Warum Geld allein nicht glücklich macht: Wie sich gutes Leben messen lässt

Warum Geld allein nicht glücklich macht : Wie sich gutes Leben messen lässt

Die Bundesregierung will nicht mehr allein auf das Bruttoinlandsprodukt setzen, wenn es darum geht, den Wohlstand im Land zu bestimmen. Künftig sollen auch die Lebensumstände der Bürger beleuchtet werden.

Die Lebensweisheit, dass Geld allein nicht glücklich macht, soll in den nächsten Jahren in politisches Handeln umgesetzt werden. Kanzlerin und Minister wollen sich von den Bürgern erklären lassen, was für sie über ein auskömmliches Einkommen hinaus "gutes Leben" bedeutet.

Ziel ist es, künftig einen Bericht zu erstellen, der Wohlstand und gesellschaftlichen Fortschritt misst und dabei über die klassische ökonomische Wohlstandsmessung hinausgeht. Die Briten haben dafür den Begriff "Well-being" erfunden — er beschreibt die Zufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation, was Finanzen, Gesundheit und soziales Umfeld betrifft.

"Die Grenzen des Wachstums"

Schon seit 1972 der Club of Rome seinen Welt-Bestseller "Die Grenzen des Wachstums" veröffentlichte, wird nach einer neuen Zielmarke für die Politik gesucht, bei der es nicht mehr allein um die Steigerung der Wirtschaftsleistung geht. Das Wohlergehen der Menschen, das ist inzwischen auch unter Ökonomen Konsens, kann mit dem Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) — also des Wertes aller Güter und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahres in einem Land erzeugt werden — nicht zufriedenstellend abgebildet werden. Es geht also um einen neuen Wohlstandsbegriff.

Vor Jahren schon beauftragte der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy führende Ökonomen, darunter den Nobelpreisträger Amartya Sen, mit der Suche danach. Das Ergebnis, das die Ökonomen 2009 vorlegten, war auch Richtschnur für eine Enquete-Kommission des Bundestags in Deutschland.

Künftig, so der wichtigste Befund Sens und seiner Kollegen, sollte nicht die gesamtwirtschaftliche Produktion, sondern das Pro-Kopf-Einkommen im Zentrum der wirtschaftlichen Betrachtung stehen. Hinzukommen müssten Erkenntnisse über die Einkommens- und Vermögensverteilung, den Zugang zu Bildung, die öffentliche Sicherheit und den Zustand der Natur.

Die Bundestags-Enquete-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" hatte in der vergangenen Legislaturperiode nach zwei Jahren intensiver Arbeit ein Konzept zur Messung der Lebensqualität entwickelt. Die 17 Politiker aller Bundestagsparteien und 17 externe Experten einigten sich auf drei Bereiche, die für die Lebensqualität der Bürger wichtig sind: den materiellen Wohlstand, die Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit sowie das ökologische Umfeld. Anschließend einigte sich die Kommission auf zehn statistische Einzelindikatoren. Dazu gehören unter anderem weiterhin die Wirtschaftsleistung und die Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens, aber auch die Einkommensverteilung, die öffentliche Verschuldung, die Beschäftigungsquote, die Lebenserwartung, die Bildungsabschlüsse, die Treibhausgasemissionen und die durch den Vogelindex ausgedrückte Artenvielfalt.

Zehn Indikatoren

Die Enquete-Kommission hatte der Bundesregierung in der vergangenen Legislaturperiode vorgeschlagen, diese zehn Indikatoren regelmäßig zu veröffentlichen. Auf einen einzigen Wohlstandsindikator, der in Konkurrenz zum Bruttoinlandsprodukt treten könnte, einigte man sich jedoch nicht. Das Kriterium des Bruttoinlandprodukts hat den Vorteil, dass in einer Zahl die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes beschrieben werden kann. Der Stein der Weisen, wie auf diese einfache Art auch Wohlstand oder Lebensqualität gemessen werden könnten, ist bislang nicht gefunden.

Politisch bedeutsam ist nicht die individuelle Zufriedenheit, sondern die Summe derselben, also das kollektive Glück. Wissenschaftlich erwiesen ist längst, dass die kollektive Zufriedenheit in einer Gesellschaft trotz Wirtschaftswachstums nicht mehr weiter zunimmt, wenn ein bestimmtes Wohlstandsniveau — wie in Deutschland — bereits erreicht ist. Auch individuell steigt die Zufriedenheit bei Gehaltssteigerungen kaum, wenn ein jährliches Einkommen von etwa 60 000 Euro (Netto-Haushaltseinkommen) bereits erreicht wurde.

Nun setzt die Regierung in der Frage, was Lebensqualität und gutes Leben ausmacht, auf die Schwarmintelligenz ihrer Bürger. Die direkte Kommunikation mit den Wählern ist mittlerweile für die Parteien selbstverständlich. Neu ist, dass eine Regierung bewusst als Koalition in den Dialog mit den Bürgern treten will. Bislang haben die Parteien getrennt ihre Foren und Diskussionsveranstaltungen abgehalten. Vor allem in Wahlkampfzeiten hat die Kommunikation mit dem Volk Konjunktur.

Kanzlerin eröffnet gesellschaftliche Debatte

Die Kanzlerin hat bereits in der vergangenen Wahlperiode mit ihrem "Zukunftsdialog" die Tür für breitere gesellschaftliche Debatten geöffnet. Schon in diesem Austausch mit Experten wurde klar, dass das Bruttoinlandsprodukt kein Maßstab für Zufriedenheit ist und zwar wirtschaftliches Wachstum, nicht aber gesellschaftlichen Fortschritt messen kann. Die Themen reichten von der Frage, wie viele Arbeitsplätze eigentlich verloren gehen, weil den Unternehmern die Nachfolger fehlten, bis hin zu der Herausforderung, wie die Gesellschaft auf die wachsende Zahl Demenzkranker reagieren muss. In 100 Dialogveranstaltungen, wie die Bundesregierung sie plant, dürften solche Fragen auch eine Rolle spielen.

"Die Frage, was genau Lebensqualität in welchem Umfang steigert, kann nur der jeweilige Bürger individuell beantworten", sagt der Chef des Sachverständigenrats, Christoph Schmidt. Es lasse sich aber ein breiter Konsens darüber feststellen, welche Aspekte des Lebens eine Rolle spielen, wenn es um Lebensqualität gehe. "Ziel der Politik sollte es sein, durch Orientierung an dem neuen Set aus Wohlstandsindikatoren die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass sich verschiedenste individuelle Wohlstandskonzepte auf hohem Niveau entfalten können."

(mar/qua)