasst, seit sich der Eiserne Vorhang herabsenkte. Brandt hatte mit seiner Ostpolitik den Ost-West-Konflikt aufgebrochen. Mitte der achtziger Jahre sah er in dem Glauben an die Wiedervereinigung noch eine "Lebenslüge". Noack: "In den entscheidenden Wochen der Wende zählt insbesondere der regierende Helmut Kohl den Vorgänger seiner Entspannungsbemühungen wegen ausdrücklich zu den bedeutsamen Wegbereitern der Einheit, und der Sozialdemokrat bedankt sich dafür."

(RP)
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